Archiv der Kategorie 'Schöller'

Der lange Marsch (Vorwort)

»“Die Pariser Kommune mag fallen, aber die soziale Revolution, die sie eingeleitet hat, wird triumphieren. Ihre Geburtsstätte ist überall“ (Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, 2. Entwurf)

Die Arbeiter- und Soldatenräte der Pariser Kommune zerstörten den kapitalistischen Staatsapparat (Polizei, Armee, Bürokratie, Justiz und Kirche) und setzten an seine Stelle ein neues System von Bedürfnisbefriedigung, das sich dadurch auszeichnete, dass die unmittelbaren Produzenten sowohl über Produktion als auch über Konsumtion direkt entschieden. Produzentendemokratie als Ausdruck der neuen Bedürfnisse der Massen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, sich selbst in die Gestalt der Räte zu organisieren, direkte Demokratie von unten zu praktizieren.

Jede bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zeichnet sich durch den Zwang aus, die Produktionsverhältnisse auf der Grundlage bestimmter Besitzverhältnisse aufrechtzuerhalten und muß darum folglich den irrationalen Repressionsapparat permanent weiterentwickeln, und zwar unter der je spefizischen historischen Dialektik zwischen den Prinzipien der Profitmaximierung des Kapitals und der Herrschafterhaltung des Gesamtsystems.

Der grundlegende Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft, die Trennung der Produzenten von den Produktionsbedingungen, wächst mit der Entfaltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte, mit dem zunehmenden gesamtgesellschaftlichen Reichtum. Mit der sich ständig steigernden Arbeitsproduktivität durch die Entwicklung der Technologie und der Fähigkeit der Produzenten, dieselbe anzuwenden, mit der ununterbrochen zunehmenden Differenz zwischen der faktischen Entwicklung der Produktivkräfte und der historisch möglichen Entfaltung derselben durch die Sprenung der Fesseln des Kapitals ist der Staatsapparat gezwungen, den bereits unter den herrschenden Bedingungen vorhandenen Überfluß in der Gestalt zusätzlicher und künstlicher „toter Kosten“ (faux frais) – geplanter Verschleiß von Gütern, strukturelle Arbeitslosigkeit, unausgenutzt Kapazitäten, Rüstung, Werbung und Manipulation, künstliche Verwaltung etc. – zu absorbieren.

Die Ausgangslager der Revolution in den Metropolen und in den Ländern, deren Entwicklung vom Imperialismus verhindert wurde, unterscheidet sich fundamental voneinander: Während die Revolutionen bei uns einen heute kaum vorstellbaren Reichtum begründen werden, die Arbeitszeit durch Automation in den wichtigsten Bereichen der Produktion auf ein Minimum reduzieren und die Fähigkeiten des einzelnen, sich in der freien Zeit schöpferisch und allseitig zu entwickeln, maximal steigern, müssen die Revolutionen in der Dritten Welt (einer um Menschlichkeit kämpfenden) den „Schritt vom Elend Batistas in die Armut Fidels“ vollziehen, und zwar in der Form der eigenen, nicht mehr vom Imperialismus absorbierten ursprünglichen sozialistischen Akkumulation.

Das revolutionäre Kuba zeigt uns bis heute, wie es für seinen schwierigen Aufbauprozeß von den Erfahrungen und Fehlern der ersten proletarischen Revolution in der Sowjetunion und von den Erfahrungen und Prinzipien der chinesischen Revolution lernte und dabei das Prinzip der revolutionären Gleichzeitigkeit in der Entwicklung der materiellen Produktion und der Schaffung neuer Menschen mit neuen Bedürfnissen und Interessen zu praktizieren versucht.

So wird die freie Selbsttätigkeit der Massen und der schöpferische Dialog zwischen Führung und Massen, der von dem entscheidenden revolutionären Organisationsprinzip „der Erzieher muss erzogen werden“ (Marx) getragen wird, eine direkte Produktivkraft für die Entwicklung einer nicht mehr strukturellen vom Wertgesetz und Profitprinzip bestimmten Produktionsweise.

Der Ansatz der Pariser Kommune, eine von den Massen selbst geführte direkte Demokratie von unten zu erkämpfen, wurdei nallen bisherigen Revolutionen unter den je spefizischen Bedingungen immer wieder aufgegriffen und ist auch heute in der kubanischen Revolution tragendes Prinzip und endgültiges Ziel.

Die Leistung der kubanischen Revolution ist gerade darin zu sehen, dass es ihr bisher gelang, sowohl in der sozialrevolutionären Transformation der feudal-kapitalistischen Produktionsverhältnisse als auch beim Aufbau der neuen Gesellschaft die Differenz zwischen historisch notwendiger Repression und zusätzlicher irrationaler Herrschaftsausübung eines von den Massen getrennten und verselbstständigten Apparats möglichst gering zu halten. Von grundlegender Bedeutung ist, dass die kubanischen Revolutionäre diese Hauptschwierigkeit jeder Revolution selbstkritisch problematisieren und mit den Massen diskutieren, um die bewusstseinsmäßigen Voraussetzungen für antibürokratische Kampagnen zu sichern. Es gelang ihnen bisher weitgehend, eine vorschnelle Institutionalisierung der verschiedenen Arbeits- und Verwaltungsebenen zu vermeiden. Gerade darin zeigt sich ein auch für unsere Arbeit relevantes Organisationsprinzip: Organisation als Resultat eines langwierigen praktischen Lernprozesses und nicht als seine Voraussetzung; sonst besteht die Gefahr, dass die Organisation eine bürokratische Schranke wird, die die Selbststätigkeit der Massen von unten verhindert.

„Wir haben einige Versuche gemacht in der Absicht, nach und nach die Institutionen der Revolution zu schaffen, aber ohne allzu große Eile. Unsere stärkste Bremse ist die Befürchtung gewesen, eine formale Beziehung könnte uns von den Massen und vom Individuum trennen und uns die letzte und höchste revolutionäre Bestrebung aus den Augen verlieren lassen, die Bestrebung, den Menschen von seiner Entfremdung befreit zu sehen“ (Guevara, Menschen und Sozialismus auf Kuba, S.50)
Verfrühte und nicht von den Massen kontrollierte und beherrschte Organisationsformen, die nicht mehr Kampfmittel, sondern Selbstzweck geworden sind, können sehr leicht zur Ausschaltung andersdenkender Revolutionäre mißbraucht werden. Rosas Satz, dass „die Freiheit die Freiheit der Andersdenkenden“ ist, meint nicht die Freiheit der Konterrevolution und der alten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, fordert vielmehr eine volle Freiheit für alle Fraktionen des revolutionären Lagers, für die schöpferische Entfaltung der direkten Demokratie als Ausdruck der bewussten Massentätigkeit.

Dieses Prinzip lässt sich auch an Hand der Entstehungsgeschichte und des organisatorischen Aufbaus der neuen kommunistischen Partei Kubas verfolgen: Die Bewegung des 26. Juli (1953), die von Fidel und Che im wesentlichen getragen wurde, war die erste keimhafte Organisationsform im Prozeß der Entwicklung der kubanischen Revolution, in der alle antiimperialistischen Fraktionen der verschiedenen Klassen der kubanischen Gesellschaft (nationale Bourgeoisie aus Industrie, Handel und Landwirtschaft, Proletariat, Kleinbürgertum, Bauern) vereinigt waren. Die verschiedenen Inhalte der Fraktionen dieser antiimperialistischen Front konnten sich erst im Prozess der revolutionären Auseinandersetzung mit der Batista-Diktatur konkret entfalten. Im Kampf allein konnten sich die dem Stand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung adäquaten spezifischen Organisations- und Kampfformen herausbilden – ohne Moncada-Erfahrung kein Guerilla-Konzept, ohne langandauernde Guerilla-Praxis keine Einbeziehung der Massen bei der sozialrevolutionären Umgestaltung der Gesellschaft, keine Herausbildung einer vom Vertrauen und der Selbsttätigkeit der Massen bestimmten politischen Führung.

Gesellschaftliche und individuelle Emanzipation wird in diesem Konzept nur möglich durch ununterbrochenen Kampf um den neuen Menschen, der fähig ist, jede irrational zusätzliche Herrschaft von Menschen über Menschen durch bewußte Kontrolle und Tätigkeit von unten zu verhindern. Erst innerhalb dieser prozesshaften Vorstellung von Revolution – Revolution nicht als einmalige katastrophenhafte Lösung der Widersprüche – wird es verständlich, dass die ehemalige sozialrevolutionäre Führung der antiimperialistischen Front unter Fidel und Che erst 1965, also 12 Jahre nach Moncada und 6 Jahre nach dem Sturz von Batista, nach vielen Übergangslösungen eine Parteiorganisation neuen Typus aufbaute.

Die kubanische kommunistische Partei unterscheidet sich prinzipiell von en revisionistischen kommunistischen Parteien der Linie der friedlichen Koexistenz dadurch, dass sie nicht selbst ihre Mitglieder von oben bestimmt bzw. auswählt, sondern dass das revolutionäre Volk in der Gestalt der lokalen Komitees Individuen seines Vertrauens vorschlägt, in die Partei hineinwählen kann und, sofern sie das Vertrauen der Komitees nicht mehr haben, durch bewussten Akt des Volkes ausgeschlossen werden müssen. Diese Räte-Prinzipien, sogar im Aufbau und in der Praxis der Partei, stellen eine bisher unerreichte Verbindung zwischen Exekutiventscheidungen der temporären politischen Führung und direkter Demokratie der Massen dar. « („Der lange Marsch. Wege der Revolution in Lateinamerika.“ Vorwort Rudi Dutschke, T. Käsemann, R. Schöller. 1968)