Archiv der Kategorie 'Sexualität'

Über die Compact-Konferenz

Bei der Compact-Konferenz in Leipzig am 23.11.2013 vernetzten sich unter Titeln wie „Mut zur Wahrheit“ oder „Konferenz für Souveränität“ die Köpfe einer rechtspopulistischen und homophoben Internationale: „Judith Butler, Kinsey und Freud sind schlimmer als Hitler.“ (André Sikojev) „Homopropaganda sollte in jedem Land verboten werden.“ (Olga Batalina) „Zuwanderer sollten zehn Jahre lang keine Transferleistungen bekommen.“ (Thilo Sarrazin). Herr Sarrazin darf in der Dezemberausgabe des Compact-Magazins auch Vergleiche zwischen Homosexuellen und „Faultieren“ ziehen. Peter Scholl-Latour hat abgesagt, der zur ängstlichen Frage: „Droht der Untergang Europas?“ referieren wollte. Eva Hermann sagte gleichfalls ab, nicht ohne ebenfalls ganz „mutige“ Fragen beim Kopp-Verlag zu stellen: „Würde ein »klares Bekenntnis zu den Rechten von Lesben, Schwulen, Transgender und intersexuellen Menschen« tatsächlich im Gleichheitsartikel des Grundgesetzes verankert werden, ohne die rechtsverbindliche Definition der Begriffe »sexuelle Orientierung und Identität« festzulegen, hieße dies demnach, dass Pädophilie damit durch die Hintertür durch die »sexuelle Identität« plötzlich legal wäre?“ Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!

Zwischenzeitlich reagiert eine alte Dame im Publikum auf einen Gegenprotestler mit dem Ausruf: „Das ist doch ein Jude!“ Für andere Teilnehmer der Konferenz gibt es die über 500 homophoben, russischen Gruppen, wie u.a. “Occupy Pedophilyaj” und “Occupy Gerontilya“ die auf Schwule Jagd machen nicht: „In Russland gibt es keine Gewalt gegen Homosexuelle.“ (Elena Misulina) Letztere hat übrigens das russische Gesetz gegen „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen“ maßgeblich mitzuverantworten. „Feminismus führt zu einer gesellschaftlichen Kastration und die Politik arbeitet an der Entmännlichung der Männer.“ (Monika Ebeling) Compact unterstreicht die These in der aktuellen Dezember-Ausgabe mit dem eindeutigen Titel: „Er führt, sie verführt. Tango tanzen gegen den Feminismus.“ Womit wir beim Organisator Jürgen Elsässer wären, der meint, er bzw. die deutsche Familie würde verschwinden, wenn den Schwulen die Ehe gestattet wird, so als ob die Schwulen durch gleiche eheliche Rechte jegliche Sexualität der Heteros verhinderten. Angesichts des „steilen Absturzes deutscher Geburten“ müsste es nämlich „geeignete Maßnahmen“, „besonderen Schutz“ für „Ehe und Familie“ geben, „wenn wir nicht einfach verschwinden wollen.“ Seiner Haltung entsprechend bezeichnet Elsässer in seiner Eingangsrede der Konferenz die Situation in Frankreich und Russland aufgrund der homophoben Strömungen als „besser“, lädt folgerichtig die Organisatorin der Anti Homo-Ehe Demonstrationen in Frankreich Béatrice Bourges ein.

Er meint desweiteren reichlich diffus, dass die NSU-Morde das Produkt von internationalen Geheimdiensten wären, ohne irgendwelche Belege anzuführen, jedoch mit der klaren Intention die Taten dieser Nazis kleinzureden und den Schaden für die deutsche Nation abzuwenden oder zumindest zu begrenzen. Heute wirft er in seinem Blog Hungerflüchtlingen Erpressung der deutschen Nation vor, was er immerhin mit dem bayrischen Innenminister Hermann gemeinsam hat, der genau dasselbe den hungerstreikenden Asylbewerbern in München vorwarf, als sie im Sommer diesen Jahres für ihre Menschenrechte demonstrierten und keine anderen Möglichkeiten mehr sahen, als dafür ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Düstere Zeiten, zumal Elsässer speichelspuckend auf seiner Konferenz über die Verdoppelung und Verdreifachung der Auflage seines Compact-Hetzblattes innerhalb der letzten 2 Jahre jubelte.

Weiteres zum Thema:
Souveräne Scheiße: Hintergründe und Bericht zur 2. Compact Konferenz
Konferenz gegen Homo-Ehen in Leipzig
Offener Brief von queer.de-Chefredakteur Norbert Blech an Jürgen Elsässer vom „Compact“-Magazin
Was ist von der Zeitschrift Compact und ihrem Herausgeber Jürgen Elsässer zu halten?

»Mein Bauch gehört mir!« Von Anna Frost

„Die gesellschaftlichen und medialen Bilder von dicken Menschen sind vielfältig und umfassen zahlreiche negative Attribute wie träge, gierig, zügellos, unmoralisch, unkontrolliert, dumm, hässlich, willensschwach und gehen nicht selten auch mit der Diskriminierung sozial schlechter gestellter Personen einher. Hierbei kann unterschieden werden zwischen der Darstellung von Körperformen, die lediglich als »nicht attraktiv« gelten, und solchen, die auf Grund einer offensichtlichen Abweichung von der Norm als abstoßend und ekelerregend angesehen werden. Medial gelten Personen in der Regel als dick, sobald ihr Körperfettanteil – vor allem an Bauch und Taille – merklich ins Auge springt. Durch das zu Rate ziehen der jeweiligen Konfektionsgröße wird dann näher eingegrenzt, ob eine Person, meist weiblich, als dick kategorisiert werden kann. Meist geschieht das ab Größe 40/42.

Die Stereotype, die dicke Menschen (be)treffen, und die damit verbundene Stigmatisierung sind so allgegenwärtig, dass nahezu täglich im Fernsehen Menschen bei der Selbstoptimierung qua Körper zugesehen werden kann. Es gibt zahlreiche Sendungen, die sich mit dem Makel »dick sein« beschäftigen. Diese reichen von subtiler Reproduktion der Gleichung »arm = faul = dick = ›anormal‹« in sogenannten Docutainment -Formaten im Nachmittagsprogramm über den Konkurrenzkampf im Abnehm-Camp bis hin zur Selbstoptimierung in sogenannten make over-Sendungen. Diese Fernsehsendungen dienen sowohl als Instrument des Vergleichs und der Abgrenzung als auch als Identifikationsfläche. Die Tatsache, dass die Protagonist_innen solcher Sendungen sozusagen »an den Pranger« gestellt werden, führt zu einer Identifizierung ihres Verhaltens als falsch und deviant von der Norm, wogegen sich die Zuschauer_innen abgrenzen können. In einem Folgeschritt kann so die eigene Identität aufgewertet werden – schließlich ist man selbst, zumindest im Moment, nicht Zielscheibe der Kritik. Einsichtige Protagonist_innen, die ihr »Fehlverhalten« zugeben und bemüht sind, etwas dagegen zu unternehmen, zum Beispiel eine Diät befolgen, können als Identifikationsfläche fungieren. Ihre Anstrengungen und ihr Leid sind für die Zuschauer_innen nachvollziehbar. Das Mitempfinden ihnen gegenüber wird durch ihre Bemühungen, sich einer Körpernorm anzunähern, legitimiert. Sendungen dieser Art sind eingebettet in das Herrschaftsverhältnis »richtiger« und »falscher« Körper, dessen Trennung sich entlang einer Demarkationslinie von sozial verankerten Körperbildern vollzieht. […] Die vielfältigen, auf Expertenwissen aufbauenden body-regimes der Gegenwart sind institutionalisierte Verhaltensprogramme, wie zum Beispiel Fitness-, Ernährungs- oder Gesundheitskultur, aber auch das Feld der plastischen Chirurgie, die auf die Disziplinierung und Normierung der Körper abzielen. Entlang zahlreicher Körpertechniken ergibt sich eine Achse der Unterscheidung in »gut« und »schlecht«. Es gibt kaum Raum für abweichende Körperbilder jenseits der Binarität von schön und hässlich, perfekt und verworfen, dünn und dick, die durch die Körpernormierung produziert wird. Es gilt, den medial inszenierten »perfekten Körper« um jeden Preis nachzuahmen. Das so internalisierte Bild des eigenen Körpers in Abgrenzung zu einem unerreichbaren Ideal wird durch die enge diskursive Verknüpfung desselben mit Persönlichkeitsaspekten zum Selbstbild des Individuums und die eigene Persönlichkeit im Folgeschluss genauso Zielscheibe unablässiger Kritik und Verbesserungswillen. “ (Weiterlesen: Phase 2)

Ökonomie der Knappheit

„Die Logik des Kapitalismus ist nicht nur auf die Kontrolle von Mehrwert und Produktion angewiesen, sondern auch auf die Produktion von Knappheit – von kontrollierter Knappheit. Der Begriff der Knappheit ist im Kapitalismus entscheidend, er dient als Rechtfertigugn (gerade jetzt gibt es nicht genug zum Überleben, also laßt uns die Sache kontrollieren, damit möglichst viele davon profitieren können – Produktion des Mehrwerts). Knappheit versetzt Kapitalismus aber manchmal auch in die Lage, sich als Heilmittel auszugeben. Ohne Knappheit gäbe es keinen Wert. Aber Knappheit muß immer auch artikuliert werden: meist wird sie mit Verweis auf ein Gefüge an Bedürfnissen und Wünschen konstruiert. Insofern muß der Kapitalismus ununterbrochen Bedürfnisse kreieren. Daraus hat sich eine Form von Spätkapitalismus entwickel – aus Primärproduktion wurden Reproduktionen und Simulationen – die entscheidend von der klassischen Marxschen Form abweicht.

Wird Sexualität in diesem Sinne verstanden und die Profitlogik auf sie angewandt, sind zwei deutlich unterscheidbare, aber nicht notwendig gegensätzliche Zentren des Profits zu erkennen: zwei Sektoren, die verwertbare soziale Währungen hervorbringen können, die ich zusammenfassend als das Reproduktive und das Erotische bezeichne. Der Nutzen der Reproduktion für ein System, das von ununterbrochener Expansion abhängt, ist offensichtlich. Profitakkumulation hängt immer von der Produktion von Arbeiter/innen ab – je stärker die Zahl der vorhandenen Arbeiter/innen die zu einer gegebenen Zeit benötigten übersteigt, desto leichter lassen sich Löhne niedrig halten. (…)

(Diese) Strategie muß mobilisieren, was ausgeschlossen ist, nämlich den erotischen Exzeß, die nicht-nützliche Dimension der Sexualität, die oft unter dem Begriff ‚Lust‘ zusammengefaßt wird. Viele Denker/innen von Marcuse bis Foucault haben betont, daß Kapitalismus nicht nur in einem Gegensatz zum Lustprinzip steht, sondern Strategien findet, das Lustprinzip als eine Form der Kontrolle durch Anreiz zu mobilisieren, nicht durch Repression, sondern durch das ununterbrochene Versprechen auf Lust, d.h. auf das, was durch den Profit produzierenden Prozeß negiert wird. Das Besondere des Spätkapitalismus liegt in der Entwicklung von Strategien, den eigenen Exzeß zu verwalten und von ihm zu profitieren. Zwei grundlegende Strategien sind Verdichtung und Verschiebung, die dem Vorrang des Genitalen und dem Warenfetischismus entsprechen.

Den Erfolg des Spätkapitalismus macht aus, daß es ihm weitesgehend gelungen ist, die Artikulation von Bedürfnissen und Wünschen entlang zweier Basisachsen zu etablieren – genitale Belohnung und Befriedigung durch Konsum. (…) In der Konsequenz fungiert Sexualität im Spätkapitalismus als Prototyp oder Emblem nicht nur von Entfremdung, sondern auch von Freiheit und als etwas, in dessen Namen Forderungen in einem entfremdenden sozialen System gestellt werden können. Aber das ist nur möglich, wenn dem Prozeß der Kommodifizierung Grenzen gesetzt werden. Der Wert von Sexwaren ist ist von einer Sphäre nicht-warenförmiger Sexualität abhängig. Ebenso macht der Wunsch, die Arbeit im Bereich der Sexualität von der kompensatorischen Ökonomie der Lohnarbeit strikt zu trennen nur insofern Sinn, als Sexualität als das konstituiert ist, was der Logik der Waren unterworfen ist. (…)“ (Die Ökonomie der Knappheit – Linda Singer – In: „Die Linke und der Sex“ / Seite 42-43)