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Bewegungen? Strategische Thesen zur Bilanz einer fetischisierten Form

„Im Kapital offenbart sich eine dynamische Struktur sondergleichen. Als bewusstloses Verhältnis seiner selbst reagiert es auf Anforderungen impulsiv und konvulsiv. Das bürgerliche System muss stets gegen sich selbst revoltieren, um sich zu erneuern. Das tut es nicht in Form von Vorhaben oder gar Verschwörungen, sondern aufgrund seiner Bedingungen und Zwänge. Soziale Bewegungen nehmen in diesem Prozess eine bevorzugte Stellung ein. Bewegung sagt der Struktur, was gut für sie ist. Meist ist jene auch wirklich sensibler, was die unmittelbaren Aufgaben betrifft. Das führt zu Rebellionen gegen Missstände, ohne die Überwindung der Zustände wirklich ins Visier zu bekommen.

Soziale Bewegung ist eine immanente Form kapitalistischer Herrschaft. Ihr Formieren ist Reformieren, das Transformieren ausschließt. Ihre Funktion besteht objektiv darin, gerade durch ihren Widerstand das System auszutarieren. Das kann sie, für nichts anderes taugt sie. Ganz trocken Niklas Luhmann: „Das System immunisiert sich nicht gegen das Nein, sondern mit Hilfe des Neins, es schließt sich nicht gegen Änderungen, sondern mit Hilfe von Forderungen gegen Erstarrung in eingefahrenen, aber nicht mehr umweltadäquaten Verhaltensmustern.“ (Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1987, S. 507)

So agieren die unstabilen Bewegungen als Stabilisatoren des Systems. Das haben sie zwar nicht vor, aber das stellen sie an. Sie spielen mit, obwohl sie oft das Gegenteil unterstellen. Unter der Hand gerät die praktizierte Kritik zur affirmativen Innovation. Interventionen werden absorbiert. Alles endet im Arrangement, nicht nur, was die Kompromisse betrifft, sondern auch was die Haltung der Bewegten ausmacht. Das ist hier jetzt gar nicht als Vorwurf oder Verrat zu sehen, sondern will lediglich einen nüchternen Blick ermöglichen. Bewegungen bewegen sich letztlich in diesseitigen Schemata, alles andere ist ideologischer Schein. Bewegung meint Avantgarde des bürgerlichen Seins, nicht Alternative. Bewegungen resynthetisieren.

Soziale Bewegung bedeutet Intensivierung, Verdichtung und Beschleunigung der Modernisierung. Sie folgt einem Denken in Defiziten und Komparativen. Bewegung handelt als ein Kollektivsubjekt des Kapitals. Die Aufgabe der Bewegungen besteht auch immer darin, ins politische Geschäft zu kommen und nicht das politische Geschäft zu überwinden. Sie gehorchen der Logik von Staat und Zivilgesellschaft. In diesem Spiel sind sie zu positionieren, nicht gegen es zu transpositionieren. Der Charakter der Bewegung zeigt sich weniger in deren Motiven und Bestrebungen als an ihren Resultaten.“ (Von Franz Schandl in Streifzüge 57/2013)

Wir leben nicht, wir werden gelebt – Ein Vortrag von Franz Schandl & Lorenz Glatz

„Wann sind wir reich? Was heißt brauchbar? Überlegungen zum Reichsein in der Warengesellschaft und zur Frage, was ein gutes Leben ist
Wird mit Copyleft anders und anderes produziert? Überlegungen zu den Schwierigkeiten, die Warengesellschaft zu überwinden (zur Bedeutung von Produktivkraftentwicklung der Arbeit und ihren Grenzen)“ (Text: http://dritte.oekonux-konferenz.de/programm/db/ox_event_18.html / MP3: http://dritte.oekonux-konferenz.de/dokumentation/audio.html )

Jeder ist seines Unglückes Schmied

„Was sich nicht rechnet, ist im Kapitalismus bekanntlich zum Untergang verurteilt. Ökonomisch betrachtet sind daher auch Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene zusehends als zu kriminalisierende Elemente. Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff „erwerbslos“ macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, ist Degradierung und Deklassierung. Jene sind nicht einmal mehr Proletarier.

„Ich bin nichts!“, „Es geht nichts!“, „Aus mir wird nichts!“. So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Die Folge ist eine extensive Getriebenheit der Subjekte, angehalten, sich zu verwerten (und andere zu entwerten), um ja nicht unterzugehen. Zumutung transformiert sich in Selbstzumutung. Der Knecht ist sein eigener Herr und zu ihm gibt es keine Distanz – er haust im selben Körper. Es herrscht Zucht durch Selbstbeherrschung.

Der Fragesatz „Was bist du?“ oder „Was willst du werden?“ drückt aus, was einen am anderen primär zu interessieren hat: Die erreichte oder die angestrebte Stellung. Nicht er oder sie selbst, sondern Funktion, Rolle, Karriere. Du bist ein Nichts, wenn du nichts bist. Das Problem ist hier, dass da Biomasse entsteht, die frisst, aber nicht verwertbar ist. Sie muss durchgefüttert werden. Und das ist im Kapitalismus – wie alle anderen Fragen – eine Kostenfrage. Können wir uns das leisten? Nicht erst irgendeine Antwort ist unerträglich, unerträglich ist schon, dass solch eine Frage überhaupt gestellt werden kann. Eine typische Lupus-Frage: Fressen oder gefressen werden.

Für diese Gesellschaft gilt: Gefühlshaushalt und Haushalteinkommen korrespondieren. Die zentrale Angst, aber auch der negative Antrieb des bürgerlichen Individuums ist die Furcht vor der Wertlosigkeit. Die Angst funktioniert wie ein Stachel im Fleisch der Warensubjekte, die sich auf den Markt tragen um sich als Äquivalent in Wert zu setzen. „Ich tausche, also bin ich!“, so der Urschrei des kapitalistischen Subjekts.“ (Franz SchandlJeder ist seines Unglückes Schmied)