Archiv der Kategorie 'Religion'

Marcuse: Die Funktion der Wissenschaft & Religion

»Die Funktion der Wissenschaft und der Religion hat sich verändert – und so auch ihre wechselseitige Beziehung zueinander. Innerhalb der totalen Mobilisierung von Mensch und Natur, die unsere Zeit auszeichnet, ist die Wissenschaft zu einem der destruktivsten Instrumente geworden – zerstörerisch gegenüber jener Freiheit, die sie einst versprach. Während dies Versprechen sich in eine Utopie auflöste, wird der Begriff ›wissenschaftlich‹ fast identisch mit der Aufkündigung der Vorstellung eines irdischen Paradieses. Die wissenschaftliche Haltung hat längst aufgehört, ein kämpferischer Gegner der Religion zu sein, die ebenfalls mit Erfolg ihre explosiven Elemente preisgegeben hat und häufig den Menschen an ein gutes Gewissen angesichts von Leid und Schuld gewöhnt hat. Im Haushalt der Kultur tendieren die Funktionen von Wissenschaft und Religion dahin, einander zu ergänzen; in ihrer augenblicklichen Haltung verleugnen sie beide die Hoffnungen, die sie einst erregten und lehren die Menschen, die Tatsachen in einer Welt der Entfremdung hinzunehmen. In diesem Sinne ist die Religion keine Illusion mehr und ihre akademische Forderung steht im Einklang mit der herrschenden positivistischen Tendenz. Wo die Religion weiterhin das kompromißlose Streben nach Friede und Glück bewahrt, haben ihre ›Illusionen‹ noch einen höheren Wahrheitsgehalt als die Wissenschaft, die an der Ausschaltung dieser Ziele arbeitet. Der verdrängte und umgeformte Inhalt der Religion kann nicht dadurch befreit werden, daß man ihn der wissenschaftlichen Haltung ausliefert.« (Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft)

Kritik der Religion

„Aufbauend auf eine Vorstellung der Weltreligionen möchten wir einführen in Begriffe und Theorien zum jüdischen Messianismus, dem Antijudaismus im späten Mittelalter, dem islamischen Dschihad vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart und die Veränderung von Religion in der Gegenwart am Beispiel neuer Christenbewegungen. Anschließend geht es um die kritische Kontextualisierung von Religion zwischen Herrschaft, Ideologie und Identität. Dabei werden wir uns mit den Ideen sowohl klassischer Religionskritiker, beginnend mit der griechischen Philosophie über Feuerbach zu Marx und Walter Benjamin, als auch zeitgenössischen Positionen auseinandersetzen. Mit dieser Einführung in die Kritik der Religionen möchten wir Argumente scharfmachen, um Religion(en) als Ideologie von Herrschaft und Unmündigkeit konsequent zu kritisieren.“(Text & Quelle: Intros Hamburg / http://intros.blogsport.eu/ / Vortrag als MP3: http://www.freie-radios.net/42005 )

Freud über Religion

“Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der Auswahl und Anpassung, indem sie ihren Weg zum Glückserwerb und Leidensschutz allen in gleicher Weise aufdrängt. Ihre Technik besteht darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung in einen Massenwahn gelingt es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose zu ersparen. Aber kaum mehr; es gibt, wie wir gesagt haben, viele Wege, die zum Glück führen können, wie es dem Menschen erreichbar ist, keiner, der sicher dahin leitet. Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten. Wenn der Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem Ratschluß“ zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur bedingungslose Unterwerfung übriggeblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg sparen können.” (Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kluturtheoretische Schriften, Sigmund Freud, Fischer, 2. Auflage, 2010, 192 Seiten; S. 51. )