Archiv der Kategorie 'Wirtschaft'

Wegwerfbeziehungen – Schwarz & Pohrt

„Diese merkwürdige “Nichtexistenz” ist nach einer Vermutung Horckheimers aus dem Jahre 1939 das universelle Schicksal der Menschen, falls sie nicht in den logischen Gang der Geschichte intervenieren: “Im Spätkapitalismus verwandeln sich die Menschen zuerst in Unterstützungsempfänger und dann in Gefolgschaften”; in diese Verfassung gerät der Mensch “durch seine steigende Entbehrlichkeit, durch seine Trennung von der produktiven Arbeit, durch das dauernde Zittern um die erbärmliche Notstandshilfe im Zeitalter der großen Industrie.” Die Menschen werden Rentner und Zwangsarbeiter in einem, deren materielle Existenz sich nicht aus einem unverbrüchliche, Rechtsanspruch auf das Entgelt für ihre Arbeitskraft herleitet, sondern als Gnadenerweis, als jederzeit widerrufbare Gratifikation empfunden wird. Daher selbst bei gutsituierten Angestellten die tiefsitzende Angst vor Hunger und Elend, welche die zentrale Energiequelle aller Unterwürfigkeit und manischen Anpassung ist. Die staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme lassen alle Tätigkeiten tendenziell Beschäftigungstherapie werden, und die damit einhergehende Zerstörung der Gebrauchswerte nimmt deren Produzenten Selbstbewußtsein und Funktion. Das Wertgesetz wirkt nach seinem Untergang negativ und als reiner Zwang fort: Ohne Arbeit bekommt man kein Geld, aber mit Arbeit hat man es noch lange nicht verdient. Arbeit, die selbst nur noch Leiden und Unterdrückung, die Hinnahme der eigenen Entwürdigung zum kindischen Produzenten von überflüssigem Unfug, die Verhinderung selbstbestimmter und vernünftiger Tätigkeit ist, wird zur Bedingung dafür, daß die Herrschenden einen aushalten. Daher wird bei der Arbeit die Langeweile zur furchtbaren Tortur: das ewige Warten auf die Frühstückspause, die Toilettenpause, die Mittagspause und schließlich den Feierabend – ein Warten, das fast noch quälender wird, wenn der Produktionsablauf ins Stocken gerät und man untätig herumsteht.”

Vom Bezug auf vernünftige Tätigkeit gelöst, werden Arbeit und Freizeit zu einem unernst tristen Einerlei. […] Seit die Herrschaft des Kapitals kaum noch inhaltlich, sondern nun mehr negativ bestimmbar ist als Zwang, nichts Ernsthaftes und Vernünftiges zu tun, sind vernunftloser Genuß und sinnliche Freuden nicht mehr identisch mit der selbstherrlichen Emanzipation der Menschen von notwendiger Arbeit unter der ständigen Drohung des Verhungerns und deren naturgesetzlich unbarmherziger Logik. Als Unterwerfung unter die Willkür der Apparate, welche die Menschen nur als Witzfiguren in einem Betätigungsfeld duldet, das den großstädtischen Spielplätzen ähnelt, wird die Genußfähigkeit selbst kraftlos und verkümmert. Daß der terroristische Zwang zum Genuß, nämlich die Reklame, über diesen selbst triumphiert, ist daher nur konsequent. Deshalb der Widerspruch, daß einerseits […] die Sexualität propagiert wird wie nie zuvor, andererseits selbst die Darsteller in den einschlägigen Filmen schon auf den Standphotos so aussehen, als säße sie besser hinter der Schreibmaschine, er besser hinter dem Lenkrad, und somit dem heute repräsentativen Menschentypus gleichen, den man sich in allen Situationen des Lebens ganz gut vorstellen kann, nur eben bei der Liebe nicht. In der Kraftlosigkeit, mit der selbst die falschen und fetischistischen Bedürfnisse ersehnt werden, liegt gerade ihre Macht. Weil der an sich maßlose abstrakte Konsumwunsch unfähig ist, sich zur Besessenheit zu entwickeln, treibt er nicht zu der Schwelle fort, an der er seines Irrsinns inne werden müßte. Deshalb bringt selbst die Putzwut es nicht auf den Punkt, wo schließlich auch die Menschen selbst im desinfizierenden Salzsäurebad ihr Leben lassen – oder aber in Gelächter über den Wahnwitz ausbrechen müßten. Das wunschlose Unglücklichsein, worin gegenwärtig alle Begeisterung getaucht ist, ist der Grund, weshalb aus Technikfetischisten, Fußballfanatikern und Bastlernarren keine rabiaten Käuze und potentielle Revolutionäre werden, sondern verträgliche Zeitgenossen.“ (Quelle: Wolfgang Pohrt u. Michael Schwarz: Wegwerfbeziehungen. Versuch über die Zerstörung der Gebrauchswerte. | In: Kursbuch 35. Verkehrsformen. 1 Frauen Männer Linke. Über die Schwierigkeiten ihrer Emanzipation; Rotbuch Verlag, Berlin, 1974)

Die Arbeit nieder! – Stephan Grigat

„Arbeit macht krank, Arbeit schändet, Arbeit ist Mühsal und macht hässlich. Karl Marx wusste das und hat allen Kritikern gesellschaftlicher Elendsproduktion ins Stammbuch geschrieben: „Das Reich der Freiheit beginnt erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.“ Die sich merkwürdigerweise immer wieder auf Marx berufende Arbeiterbewegung hat die Vernutzung der Arbeitskräfte zum Zwecke der Verwertung des Kapitals hingegen zur anbetungswürdigen Selbstverwirklichung geadelt. Das proletarische Schaffen sei gut, und der eigentliche Skandal des Kapitalismus bestünde darin, nicht jedem Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Ob Sozialdemokraten oder Bolschewisten, ob christliche Soziallehre oder faschistischer Produktivitätswahn, ob Leninisten oder Strache-Fans – sie alle konnten und können sich für die elende Parole „Die Arbeit hoch“ begeistern. Anstatt sich an Paul Lafargue, den Schwiegersohn von Marx zu erinnern, der das „Recht auf Faulheit“ hochhielt, soll es ein „Recht auf Arbeit“ sein, für das am 1. Mai gestritten wird. “ (Stephan Grigat – „Die Arbeit nieder!„)

Kalkül und Wahn, Vertrauen und Gewalt

„Prognosen sind schwierig. Gleichwohl: Die Gesellschaft der totalen Konkurrenz ist in heller Panik, sie wird sich zersetzen und zerstören. Unmöglich noch kann sie die Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Existenz aus sich selbst heraus reproduzieren: Der vollendet autistische Selbstbezug des Kapitals, die losgelassene Akkumulation um der Akkumulation willen, die »Plusmacherei« (Marx) rutscht ins historische Minus, zerbricht an sich und eben daran, dass die Gesellschaftlichkeit der Individuen als Subjekte bloß auf dem generalisierten Ausschluss aller durch alle gründet, der, eben in den Formen von Wert, Geld, Kapital, den totalen Einschluss stiftet, d.h.: die gesellschaftliche Synthesis als vollendet negative.

Das ist gewiss paradox: die unbedingte gesellschaftliche Einheit in der Form des totalisierten Atomismus; ein Paradox jedoch, das im Geld dingliche Gewalt annimmt und gar zum »logischen Rätsel« wird (FAZ). In der Panik wird sich die falsche Gesellschaft ihres eigenen Widersinns inne, allerdings in einer nur noch verrückteren Form, einer Form, die das bankrotte Kalkül der Ökonomie vermittels des Wahns der Politik zu therapieren verspricht, tatsächlich zu überbieten sucht: der Form eines paranoiden Souveräns, der den Triumph des Willens über den kapitalen Sachzwang beschwört und so gerade die »Angst vor dem Chaos« (Joachim Schumacher) schürt, darin die Flucht nach vorn anpeitscht und so den autoritären Staat provoziert, den Ausnahmezustand, d.h. auf die ursprünglich faschistische Situation: Denn nichts anderes ist der »Preis des Marktes« als das politisch, vermittels des Gewaltmonopols auf Leben und Tod erzwungene Opfer der Individuen.

Der Staat soll es sein, der die bankrotte Identität von Wert und Geld heilen soll. Nicht, wie die Volkswirte, Staatssozialisten und andere Ideologen proklamieren, indem er eine »Vertrauenskrise« therapiert, in der »individuell rationales Verhalten in kollektive Irrationalität münden kann« (Welt am Sonntag, 12. Oktober 2008), sondern indem er den Wahn des Kalküls selbst veröffentlicht, zur Pflicht erhebt und als neue Unmittelbarkeit setzt. Der Souverän weiß so wenig wie seine Ideologen, was Geld, was Wert, was Kapital, was gar ein »monetärer Transmissionsmechanismus« (FAZ, 10. Oktober 2008) sein soll, und die der Natur geplünderten Metaphern, die vorgeben, dem Publikum einen Begriff der Sache zu verschaffen, sind nichts als die zu Lügen gewordenen Rationalisierungen des Widersinns, die sie selber glauben müssen: »Erdbeben an den Aktienmärkten, Trockenheit an den Geldmärkten, Wirbelstürme über den Rohstoffmärkten.« (FAZ, 13. Oktober 2008) Der Vesuv bricht aus; in Pompeji streiten sich die Vulkanologen, ob der tendenzielle Fall der Profitrate schuld ist. Die Ideologie des Kapitals kaschiert sich als legitime Meinung, aber deren Pluralismus ist die Selbstvergatterung zur totalitären Propaganda, zum geselligen Schwur auf den Wahn: die »Analysten« an der Arbeit.

Man soll ganz ruhig sitzen bleiben im Kino, wenn es brennt, denn draußen wartet erst recht das Inferno: ein überflüssiges Kapitel mehr aus dem Märchenbuch vom ›kleineren Übel‹. Außer der Panik, die das Kapital lostritt, außer dem blanken Chaos, mit dem der Staat droht, soll es nichts mehr geben als das Nichts schlechthin. Wenn die Wirtschaftsexperten meinen, dass »das Finanzsystem sich derzeit mit einem menschlichen Körper vergleichen lässt, in dem alle Organe das Blut, das sie gerade angesammelt haben, bei sich behalten und nur noch wenig in den Kreislauf abgeben« (FAZ, 6. Oktober 2008), dann steckt hinter dem elenden Gedankenbildchen vom Geld als dem Blut der Wirtschaft die Drohung, dass Blut fließen wird und muss, um die Gesellschaft ins Kapitalverhältnis einzusperren.

Je lauter, je aufdringlicher die Propaganda vom »Vertrauen der Bürger« (FAZ, 6. Oktober 2008) als der anthropologischen Basis des Kapitals sich andreht, desto mehr ermächtigt sich »Vater Staat« als »Hüter des Gemeinwohls« (FAZ, 8. Oktober 2008) zu der Gewalt, mit der der Konsens erzwungen werden wird. Noch einmal die FAZ: Der drohende Zusammenbruch des Kapitals darf »kein Grund« sein, »an der grundsätzlich segensreichen Wirkung der Marktwirtschaft zu zweifeln«; wer es trotzdem tut, »der möge nach Nordkorea auswandern« (8. Oktober 2008), bevor man ihn sonstwohin deportiert. Und die Welt am Sonntag merkt an: »Wenn wir in der gegenwärtigen Krise etwas brauchen, dann ist es nicht eine Marktagnostik, sondern einen neuen metaphysischen Vertrauens­schub.«

Im Kapitalismus geht es zu wie in der Kirche. Solange alle gläubig sind wie die Hammel, so lange vollzieht sich das profitable Wunder der Wandlung von Südtiroler Bauernblut zum Fusel Christi. Die Skeptiker, Agnostiker und Kritikaster müssen raus, damit »die neue Liebe zum Staat« (FAZ, 8. Oktober 2008) Wurzeln schlagen kann: Bevor der Anti-Christ, der Kommunismus, kommen kann, bevor »der besten aller Lebensformen, der Sozialen Marktwirtschaft mit freiem Unternehmertum« (FAZ, 13. Oktober 2008) der längst verdiente Garaus bereitet wird.“ ( Weiterlesen: http://jungle-world.com/artikel/2008/43/27221.html )

Die Bedeutung der Werttheorie

„[…] Die Bedeutung der Werttheorie liegt nicht in der okkultistischen Weissagung des Zusammenbruchs. Ihr Sinn liegt in dem Nachweis, daß und warum der Mensch um sein Leben betrogen wird und das System aus diesem Grund beseitig gehört, gleichgültig, ob es sich gerade besser, schlechter oder gar nicht reproduziert. Die Werttheorie hat ihren Sinn in der Vermittlung der Einsicht, daß die gesellschaftliche Wertproduktion den Menschen Zeit und Lebenskraft raubt und daß die Marktwirtschaft kein Naturgesetz ist, sondern eine historische Form des gesellschaftlichen Austauschverhältnisses mit der Natur, die sich ersetzen ließe. […]“ (Rainer Trampert – „Der Realität eine Chance“ in der aktuellen Konkret 07/2014 – Seite 32)

Adorno zur Forderung nach Produktion zur Bedürfnisbefriedigung

„Die Forderung nach Produktion lediglich zur Befriedigung von Bedürfnissen gehört selber der Vorgeschichte an, einer Welt, in der nicht für Bedürfnisse, sondern für Profit und Etablierung der Herrschaft produziert wird, und wo deshalb Mangel herrscht. Ist der Mangel verschwunden, so wird die Relation von Bedürfnis und Befriedigung sich verändern. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der Zwang, fürs Bedürfnis in seiner durch den Markt vermittelten und dann fixierten Form zu produzieren, eines der Hauptmittel, die Menschen bei der Stange zu halten. Es darf nichts gedacht, geschrieben, getan und gemacht werden, was über diese Gesellschaft hinausginge, die sich weitgehend durch die Bedürfnisse der ihr Ausgelieferten hindurch an der Macht hält. Es ist unvorstellbar, daß der Zwang zur Bedürfnisbefriedigung in der klassenlosen Gesellschaft als Fessel der produktiven Kraft fortbesteht. Die bürgerliche Gesellschaft hat den ihr immanenten Bedürfnissen weithin die Befriedigung versagt, dafür aber die Produktion durch den Verweis eben auf die Bedürfnisse in ihrem Bannkreis festgehalten. Sie war so praktisch wie irrational. Die klassenlose, die die Irrationalität abschafft, in welche die Produktion für Profit verwickelt, und die Bedürfnisse befriedigt, wird ebenso den praktischen Geist abschaffen, der noch in der Zweckferne des bürgerlichen l’art pour l’art sich geltend macht. Sie hebt nicht nur den bürgerlichen Antagonismus von Produktion und Konsum, sondern auch deren bürgerliche Einheit auf. Daß etwas unnütz sei, ist dann keine Schande mehr. Anpassung verliert ihren Sinn. Die Produktivität wird nun erst im eigentlichen, nicht entstellten Sinn aufs Bedürfnis wirken: nicht indem das unbefriedigte mit Unnützem sich stillen läßt, sondern indem das gestillte vermag, zur Welt sich zu verhalten, ohne sie durch universale Nützlichkeit zuzurichten. Wenn die klassenlose Gesellschaft das Ende der Kunst verspricht, indem sie die Spannung von Wirklichem und Möglichem aufhebt, so verspricht sie zugleich auch den Anfang der Kunst, das Unnütze, dessen Anschauung auf die Versöhnung mit der Natur tendiert, weil es nicht länger im Dienste des Nutzens für die Ausbeuter steht.“ ( Theodor W. Adorno: Thesen über Bedürfnis, in: ders.: Soziologische Schriften I, Gesammelte Schriften, Band 8, S. 395f. )