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Jan Ubrich über Entfremdung

»Die industrielle Gesellschaft und ihre ökonomische Daseinsform des Kapitalismus separieren und zerbrechen die Zusammenhänge im Subjekt und zwischen den Subjekten:

Entfremdet wird das Subjekt 1. von seiner Arbeit, deren Mehrwert ihm entrissen wird und die ihm als „Objektives, von ihm Unabhängiges, ihn durch menschenfremde Eigengesetzlichkeit Beherrschendes“ (Lukacs 1968, Seite 175) entgegentritt.
Entfremdet wird das Subjekt 2. von sich selbst, weil es in der rationalisierten Arbeitsteilung nur auf bestimmte einzelne Fertigkeiten reduziert wird und sich nicht mehr zu einem Ganzen bildet.
Entfremdet wird das Subjekt 3. von anderen Subjekten, gegen die es im Wettbewerb um den größten Profit antritt und die ihm primär nur noch als potenzielle Konkurrenten in einem Feld sozialer Machtverhältnisse in den Blick kommen.
Entfremdet wird das Subjekt 4. von der Vielfalt der Sachverhalte der Wirklichkeit, die sich alle tendenziell dem Blick auf das andere unter der Frage der Verwertbarkeit und des Gewinns unterordnen.
Entfremdet wird das Subjekt 5. vom historischen Zusammenhang seiner Tradition und damit von der Lebendigkeit der Sinnsysteme, in die es nur eingespannt ist, wenn ihm die gesellschaftliche Zeit der Kontemplation gegeben wird und es in die Verhaltensweisen nichtinstrumenteller Aneignung eingeübt ist.
Entfremdet wird schließlich das Subjekt 6. von der Natur von den Dingen, die ihm bloß zum Objekt der Nutzbarkeit und der Ausbeutung werden, die ihm „Geldwert“ auf abstrakte, vergleichbare, quantitative Größen reduziert und so ihm „Privateigentum“ einzig unter der Perspektive des messbaren Besitzwerts erscheinen.« (Aus dem Magazin „Der blaue Reiter“, Ausgabe 30 – Seite 13)