Leben im Falschen http://lebenimfalschen.blogsport.de Sun, 13 Sep 2015 12:09:48 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Taubstummenanstalt – Theodor W. Adorno http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/13/taubstummenanstalt-theodor-w-adoron/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/13/taubstummenanstalt-theodor-w-adoron/#comments Sun, 13 Sep 2015 12:06:10 +0000 Polyphem Adorno Zitate Kritische Theorie http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/13/taubstummenanstalt-theodor-w-adoron/

„Während die Schulen die Menschen im Reden drillen wie in der ersten Hilfe für die Opfer von Verkehrsunfällen und im Bau von Segelflugzeugen, werden die Geschulten immer stummer. Sie können Vorträge halten, jeder Satz qualifiziert sie fürs Mikrophon, vor das sie als Stellvertreter des Durchschnitts plaziert werden, aber die Fähigkeit miteinander zu sprechen erstickt. Sie setzte mitteilenswerte Erfahrung, Freiheit zum Ausdruck, Unabhängigkeit zugleich und Beziehung voraus. Im allumgreifenden System wird Gespräch zur Bauchrednerei. Jeder ist sein eigener Charlie McCarthy: daher dessen Popularität. Insgesamt werden die Worte den Formeln gleich, die ehedem der Begrüßung und dem Abschied vorbehalten waren. Ein mit Erfolg auf die jüngsten Desiderate hin erzogenes Mädchen etwa müßte in jedem Augenblick genau sagen, was diesem als einer „Situation“ angemessen ist, und wofür probate Anweisungen vorliegen.

Solcher Determinismus der Sprache durch Anpassung aber ist ihr Ende: die Beziehung zwischen Sache und Ausdruck ist durchschnitten, und wie die Begriffe der Positivisten bloß noch Spielmarken sein sollen, so sind die der positivistischen Menschheit buchstäblich zu Münzen geworden. Es geschieht den Stimmen der Redenden, was der Einsicht der Psychologie zufolge der des Gewissens widerfuhr, von deren Resonanz alle Rede lebt: sie werden bis in den feinsten Tonfall durch einen gesellschaftlich präparierten Mechanismus ersetzt. Sobald er nicht mehr funktioniert, Pausen eintreten, die in den ungeschriebenen Gesetzbüchern nicht vorgesehen waren, folgt Panik. Um ihretwillen hat man sich auf umständliches Spiel und andere Freizeitbeschäftigungen verlegt, die von der Gewissenslast der Sprache dispensieren sollen. Der Schatten der Angst aber fällt verhängnisvoll über die Rede, die noch übrig ist. Unbefangenheit und Sachlichkeit in der Erörterung von Gegenständen verschwinden noch im engsten Kreis, so wie in der Politik längst die Diskussion vom Machtwort abgelöst ward.

Das Sprechen nimmt einen bösen Gestus an. Es wird sportifiziert. Man will möglichst viele Punkte machen: keine Unterhaltung, in die nicht wie ein Giftstoff die Gelegenheit zur Wette sich eindrängte. Die Affekte, die im menschenwürdigen Gespräch dem Behandelten galten, heften sich verbohrt ans pure Rechtbehalten, außer allem Verhältnis zur Relevanz der Aussage. Als reine Machtmittel aber nehmen die entzauberten Worte magische Gewalt über die an, die sie gebrauchen. Immer wieder kann man beobachten, daß einmal Ausgesprochenes, mag es noch so absurd, zufällig oder unrecht sein, weil es einmal gesagt ward, den Redenden als sein Besitz so tyrannisiert, daß er nicht davon ablassen kann. Wörter, Zahlen, Termine machen, einmal ausgeheckt und geäußert, sich selbständig und bringen jedem Unheil, der in ihre Nähe kommt. Sie bilden eine Zone paranoischer Ansteckung, und es bedarf aller Vernunft, um ihren Bann zu brechen.

Die Magisierung der großen und nichtigen politischen Schlagworte wiederholt sich privat, bei den scheinbar neutralsten Gegenständen: die Totenstarre der Gesellschaft überzieht noch die Zelle der Intimität, die vor ihr sich geschützt meint. Nichts wird der Menschheit nur von außen angetan: das Verstummen ist der objektive Geist.“ (Theodor W. Adorno – Zitiert aus: „Minima Moralia“ S. 155ff | Oder auch hier auf Seite 79)

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Antiimperialismus – Clemens Nachtmann http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/10/antiimperialismus-clemens-nachtmann/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/10/antiimperialismus-clemens-nachtmann/#comments Thu, 10 Sep 2015 17:31:34 +0000 Polyphem Zitate http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/10/antiimperialismus-clemens-nachtmann/

Die nachfolgende, für den Neuabdruck teils gestraffte, teils erweiterte und teils veränderte Polemik wurde 1992 mit Blick auf die damalige „Radikale Linke“ geschrieben. Weit verbreitet war nämlich dort die Einschätzung, daß die Linken, nachdem sie um 1989 schon die Idee einer besseren Gesellschaft „aufgegeben“, anläßlich des Golfkrieges auch „Abschied“ vom Anti-Imperialismus genommen hätten. Bei aller Kritik, die man auch als Linksradikaler daran üben müsse, sei am Anti-lmperialismus doch grundsätzlich festzuhalten.

Demgegenüber versuchte der Artikel daran zu erinnern, daß die sogenannte „Verabschiedung“ des Anti-Imperialismus nicht erst 1991, sondern schon etwa 15 Jahre vorher angefangen hatte: exemplarisch dafür steht die 1979 erschienene Nr. 57 des bereits damals als zuverlässiger Seismograph des Zeitgeists fungierenden Kursbuch. Sein Titel: „Der Mythos des Internationalismus“. Gegen das wohlfeile Verrats-Geschrei schließlich wurde eingewandt, daß der sogenannte „Abschied“ vom Anti-lmperialismus selber nur „enttäuschter Anti-lmperialismus“ ist – er sei, so hieß es. „die in ihr Gegenteil umgeschlagene und schon immer falsche Idee, wonach diejenigen, die im System weltweiter Kapitalakkumulation die Geschädigten sind. auch noch die besseren Menschen zu sein haben“. Schon deshalb komme an einer Grundsatzkritik des Anti-Imperialismus nicht vorbei, wer dessen „Verabschiedung“ treffen wolle.

Heute, nur vier Jahre später, ist die mit markigen anti-imperialistischen Parolen hausieren gehende Soli-Arbeit klassischen Zuschnitts de facto nicht mehr existent, so daß die damals angestellten Überlegungen nun gegenstandlos scheinen. Mit dem Antiimperialismus sind jedoch keineswegs die mit ihm stets notwendig verbundenen Haltungen, Denk- und Politikformen verschwunden, im Gegenteil: früher noch weithin exklusive Angelegenheit linker Splittergruppen, sind sie nun zum gesellschaftlichen Allgemeingut geworden. Das Stadium, wo bei den Ex-Linken Reue und Zerknirschung auf der Tagesordnung standen, ist längst vorbei, und aus der rituellen „Selbstkritik“ steigen die alten Parolen taufrisch und runderneuert hervor. Die Linken, die aufgrund ihrer einschlägigen Erfahrungen anfangs noch ideologische Vorhut spielen konnten, sind dabei längst ins Hintertreffen geraten. Nicht Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, sondern Christian Schwarz-Schilling und Tilman Zülch sind die neue Generation bundesdeutscher Anti-Impis. Der gesamte sinnlos donnernde Schrott anti-imperialistischer Phrasen, der einem aus einer anderen Zeit und aus einem anderen Zusammenhang noch vertraut ist, kehrt nun wieder, hat allerdings einen neuen Gegenstand und neue Träger gefunden. Der gesellschaftsfähig gewordene Anti-lmperialismus präsentiert sich dabei noch plumper und platter, als er jemals war und als man ihn, zum Zwecke der Kritik bewußt übertreibend, beschrieben hatte. Seine Weltsicht ist mit dem Kampf von „Gut“ und „Böse“ eigentlich erschöpfend charakterisiert. Das finstere Subjekt, dem alle erdenklichen Übel angelastet werden, ist freilich nun nicht mehr „der Imperialismus“, sondern sind „die Serben“, statt in Vietnam wird nun in Bosnien ein „Völkermord“ entdeckt, statt für „kämpfende Völker“ in Nicaragua oder Mocambique begeistert man sich nun für muslimische oder kroatische Mordbanden und den „Sieg im Volkskrieg“ wünscht man nun nicht mehr Arafat und den Palästinensern, sondern Dudajew und den Tschetschenen.

Wie in anderen Zusammenhängen, so gilt eben auch hier ein die bürgerliche Gesellschaft allgemein charakterisierendes Merkmal in Deutschland im besonderen Maße: daß die allgemeinen Denkformen ausschlaggebender sind als der unter ihnen befaßte Inhalt.

Das Entscheidende am Anti-lmperiaIismus sind nicht dessen bekannte und immer wieder kritisierte Begleit- und Folgeerscheinungen – die Dritt-Welt-Romantik, die Projektion eigener revolutionärer Hoffnungen auf Bewegungen in fernen Ländern etc. – sondern das diesen Erscheinungen zugrundeliegende Prinzip: ein bestimmter Begriff bzw. eine bestimmte Vorstellung von „Imperialismus“. Zwar existierte zu keiner Zeit ein theoretisch explizit formulierter Begriff des Imperialismus, der für die bundesdeutsche Linke verbindlich gewesen wäre. Als Imperialismus-Begriff kann jedoch das Ensemble all jener stillschweigend vorausgesetzten oder ausdrücklich genannten Aussagen und Annahmen über den Imperialismus gelten, welches sich aus den von ihren Erscheinungsformen her durchaus verschiedenen anti-imperialistischen Agitations- und Aktionsformen ableiten läßt.

Auffällig ist zunächst, daß im Anti-lmperialismus davon ausgegangen wird, alles Elend in der sogenannten „Dritten Welt“ sei zurückzuführen auf einen Verursacher, welcher es bewußt und mit böser Absicht produziert und aufrechterhält. Dieses finstere Subjekt soll nun der „Imperialismus“ sein. Wenn Linke also vom „Imperialismus“ reden, dann ist mit diesem Begriff weder, wie bei Lenin, ein bestimmtes „Stadium“ in der Entwicklung des Kapitalismus noch, wie eine lexikalische Definition uns lehrt, Expansions- und Machtstreben, also eine Eigenschaft von Staaten gemeint. Vielmehr ist „Imperialismus“ der Name für ein weltweit handelndes Subjekt, das zwar als bewußt und selbstbewußt handelndes auf der Weltbühne auftritt, als solches aber merkwürdig blaß und unbestimmt bleibt und somit greifbar nur an seinen Erscheinungsformen ist: skrupellosen Multis, fiesen Bankern, finsteren counterinsurgency-Strategen, stiernackigen Militärs, gegen welche Schurken dann auch anti-imperialistischerseits mit großer moralischer Verve zu Felde gezogen wird und welche, zusammenaddiert, das Subjekt „Imperialismus“ ergeben.

Konstitutiv für den gemeinplätzlichen linken Imperialismus-Begriff ist also die Annahme, die unmittelbaren Nutznießer und Profiteure der bürgerlichen Gesellschaft seien deren bewußte und selbstbewußte Subjekte. Diese Annahme gründet wiederum in einem auf die sozialdemokratische und parteikommunistische Bewegung zurückgehenden, personalisierenden Mißverständnis des Kapitalverhältnisses und der bürgerlichen Gesellschaft. Danach soll das ausschlaggebende Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft darin bestehen, daß in ihr sich verschiedene Kollektiv-Subjekte gegenübertreten, die an und für sich nichts miteinander zu tun haben und sich nur äußerlich, durch ihre jeweiligen kollektiven Interessens- und Willenshandlungen aufeinander beziehen. Innergesellschaftlich betrachtet handelt es sich bei diesen Kollektiv-Subjekten um die altbekannten Klassen: die Kapitalisten, die aus bösem Willen, d.h. subjektiver „Profitgier“ die Proleten ausbeuten und mit Hilfe ihres „Erfüllungsgehilfen“, des Staates, unterdrücken; und die Arbeiter, die als wesenshaft unversöhnliche Antagonisten des Kapitals „objektiv“ beständig Klassenkampf führen. Der materialistische Begriff des Kapitals wird hier völlig verballhornt. Nach Marx sind Kapitalisten und Arbeiter gleichermaßen als Charaktermasken des sich verwertenden Werts, des Kapitals, bestimmt. Ausbeutungsverhältnis ist das Kapitalverhältnis nicht deshalb, weil ausgekochte Schurken irgendwelche arme Schlucker übers Ohr hauen und damit die Gesetze des freien und gleichen Tauschs verletzen“ würden – es ist gerade die strikte Befolgung von dessen Gesetzen, die das Tauschverhältnis in ein Ausbeutungsverhältnis umschlagen läßt.

Das Kapital, das sich anfangs noch der Person des freien Unternehmer-Subjekts als seiner Krücke bediente, hat längst die ihm adäquate, anonyme Form der Aktiengesellschaften angenommen. Als Gesellschaftskapital hat es seinen durch es konstituierten, aber anfangs auch kontingenten Faktor v, die Arbeit, restlos sich subsumiert. Das Kapital ist empirisch zu dem geworden, was es seinem materialistischen Begriff nach immer schon war: Herrschaft versachlichter Verhältnisse über die Individuen.

Das personalistische Gesellschaftsverständnis samt der in ihm implizierten moralischen Kapitalismuskritik und der kernigen Klassenkampfrhetorik ist damit an sich unwiderruflich vernichtet, mit der Konsequenz, daß den diesen Denkfiguren nachhängenden Linken außer immer wahnhafteren und hilfloseren Subjekt-Beschwörungsformeln meist nichts mehr einfällt.

Dafür darf sich die moralisierende Kritik umso mehr am Thema Imperialismus schadlos halten. Hier kann die moralisierende Kritik wieder ganz mit sich im reiner sein, scheint man es doch beim Verhältnis Imperialismus/Dritte Welt nicht nur mit einem unmittelbaren Gewaltverhältnis zu tun zu haben, sondern einem Gewaltverhältnis, das zudem den unschätzbaren Vorteil bietet, daß es in seiner ganzen Nacktheit bloßzuliegen scheint, bei dem als keine diffizile theoretische Tüftelarbeit vonnöten, sondern der bloße Augenschein zu genügen scheint, um es als solches zu erkennen. So daß jede Befreiung davon keinerlei Begründung mehr bedarf, sondern sich bereits durch die Tat rechtfertigt, was umgekehrt auch heißt, daß sich eine Kritik an den Zielen der Befreiung geradezu blasphemisch ausnimmt und sofort in den Verdacht gerät, in objektiver Komplizenschaft zum „Imperialismus“ zu stehen.

Obwohl das personalisierende Gesellschaftsverständnis mit all seinen Implikationen in der linken Imperialismus-Vorstellung nicht nur beibehalten, sondern auf die Spitze getrieben ist, vor allem, was den moralischen Impetus anbetrifft. so besteht doch dessen spezifische Differenz darin, daß der „Grundwiderspruch“, der aufgemacht wird, keiner mehr zwischen „Klassen“ ist, sondern der zwischen dem Moloch „Imperialismus“, der in Form von Konzernen, Banken, Politikern, aber auch als mehrere „imperialistische Nationen“ auftreten kann, und den Völkern der „Dritten Welt“, deren Elend wesentlich darauf beruhen soll, daß sie vom „lmperialismus“ fremdbestimmt werden.

Bereits, wenn man ihn nur sprachkritisch unter die Lupe nimmt, transportiert der Begriff der „Fremdbestimmung“ die miefende Gemütlichkeit des Bei-sich-selberbleiben-wollens, die Parteinahme fürs Bewährte, Angestammte und Identische, in welcher unmittelbar das rohe und barbarische Ressentiment gegen das Fremde, Unvertraute und Vermittelte impliziert ist. Den Begriff der „Fremdbestimmung“ zeichnet ferner aus, daß er an sich selbst vollig unbestimmt ist und sich deshalb allen nur denkbaren Phänomenen überstülpen läßt. Das wird von Anti-lmperialisten denn auch weidlich ausgenützt, wenn dem „lmperialismus“ nicht nur vorgeworfen wird, daß er die Völker der „Dritten Welt“ ausbeute, sondern ihnen vor allem verwehre, ihr Dasein ihren eigenen Sitten, Gebräuchen und „gewachsenen“ Kulturen gemäß zu fristen. In der Agitation gegen den „Imperialismus“ als „Fremdbestimmung“ der Völker erscheint zudem in Reinkultur jenes kulturkritische Gewäsch. in welchem über die „Kälte“ und „Entfremdung“ im Kapitalismus, die auf Rationalität und Abstraktion zurückzuführen sei, lamentiert wird. Die Figur des „edlen Wilden“, der gerade kraft unverbildet-ursprünglichen Lebenswandels fähig sei, die Verderbtheit der „westlichen Zivilisation“ schonungslos anzuprangern, zählt zum Standardrepertoire der Freunde kämpfender Völker. Kein Wunder, daß unzählige anti-imperialistische Pamphlete in harmloseren Fällen sich ausnehmen wie Reprints des „Papalagi“, in schlimmeren Fällen wie Remakes nationalsozialistischer oder neurechter Pamphlete.

Zieht man all die genannten Inhalte ab, ohne die der Begriff „Fremdbestimmung“ nicht zu denken ist, gäbe er immerhin dann noch einen Sinn, wenn man ihn auf den vergangenen Kolonialismus bezieht. Der Kolonialismus ist in der Tat nicht-tauschvermittelte Aneignung, d.h. blanker Raub von Ressourcen und Produkten sowie die unmittelbar gewaltsame Unterwerfung der betreffenden Bevölkerung. Als unmittelbares Raub- und Gewaltverhältnis widerspricht der Kolonialismus aber dem Prinzip des freien und gleichen Tauschs. Es ist das objektive Resultat der anti-kolonialen nationalistischen Bewegungen, daß sie diesem Prinzip weltweit erst zum Durchbruch verhalfen: durch sie erst konstituiert sich der Weltmarkt als Konkurrenz souveräner Nationalstaaten. Die Entkolonisierung war in der Tat eine Befreiung, aber eben keine von, sondern eine hin zu bürgerlichen Verkehrsformen. Ihren bürgerlichen Gehalt hat der französische Demograph Alfred Sauvy auf den Begriff gebracht, indem er die um staatliche Unabhängigkeit kämpfenden Länder in Anlehnung an den Begriff des „Dritten Standes“ als „Dritte Welt“ bezeichnete: „Wir reden gern von den zwei Welten… und wir vergessen zu oft, daß noch eine dritte existiert… diese Dritte Welt, ungekannt, ausgebeutet, verachtet wie der Dritte Stand, will schließlich auch etwas werden.“ Im antikolonialen Unabhängigkeitskampf wiederholte sich gewissermaßen der Kampf des arbeitenden und ausgebeuteten dritten Standes gegen eine parasitäre und schmarotzende Schicht, damals Adel und Klerus, heute die westlichen Metropolen. Reaktiviert wurde damit auch die altbürgerliche Vorstellung, daß, wenn die Schmarotzer verjagt seien und das arbeitende Volk in einem souveränen Nationalstaat sich selbst bestimme, Glück und Wohlstand für alle geschaffen würden. Die antikoloniale Ideologie nährt die Illusion, das durch koloniale Ausplünderung und Raub verursachte Elend ließe sich an Ort und Stelle und durch eigene Anstrengung abschaffen. Die Konsequenzen kolonialer Herrschaft werden zu „Peripherieproblemen“ verniedlicht, die nach Maßgabe ihres vorgeblich partikularen Charakters durch das Setzen auf Partikularität – auf „nationale Selbstbestimmung“ – gelöst werden können. Auf eine nur universell, weltweit zu lösende soziale Frage wird eine nationale Antwort gegeben.

Genau dieser Sozialpatriotismus wird von den nationalen und antiimperialistischen Trikont-Bewegungen (also jenen Bewegungen, die im Rahmen bereits etablierter Staatlichkeit agieren) aufgegriffen und radikalisiert. Die Tatsache, daß das im Projekt „nationaler Befreiung“ mitschwingende Glücksversprechen sich bald offen als Illusion erweist und daß die „nationale Befreiung“ nur die „fremdbestimmte“ Ausbeutung durch die einheimische ersetzt, wird in Anknüpfung an demokratistische Denkmuster der alten Arbeiterbewegung als „Verfehlung“ des nationalen „Ideals“ interpretiert. Die von den nationalen Befreiungsbewegungen genährte und von ihren metropolitanen Fürsprechern willig aufgegriffene Diagnose lautet, daß die nationale Unabhängigkeit „nur formal“ bestehe – „in Wahrheit“ existiere die alte „Fremdbestimmung“ durch den „Imperialismus“, sei’s unmittelbar, sei’s durch eine „Kompradoren-Bourgeoisie“ ausgeübt, nach wie vor („Neokolonialismus“ war in der Linken denn auch lange Zeit ein beliebtes Synonym für „Imperialismus“). Die „bloß formale“ müsse zur „wahren“ nationalen Unabhängigkeit vorangetrieben werden.

Als falsche Analyse ist das Gefasel von der „Fremdbestimmung“ unmittelbar zugleich die adäquate Ideologie der „wahren“ nationalen Selbstbestimmung. In dem Maße, worin die Nation – Vermittlungsinstanz des Weltmarkts – als Bastion gegen den Weltmarkt und damit als rein auf sich gegründete Einheit des schaffenden Volkes gesetzt werden soll, muß der Befreiungsnationalismus seine stets vorhandenen substantialistischen – kulturalistischen oder völkischen – Züge offen hervorkehren. Nationale Unabhängigkeit wird dann als Wiederaneignung einer vom „Imperialismus“ bzw. seinen durch „westliche Werte“ verdorbenen Statthaltern unterdrückten und verschütteten „nationalen Würde“ ausgegeben. In praxi bedeutet das die bedingungslose Unterwerfung der Einzelnen unters Diktat der Staatsräson und die Todesdrohung gegen jeden, der dagegen aufbegehrt. „Patria libre o morir!“ – in dieser unüberbietbar mörderischen Formel ist griffig zusammengefaßt, wofür nationale Befreiung steht.

Pol Pots Kampuchea, Idi Amins Uganda, das Iran der Mullahs, die in Syrien und Irak herrschenden Baath-Parteien sind allesamt keine Abweichungen von der hehren Idee nationaler Befreiung, sondern lediglich ihr offen zur Erscheinung gekommenes barbarisches Wesen. In den sympathischeren Varianten nationaler Befreiung, von denen die metropolitanen Linken sich fälschlicherweise ihr Bild vorgeben ließen, ist dieses Wesen nur abgemildert. Daß die nationale Befreiung in glücklicheren Fällen zwar keinen Verein freier Menschen, immerhin z.B. aber einen, verglichen mit den übrigen lateinamerikanischen Verhältnissen, paradiesischen autoritär-staatskapitalistischen Wohlfahrtsstaat a la Kuba ermöglichte, verdankt sich jedoch nicht einer zusammenphantasierten „Dialektik von nationaler und sozialer Befreiung“, sondern allein der Existenz des sozialistischen Blocks, des RGW.

Mit der Ablösung des in zwei Blöcke gespaltenen Weltmarkts durch den totalen Weltmarkt, in dem alle unmittelbar als Konkurrenten gesetzt sind, ist jede Bedingung der Möglichkeit, daß die Unterwerfung des Einzelnen unters staatliche Diktat der „nationalen Selbstbestimmung“ wenigstens eine Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards als ihr Abfallprodukt mitliefert, endgültig vorbei. Die einst im RGW zusammengefaßten Staaten teilen fast alle das Schicksal, das der sog. „Dritten Welt“ schon länger widerfuhr: daß ihre Nationalökonomien nach Maßgabe der Weltmarktproduktivität zu wertlosem Schrott erklärt sind. Einander befehdende Banden und Cliquen versuchen entweder, die letzten verwertbaren Reste der Ökonomie an internationale Konzerne zu verscherbeln, oder sie empfehlen sich als kompetente Verwalter und Vollstrecker des Massenelends. Da in keinem dieser Länder eine reproduktive Ökonomie entstehen wird und folglich kein Raum für Versprechungen von Aufschwung und Wohlstand besteht, zeigt sich die nationale Befreiung, für die heute Gestalten wie Tudjman, Izetbegovic, Dudajew, Rabah Kebir (FIS) etc. stehen, nun in ihrer adäquatesten Form: ideologisch als völkische (oder religiöse) Phrase, nraktisch als barbarische Schlächterei.

Die Konsequenzen der linken Parteinahme für „nationale Befreiungsbewegungen“ liegen heute klar auf der Hand. Im Kampf der von den Linken mitgeprägten „neuen sozialen Bewegungen‘ gegen das „Sterben“ des deutschen Waldes und die Raketen der amerikanischen „Besatzer“, der mit der Wiederentdeckung von Brauchtum, Mundart und dem angeblich vierschrötig-eigensinnigen Widerständlertum der „ganz normalen Leute“ einherging, wurden die im Anti-Imperialismus erprobten völkischen Denkformen nun auch im Kampf an der Heimatfront hoffähig gemacht. Ferner zeigt sich, daß schon immer ein delikater Zusammenhang zwischen linken Anti-Imperialismus und offizieller deutscher Politik bestand. Schon früher gewann man bisweilen den Eindruck, bei den Anti-Imperialisten handele es sich um ausgelagerte Abteilungen des Auswärtigen Amts: wo ein Umbruch angesagt ist, übernimmt die Linke die PR-Arbeit – die Erstellung volks- und landeskundlicher Broschüren, die Organisierung von Soli-Banketten mit Folklore, Grillspezialitäten, Vortrag des Vertreters der Befreiungsbewegung xy, anschließend stehende Ovationen – den Rest erledigt Genscher, der den neuen Staat oder die neue Regierung anerkennt. Das wiedervereinigte Deutschland hat diese mit allerlei Reibungsverlusten und Mißverständnissen verbundene Arbeitsteilung abgeschafft und erklärt den Anti-lmperialismus lieber gleich zur offiziellen Politik. Das gilt insbesondere auf dem Gebiet der Nahostpolitik, wo Kinkel dankbar ernten kann, was die linken Antizionisten durch ihr Hofieren arabischer Halsabschneiderregimes gesät haben. Das von der anti-imperialistischen Linken für schlechtere Zeiten konservierte Ressentiment gegen „Fremdbestimmung“ erweist sich als das, was es schon immer war: als Moment völkischen Verfolgungswahns, das der deutsche Nationalismus insbesondere mit seinem arabischen Pendant teilt und in dessen Zeichen das souveräne Deutschland seine einstige historische Verspätung in der kolonialen Aufteilung der Welt nun als strategischen Pluspunkt gegenüber England und Frankreich, den in den Augen der arabischen Regimes kompromittierten Kolonialmächten, geltend macht. Die moslemische Welt sei „vom Kolonialismus fürchterlich gedemütigt worden und… enttäuscht über das Scheitern ihrer Bemühungen, den Westen zu kopieren… Terrorismus (sei) in einem Befreiungskrieg legitim…“ Der das sagt, ist kein Anti-Imp, sondern Wilfried Hofmann, deutscher Botschafter in Marokko, der über die algerische FIS äußert, ihr „Terrorismus könnte so berechtigt sein wie der Befreiungskampf gegen Frankreich.“ (FR, 1.11.93). (Clemens Nachtmann | Zitiert aus: „Anti-Imperialismus Höchstes Stadium des falschen Anti-Kapitalismus“ in: links 5/6, 1996 | Quelle: http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/Antiimp_Antikap.htm )

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Subjekt ist Knecht http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/09/subjekt-ist-knecht/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/09/subjekt-ist-knecht/#comments Wed, 09 Sep 2015 06:58:00 +0000 Polyphem Zitate Kritische Theorie Artikelhinweise http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/09/09/subjekt-ist-knecht/

»Das Subjekt ist Knecht des Kapitalverhältnisses und es darf vermutet werden, daß kein subjektiver Faktor, außer der Strafe des Untergangs bei Unterlassung zu entgehen, das Handeln bestimmt: der „Gleichklang äußeren Zwanges und innerer Zwanghaftigkeit“ (Krug, 2002, S. 54) ist die Folge und die gleichzeitige Voraussetzung des falschen Ganzen, dessen Konsequenz die Krisenverwaltung des Volksstaates ist.

„Die gesellschaftliche Erfahrung eines vom unbestimmt-grausigen Außen bestimmten Schicksals, über das man als Individuum kaum etwas mehr vermag, verbindet sich mit der besinnungslosen Selbstpreisgabe an eine übergestellte Autorität, dem Staat“ (ebd., S. 54); aus ehemals sozialrevolutionären Anliegen wird eine „autoritär-antiemanzipatorische Massenbewegung“ (ebd., S. 54). Dies ist der „unheilvolle Gleichklang individueller Entdifferenzierung und gesellschaftlicher Regression“, die „totale Mobilmachung der Überflüssigen“ (ebd., S.54) mit dem ticket des Antisemitismus.

Damit einher gehen Prozesse, die mit dem Stichwort der pathischen Projektion – also „die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt“ (Horkheimer/Adorno, 2001, S. 201) – verbunden sind.
Was sich die Subjekte insgeheim ersehnen, gerät unter den Verhältnissen zum Verhaßten und dieser „Haß führt zur Vereinigung mit dem Objekt, in der Zerstörung“ (ebd., S. 209). Dies bedeutet letztlich den Sieg des archaischen über das sich selbst bewußte Individuum und das, was man gemeinhin als den Gebrauchswert des Kapitals umschreibt. Führer und Geführte bilden im Volksstaat (Enderwitz) eine emergente Einheit: allesamt „konformierende Asoziale“ (ebd., S. 208)« (Aus: „Das Subjekt im Spätkapitalismus“ von Mario Möller – Weiterlesen: http://www.conne-island.de/nf/98/23.html)

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Kritik an der Arbeit http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/07/14/kritik-an-der-arbeit/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/07/14/kritik-an-der-arbeit/#comments Tue, 14 Jul 2015 16:20:58 +0000 Polyphem Zitate Arbeit Grigat http://lebenimfalschen.blogsport.de/2015/07/14/kritik-an-der-arbeit/

„Es geht nicht darum, die Kritik an der Arbeit als Ausrede zu verwenden, sich den Anforderungen eines mündigen – und das heißt immer auch: widerspruchsvollen und mitunter ausgesprochen anstrengenden – Lebens zu verweigern und sich in der Wiederholung des Immergleichen einigermaßen bequem, aber völlig stupide so einzurichten, wie man das in gewissen Segmenten der Linken praktiziert.

Anzustreben wäre vielmehr, den doch offenbar in nahezu jedem Menschen schlummernden Tatendrang, die Kreativität und das Bedürfnis nach ästhetischer Äußerung, die Lust an der Gestaltung des eigenen Lebens und den Wunsch nach größtmöglichem und ausdifferenziertem Genuß vom ökonomischen Verwertungszwang und von politischer Bevormundung zu befreien und gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die eine Art produktiven Müßiggang überhaupt erst ermöglichen würden. Gelänge dies, würde, wie es in den Minima Moralia heißt, die Menschheit wohl auch “aus Freiheit Möglichkeiten ungenutzt” lassen, “anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen” (Stephan Grigat – Schluß mit unlustig! in: konkret, 5/2014, S. 21)

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NS-Deutschland und die Ermordung der Juden Europas http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/16/ns-deutschland-und-die-ermordung-der-juden-europas/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/16/ns-deutschland-und-die-ermordung-der-juden-europas/#comments Sun, 16 Nov 2014 05:56:54 +0000 Polyphem Zitate Historie Psychologie ISF Krieg Antisemitismus http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/16/ns-deutschland-und-die-ermordung-der-juden-europas/

Die Erfindung und die Aufstellung der Sonderkommandos ist das dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus gewesen. Hinter dem pragmatischen Gesichtspunkt (arbeitsfähige Männer einsparen; anderen die schauerlichsten Aufgaben aufzwingen) kommen noch weitere subtilere Gründe zum Vorschein. Mit Hilfe dieser Einrichtungen wurde der Versuch unternommen, das Gewicht der Schuld auf andere, nämlich auf die Opfer selbst, abzuwälzen, so daß diesen – zur eigenen Erleichterung – nicht einmal das Bewußtsein ihrer Unschuld bleiben würde. Es ist weder leicht, noch angenehm, diesen Abgrund von Niedertracht auszuloten, aber dennoch bin ich der Meinung, daß man es tun muß; denn was gestern verübt werden konnte, könnte morgen noch einmal versucht werden und uns selbst oder unsere Kinder betreffen. Man ist versucht, den Blick abzuwenden und die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, aber dieser Versuchung müssen wir widerstehen. Denn die Existenz des Sonderkommandos hatte eine Bedeutung, sie enthielt eine Botschaft: “Wir, das Herrenvolk sind eure Vernichter, aber ihr seid nicht besser als wir. Wenn wir es wollen, und wir wollen es, sind wir nicht nur in der Lage, eure Körper zu vernichten, sondern auch eure Seelen, so wie wir unsere eigenen Seelen vernichtet haben.”

Das Leben zählte nicht mehr, der Tod war zu nah

Was geschieht mit einem Menschen, wenn er so viele Leichen sieht, ständig Tausende von Toten?

Was soll man machen?! Man konnte nichts machen. Dort waren wir jeden Tag. Einen Monat, zwei Monate, acht Monate habe ich das gesehen, ohne Unterbrechung. So starben Millionen von Juden. “Sklaven des Pharao”. Wir kannten die Sprache nicht, wir wußten nicht, wo wir waren, wußten nichts. Wir waren wie ein Wrack. Nehmen Sie ein Wrack, was kann das machen?

Immerzu sieht man nur den Tod – heute stirbt der oder jener, morgen, in der Frühe oder am Nachmittag bist du selbst an der Reihe. Unser gesamtes Denken ging nur auf den Tod. Außer an den Tod dachten wir an nichts anderes. Der Tod wurde etwas Alltägliches, das Warten auf den Tod wurde eine ganz normale Sache. So war das dort. Gab es denn in unserem Alltag etwas anderes?

Glaubten Sie nicht daran, lebend davon zu kommen?

Wir alle sagten uns, wir leben mitten im Tod, als hätten wir die Todesstrafe erhalten. Wir wußten nicht, wann man uns umbringen würde, wußten nichts. Es war schlichtweg verboten, daran zu denken, lebend entkommen zu können. Besser überhaupt nicht denken, nichts. Manchmal fragte ich mich: “Warum weiß man draußen in der Welt nicht, was hier vor sich geht?”

Wie setzten Sie sich damit auseinander?

Ich weiß nicht. Ich habe keine Erklärung. Ich aß, trank Kaffee, trank Tee, alles zwischen den Leichen. Tausende, viele Tausende Leichen. Dort, wo man die Leichen aus der Gaskammer herausholte, aß man auch, trank – mit den Leichen. Jetzt, wo ich daran denke, weiß ich wirklich nicht, wie ein Mensch unter diesen Bedingungen leben kann. Wie? Wie? Ich weiß es nicht. Wie? Leichen. Menschen heutzutage sehen im alltäglichen Leben einen Toten und sind völlig erschüttert. Hier sahen wir Tausende und Abertausende – kleine Kinder, Alte, Junge, schwangere Frauen. Wer war nicht dort?! Ein ganzes Volk.

Hielten Sie die religiösen Gebote in Birkenau?

Nein, ich konnte es nicht. Ich habe nichts gegen die Religion, aber dort, wo ich es gewünscht hätte, da habe ich keine Zeichen oder Wunder gesehen.

Gab es Fälle von Selbstmord unter den Sonderkommando-Häftlingen?

Wenn man nicht schuldig wurde, hatte man keinen Grund, sich selbst umzubringen, man wollte leben. Die Menschen wollten leben, selbst wenn sie überhaupt keine Chance hatten.

Das heißt, Sie haben ein reines Gewissen?

Ja.

(Aus: „NS-Deutschland und die Ermordung der Juden Europas“ von Rainer BakonyiHier weiterlesen)

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Was jeder zeigen muss http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/12/was-jeder-zeigen-muss/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/12/was-jeder-zeigen-muss/#comments Wed, 12 Nov 2014 19:19:55 +0000 Polyphem Adorno Zitate Kritische Theorie Philosophie Horkheimer http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/12/was-jeder-zeigen-muss/

„Das Verhalten des Einzelnen zum Racket, sei es Geschäft, Beruf oder Partei, sei es vor oder nach der Zulassung, die Gestik des Führers vor der Masse, des Liebhabers vor der Umworbenen nimmt eigentümlich masochistische Züge an. Die Haltung, zu der jeder gezwungen ist, um seine moralische Eignung für diese Gesellschaft immer aufs neue unter Beweis zu stellen, gemahnt an jene Knaben, die bei der Aufnahme in den Stamm unter den Schlägen des Priesters stereotyp lächelnd sich im Kreis bewegen. Das Existieren im Spätkapitalismus ist ein dauernder Initiationsritus. Jeder muß zeigen, daß er sich ohne Rest mit der Macht identifiziert, von der er geschlagen wird. […] Jeder kann sein wie die allmächtige Gesellschaft, jeder kann glücklich werden, wenn er sich nur mit Haut und Haaren ausliefert, den Glücksanspruch zediert. In seiner Schwäche erkennt die Gesellschaft ihre Stärke wieder und gibt ihm davon ab. Seine Widerstandslosigkeit qualifiziert ihn als zuverlässigen Kantonisten.“ (Max Horkheimer + Theodor W. Adorno, in „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente“ – Seite 162)

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Hegel über Staaten http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/11/hegel-ueber-staaten/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/11/hegel-ueber-staaten/#comments Tue, 11 Nov 2014 22:20:18 +0000 Polyphem Zitate Staat Hegel http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/11/11/hegel-ueber-staaten/

„Staaten sind keine Privatpersonen, sondern vollkommen selbständige Totalitäten an sich, und so stellt sich ihr Verhältnis anders als ein bloß moralisches und privatrechtliches. Man hat oft die Staaten privatrechtlich und moralisch haben wollen, aber bei Privatpersonen ist die Stellung so, daß sie über sich ein Gericht haben, das das, was an sich Recht ist, realisiert. Nun soll ein Staatsverhältnis zwar auch an sich rechtlich sein, aber in der Weltlichkeit soll das Ansichseiende auch Gewalt haben. Da nun keine Gewalt vorhanden ist, welche gegen den Staat entscheidet, was an sich Recht ist, und die diese Entscheidung verwirklicht, so muß es in dieser Beziehung immer beim Sollen bleiben. Das Verhältnis von Staaten ist das von Selbständigkeiten, die zwischen sich stipulieren, aber zugleich über diesen Stipulationen stehen.“
(Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, B.) Das äußere Staatsrecht, § 330.)

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Zwei Fakta von Karl Marx http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/10/27/zwei-fakta-von-karl-marx/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/10/27/zwei-fakta-von-karl-marx/#comments Mon, 27 Oct 2014 21:03:19 +0000 Polyphem Marx Zitate http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/10/27/zwei-fakta-von-karl-marx/

„Erstens erscheinen die Produktivkräfte als ganz unabhängig und losgerissen von den Individuen, als eine eigne Welt neben den Individuen, was darin seinen Grund hat, daß die Individuen, deren Kräfte sie sind, zersplittert und im Gegensatz gegeneinander existieren, während diese Kräfte andererseits nur im Verkehr und Zusammenhang dieser Individuen wirkliche Kräfte sind. Also auf der einen Seite eine Totalität von Produktivkräften, die gleichsam eine sachliche Gestalt angenommen haben und für die Individuen selbst nicht mehr die Kräfte der Individuen, sondern des Privateigentums [sind], und daher der Individuen nur, insofern sie Privateigentümer sind. In keiner früheren Periode hatten die Produktivkräfte diese gleichgültige Gestalt für den Verkehr der Individuen als Individuen angenommen, weil ihr Verkehr selbst noch ein bornierter war. Auf der andern Seite steht diesen Produktivkräften die Majorität der Individuen gegenüber, von denen diese Kräfte losgerissen sind und die daher alles wirklichen Lebensinhalts beraubt, abstrakte Individuen geworden sind, die aber dadurch erst in den Stand gesetzt werden, als Individuen miteinander in Verbindung zu treten.

Der einzige Zusammenhang, in dem sie noch mit den Produktivkräften und mit ihrer eignen Existenz stehen, die Arbeit, hat bei ihnen allen Schein der Selbstbetätigung verloren und erhält ihr Leben nur. Indem sie es verkümmert. Während in den früheren Perioden Selbstbetätigung und Erzeugung des materiellen Lebens dadurch getrennt waren, daß sie an verschiedene Personen fielen und die Erzeugung des materiellen Lebens wegen der Borniertheit der Individuen selbst noch als eine untergeordnete Art der Selbstbetätigung galt, fallen sie jetzt so auseinander, daß überhaupt das materielle Leben als Zweck, die Erzeugung dieses materiellen Lebens, die Arbeit (welche die jetzt einzig mögliche, aber wie wir sehn, negative Form der Selbstbetätigung ist), als Mittel erscheint.“ (Karl Marx – „Deutsche Ideologie – Naturwüchsige und zivilisierte Produktionsinstrumente und Eigentumsformen“ )

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„Die Einsamkeit Israels“ – Buchvorstellung von Dr. Grigat http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/10/14/die-einsamkeit-israels-buchvorstellung-von-dr-grigat/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/10/14/die-einsamkeit-israels-buchvorstellung-von-dr-grigat/#comments Tue, 14 Oct 2014 12:43:43 +0000 Polyphem Multimedia Zitate Literaturhinweise Grigat Israel Antisemitismus http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/10/14/die-einsamkeit-israels-buchvorstellung-von-dr-grigat/

„Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist die antizionistische Ideologie zu neuem Leben erwacht und weist weit über den Kreis linker Kleingruppen hinaus. Die Existenz von Antisemitismus in der globalen Linken ist heute evident. Angesichts der ausufernden Literatur, die ihn wieder und wieder belegt, kann sein Leugnen heute nur mehr als eine seiner Ausdrucksformen angesehen werden. Im Antizionismus tritt er als eine spezifische Form des Antisemitismus nach Auschwitz auf, der sich aus Mangel an konkreten Hassobjekten gegen den kollektiven Juden, den Staat Israel, richtet. Dass die im Antizionismus angelegten Vernichtungsphantasien nicht Realität geworden sind, verdankt sich einzig und allein der israelischen Staatsgewalt.“ (Text & Bestellinformationen: http://konkret-magazin.de/konkret-texte/texte-archiv/konkret-texte-nr-64.html )

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Staat und Nation http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/09/05/staat-und-nation/ http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/09/05/staat-und-nation/#comments Fri, 05 Sep 2014 22:47:12 +0000 Polyphem Zitate Staat Nation Artikelhinweise http://lebenimfalschen.blogsport.de/2014/09/05/staat-und-nation/

„Ausgangspunkt einer jeden Nation ist – damals wie heute – die Instandhaltung und politische Instrumentalisierung der eigens für den nationalen Charakter geschmiedeten Mythen. Da es sich bei der Nation um keine ontologische Kategorie handelt, d.h. all ihre Versuche sich ethnisch, kulturell etc. zu begründen, notwendig an der Realität scheitern müssen, wird in ihrer Konstruktion auf Traditionen und Erzählungen rekurriert, aus dessen Rudimenten ein gemeinsames, schicksalhaftes Band zur identifizierenden Folie gewoben wird. Im Staat erhält dieses fiktionale Band durch die reale Vermittlung seine objektiv-materielle Grundlage und präsentiert sich dem Einzelnen in konkreter Gestalt. In seiner Funktion als Organisator eines reibungslosen kapitalistischen Produktionsablaufes schafft der Staat vermittels Gesetzen, Verfassungen und Apparaten den formalen Rahmen, in dem die Staatsbürger und Warenbesitzer als Einheit zusammengefasst werden. Gegenüber der gedanklichen Abstraktion Mitglied einer Nation zu sein, ist er somit der faktische Beleg dergleichen. Gleichwohl scheitert er durch die ihm in der Unterwerfung seiner Bürger notwendig eingeschriebene Gewalt in der Hervorbringung einer gemeinsamen Identität. „Dieser mit dem Staat untrennbar verbundene Zwangscharakter „stört“ die Harmonie, die sich im Begriff der Nation verwirklichen will.“ Doch erst durch die im Staat geschaffene Rechtsform, die allen Bürgern Freiheit und Eigentum garantiert, erst durch diese gewalttätig durchgesetzte Gleichheit können sie sich im Schoße der Nation als solche begreifen und zu einer vereinten Identität verschmelzen. Der Staat ist somit die notwendige Voraussetzung und Grundlage einer in der Nation aufgehenden Konformität.

Während der Staat die Unterwerfung der Bürger unter das Wertgesetz also ganz konkret herstellt, bedarf die Nation weiterhin der Mythen, deren Aufgabe es ist, ein kohärentes Bild einer gemeinsamen Geschichte zu zeichnen, in dem die auftretenden Brüche und Widersprüche mit dem Ziel eingeebnet werden, eine problemlose Identifikation mit Volk und Heimat zu ermöglichen. Ihre Appelle an Zusammenhalt und kollektive Identität richten sich zwangsläufig an die emotionale und sentimentale Seite von Individuum und Masse. Die Möglichkeit individueller Selbstverwirklichung ist im Mythos an die Unterwerfung und Anerkennung einer höheren sozialen Einheit – der Nation – geknüpft, deren Gelingen unabdingbar mit der Eingliederung des Einzelnen in den kollektiven Verbund korreliert. Obgleich dem Einzelnen seine nationale Identität im Vergleich zum Staatsbürgersein nur als abstraktes Verhältnis gegenübertritt, wird ihm eine unabdingbare Verbundenheit suggeriert. In der Tradition nationalstaatlicher Konstituierung liegt diese Hinwendung zum Gefühlshaushalt der Massen in dem ambivalenten Charakter zwischen Religion und Aufklärung begründet. Die hereinbrechende Säkularisierung in einen Großteil gesellschaftlicher Sphären im Verlauf des 18. Jahrhunderts, sowie die sukzessive Durchsetzung einer auf rationalen und wissenschaftlichen Auffassungen beruhenden Weltanschauung, drängte das religiöse Bezugssystem zunehmend ins Abseits gesellschaftlicher Erklärungsmuster. Gleichwohl hob die säkularisierte Gesellschaft weder das durch Aristokratie und Religion verursachte Elend ad hoc auf, noch konnte sie dessen banalen Antworten auf Tod, Schmerz und Vereinzelung ersetzen. Obgleich sich nicht von einer Ablösung der Religion durch die Nation sprechen lässt, knüpft die Ideologie der Nation nun durch das Auffahren einer pathos- bzw. mythenschwangeren Rhetorik daran an, dem gebeutelten Individuum qua Überhöhung der Komponenten von Volk und Heimat einen ebenfalls höchst irrationalen Referenzrahmen zur Seite zu stellen, mittels dessen seine reale Vereinzelung eingefangen und seine Ängste gleichzeitig an das Gelingen des kollektiven Unternehmens gebunden werden. Das Verharren nationalistischer Rhetorik in einem verbrämt religiösen Jargon, der die Nation und damit jeden Einzelnen als Teil eines „göttlichen“ Erfüllungsplans phantasierte, unterstrich die Bemühungen, keinen Zweifel an der historischen Zwangsläufigkeit nationaler Vergesellschaftung aufkommen zu lassen. »Es ist das ›Wunder‹ des Nationalismus, den Zufall in Schicksal zu verwandeln.«“ („Vom Konzept Zufall in Schicksal zu verwandeln – Eine kritische Betrachtung der deutschen Nation“ – Von Momme Schwarz – Weiterlesen: http://www.extrablatt-online.net/archiv/ausgabe-1/momme-schwarz-vom-konzept-zufall-in-schicksal-zu-verwandeln.html )

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