Archiv der Kategorie 'Psychologie'

NS-Deutschland und die Ermordung der Juden Europas

Die Erfindung und die Aufstellung der Sonderkommandos ist das dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus gewesen. Hinter dem pragmatischen Gesichtspunkt (arbeitsfähige Männer einsparen; anderen die schauerlichsten Aufgaben aufzwingen) kommen noch weitere subtilere Gründe zum Vorschein. Mit Hilfe dieser Einrichtungen wurde der Versuch unternommen, das Gewicht der Schuld auf andere, nämlich auf die Opfer selbst, abzuwälzen, so daß diesen – zur eigenen Erleichterung – nicht einmal das Bewußtsein ihrer Unschuld bleiben würde. Es ist weder leicht, noch angenehm, diesen Abgrund von Niedertracht auszuloten, aber dennoch bin ich der Meinung, daß man es tun muß; denn was gestern verübt werden konnte, könnte morgen noch einmal versucht werden und uns selbst oder unsere Kinder betreffen. Man ist versucht, den Blick abzuwenden und die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, aber dieser Versuchung müssen wir widerstehen. Denn die Existenz des Sonderkommandos hatte eine Bedeutung, sie enthielt eine Botschaft: “Wir, das Herrenvolk sind eure Vernichter, aber ihr seid nicht besser als wir. Wenn wir es wollen, und wir wollen es, sind wir nicht nur in der Lage, eure Körper zu vernichten, sondern auch eure Seelen, so wie wir unsere eigenen Seelen vernichtet haben.”

Das Leben zählte nicht mehr, der Tod war zu nah

Was geschieht mit einem Menschen, wenn er so viele Leichen sieht, ständig Tausende von Toten?

Was soll man machen?! Man konnte nichts machen. Dort waren wir jeden Tag. Einen Monat, zwei Monate, acht Monate habe ich das gesehen, ohne Unterbrechung. So starben Millionen von Juden. “Sklaven des Pharao”. Wir kannten die Sprache nicht, wir wußten nicht, wo wir waren, wußten nichts. Wir waren wie ein Wrack. Nehmen Sie ein Wrack, was kann das machen?

Immerzu sieht man nur den Tod – heute stirbt der oder jener, morgen, in der Frühe oder am Nachmittag bist du selbst an der Reihe. Unser gesamtes Denken ging nur auf den Tod. Außer an den Tod dachten wir an nichts anderes. Der Tod wurde etwas Alltägliches, das Warten auf den Tod wurde eine ganz normale Sache. So war das dort. Gab es denn in unserem Alltag etwas anderes?

Glaubten Sie nicht daran, lebend davon zu kommen?

Wir alle sagten uns, wir leben mitten im Tod, als hätten wir die Todesstrafe erhalten. Wir wußten nicht, wann man uns umbringen würde, wußten nichts. Es war schlichtweg verboten, daran zu denken, lebend entkommen zu können. Besser überhaupt nicht denken, nichts. Manchmal fragte ich mich: “Warum weiß man draußen in der Welt nicht, was hier vor sich geht?”

Wie setzten Sie sich damit auseinander?

Ich weiß nicht. Ich habe keine Erklärung. Ich aß, trank Kaffee, trank Tee, alles zwischen den Leichen. Tausende, viele Tausende Leichen. Dort, wo man die Leichen aus der Gaskammer herausholte, aß man auch, trank – mit den Leichen. Jetzt, wo ich daran denke, weiß ich wirklich nicht, wie ein Mensch unter diesen Bedingungen leben kann. Wie? Wie? Ich weiß es nicht. Wie? Leichen. Menschen heutzutage sehen im alltäglichen Leben einen Toten und sind völlig erschüttert. Hier sahen wir Tausende und Abertausende – kleine Kinder, Alte, Junge, schwangere Frauen. Wer war nicht dort?! Ein ganzes Volk.

Hielten Sie die religiösen Gebote in Birkenau?

Nein, ich konnte es nicht. Ich habe nichts gegen die Religion, aber dort, wo ich es gewünscht hätte, da habe ich keine Zeichen oder Wunder gesehen.

Gab es Fälle von Selbstmord unter den Sonderkommando-Häftlingen?

Wenn man nicht schuldig wurde, hatte man keinen Grund, sich selbst umzubringen, man wollte leben. Die Menschen wollten leben, selbst wenn sie überhaupt keine Chance hatten.

Das heißt, Sie haben ein reines Gewissen?

Ja.

(Aus: „NS-Deutschland und die Ermordung der Juden Europas“ von Rainer BakonyiHier weiterlesen)

Wegwerfbeziehungen – Schwarz & Pohrt

„Diese merkwürdige “Nichtexistenz” ist nach einer Vermutung Horckheimers aus dem Jahre 1939 das universelle Schicksal der Menschen, falls sie nicht in den logischen Gang der Geschichte intervenieren: “Im Spätkapitalismus verwandeln sich die Menschen zuerst in Unterstützungsempfänger und dann in Gefolgschaften”; in diese Verfassung gerät der Mensch “durch seine steigende Entbehrlichkeit, durch seine Trennung von der produktiven Arbeit, durch das dauernde Zittern um die erbärmliche Notstandshilfe im Zeitalter der großen Industrie.” Die Menschen werden Rentner und Zwangsarbeiter in einem, deren materielle Existenz sich nicht aus einem unverbrüchliche, Rechtsanspruch auf das Entgelt für ihre Arbeitskraft herleitet, sondern als Gnadenerweis, als jederzeit widerrufbare Gratifikation empfunden wird. Daher selbst bei gutsituierten Angestellten die tiefsitzende Angst vor Hunger und Elend, welche die zentrale Energiequelle aller Unterwürfigkeit und manischen Anpassung ist. Die staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme lassen alle Tätigkeiten tendenziell Beschäftigungstherapie werden, und die damit einhergehende Zerstörung der Gebrauchswerte nimmt deren Produzenten Selbstbewußtsein und Funktion. Das Wertgesetz wirkt nach seinem Untergang negativ und als reiner Zwang fort: Ohne Arbeit bekommt man kein Geld, aber mit Arbeit hat man es noch lange nicht verdient. Arbeit, die selbst nur noch Leiden und Unterdrückung, die Hinnahme der eigenen Entwürdigung zum kindischen Produzenten von überflüssigem Unfug, die Verhinderung selbstbestimmter und vernünftiger Tätigkeit ist, wird zur Bedingung dafür, daß die Herrschenden einen aushalten. Daher wird bei der Arbeit die Langeweile zur furchtbaren Tortur: das ewige Warten auf die Frühstückspause, die Toilettenpause, die Mittagspause und schließlich den Feierabend – ein Warten, das fast noch quälender wird, wenn der Produktionsablauf ins Stocken gerät und man untätig herumsteht.”

Vom Bezug auf vernünftige Tätigkeit gelöst, werden Arbeit und Freizeit zu einem unernst tristen Einerlei. […] Seit die Herrschaft des Kapitals kaum noch inhaltlich, sondern nun mehr negativ bestimmbar ist als Zwang, nichts Ernsthaftes und Vernünftiges zu tun, sind vernunftloser Genuß und sinnliche Freuden nicht mehr identisch mit der selbstherrlichen Emanzipation der Menschen von notwendiger Arbeit unter der ständigen Drohung des Verhungerns und deren naturgesetzlich unbarmherziger Logik. Als Unterwerfung unter die Willkür der Apparate, welche die Menschen nur als Witzfiguren in einem Betätigungsfeld duldet, das den großstädtischen Spielplätzen ähnelt, wird die Genußfähigkeit selbst kraftlos und verkümmert. Daß der terroristische Zwang zum Genuß, nämlich die Reklame, über diesen selbst triumphiert, ist daher nur konsequent. Deshalb der Widerspruch, daß einerseits […] die Sexualität propagiert wird wie nie zuvor, andererseits selbst die Darsteller in den einschlägigen Filmen schon auf den Standphotos so aussehen, als säße sie besser hinter der Schreibmaschine, er besser hinter dem Lenkrad, und somit dem heute repräsentativen Menschentypus gleichen, den man sich in allen Situationen des Lebens ganz gut vorstellen kann, nur eben bei der Liebe nicht. In der Kraftlosigkeit, mit der selbst die falschen und fetischistischen Bedürfnisse ersehnt werden, liegt gerade ihre Macht. Weil der an sich maßlose abstrakte Konsumwunsch unfähig ist, sich zur Besessenheit zu entwickeln, treibt er nicht zu der Schwelle fort, an der er seines Irrsinns inne werden müßte. Deshalb bringt selbst die Putzwut es nicht auf den Punkt, wo schließlich auch die Menschen selbst im desinfizierenden Salzsäurebad ihr Leben lassen – oder aber in Gelächter über den Wahnwitz ausbrechen müßten. Das wunschlose Unglücklichsein, worin gegenwärtig alle Begeisterung getaucht ist, ist der Grund, weshalb aus Technikfetischisten, Fußballfanatikern und Bastlernarren keine rabiaten Käuze und potentielle Revolutionäre werden, sondern verträgliche Zeitgenossen.“ (Quelle: Wolfgang Pohrt u. Michael Schwarz: Wegwerfbeziehungen. Versuch über die Zerstörung der Gebrauchswerte. | In: Kursbuch 35. Verkehrsformen. 1 Frauen Männer Linke. Über die Schwierigkeiten ihrer Emanzipation; Rotbuch Verlag, Berlin, 1974)

Thesen zu Materialismus und Tod

„Um im Kapitalismus voranzukommen, braucht es die Fähigkeit, ungerührt über Leichen gehen zu können. Nur entpuppt sich das Vorankommen regelmäßig als ein bloßes Auf-der-Stelle-Treten: als (mal mehr, mal minder komfortables) Vegetieren. Im Namen des Fortschritts hat der Kapitalismus einmal den Ausbruch aus den statischen feudalen Verhältnissen propagiert; aber die Verheißung des Neuen, qualitativ Anderen dementiert sich im immergleichen Zyklus aus birth, school, work, death. Am Ende verspricht ausgerechnet das Monotonste, der Tod, dem in den Routinen des kapitalen Alltags gefangenen Subjekt den Thrill des Neuen, des Ausbruchs aus der unendlichen Langeweile. Das sehnsuchtsvolle Warten auf den Tod ist der Affekt einer Gesellschaft ohne Zukunft, des verallgemeinerten Altersheims8, in dem man mit endlosen Abwechslungen die Zeit totschlagen muss, um ihren unbarmherzigen Lauf nicht mehr zu verspüren.“ (Weiterlesen: „Thesen zu Materialismus und Tod“ – Les Madeleines)

Die Veränderung des autoritären Charakters

„Die Frage, weshalb die Individuen faschistischer Ideologien, autoritärer Krisenlösungen oder der Sicherheit in der Gemeinschaft bedürfen, hat an Aktualität keineswegs verloren. […] Das zentrale Merkmal der autoritären Persönlichkeit ist nach Adorno und Fromm eine sado-masochistische Charakterstruktur. Dieser entspricht zum einen die Unterwerfung gegenüber Autoritäten, wobei alle Ambivalenzen des Unterwerfungsaktes, also die Triebunterdrückung und Aggression gegen die Autorität, abgespalten werden. Zum anderen verlangen die abgespaltenen Anteile eine Abfuhr und werden deshalb auf Personengruppen, die nicht zum Kollektiv definiert werden, oder Schwächere übertragen und an ihnen bekämpft.“ (Weiterlesen: Zum Verhältnis gesellschaftlicher Bedingungen und Subjektentwicklung)

Das Ausbleiben einer kritischen Gewissensbildung

Das Kind, ob es sich, um zu bestehen, noch identifizieren muß oder nicht, konstituiert über die Bezugspersonen seiner verschiedenen Entwicklungsphasen eine neue Form größter Ich-Schwäche, die nicht mehr wie in der autoritären, sadomasochistischen Psyche ein eingeklemmtes, bedrohtes Ich meint, sondern ein zerfließendes, diffuses, grenzenloses Ich, das eben darum nur noch die eigenen Interessen im Auge behalten kann, wobei das egoistische Interesse mit dem der Konsumgesellschaft identisch ist. Identitätsdiffusion (oder Identitätsverlust) war nach Heintz das Ergebnis eines Konfliktes zwischen aktuellem Orientierungshorizont und innerer Kontrollinstanz, auf den das schwache Ich mit Realitätsflucht und Auflösung reagierte. Jetzt ist sie die Konsequenz nicht durchgeführter Konflikte schon vor und während der Konsolidierung des Selbst, da die von den Objektpersonen übernommenen Verhaltensmaßregeln und Erwartungsrollen nicht oder kaum mehr mit den Leistungszuordnungen der Außenwelt kollidieren, was auch die Voraussetzung von sich erkämpfender Ich-Stärke wäre. Um sein ‚Selbstgefühl‘ zu gewinnen – abgesehen von der tief eingeschliffenen Resignation vor der Selbstverständlichkeit des anonymen Apparats, die aber ständig belohnt wird – bedarf das infantil-narzißtische Ich außer der versicherten Konformität mit der ‚inneren Kontrollinstanz‘ nur noch der Anerkennung der jeweiligen Bezugsgruppen. Gewinnt es die fraglose Sympathie seiner peer-group, möchte es diese stabilisierte ‚Harmonie‘, von der das Selbstwertgefühl abhängt, nicht mehr missen. Auf eintretende Widerstände, Spannungen und Versagungen könnte der Ich-Schwache mit hoher Wahrscheinlichkeit nur infantilistisch regredieren, von kurz aufflackernden, aggressiv-asozialen Protesten und anhaltender Griesgrämigkeit abgesehen. Realitäts- und Lustprinzip konvergieren zu einem diffusen Abhängikeitszirkel, in dem Befriedigung und Frustration nahezu identisch werden. ‚Regression zum Lustprinzip‘ mangels affektiver Identifizierungsmögilchkeit ist daher schon eine ungenaue Umschreibung des Ausbleibens einer kritischen bzw. apologetischen Gewissensbildung, was eine spätere Auseinandersetzung des Halbwüchsigen mit der Gesellschaft unmöglcih macht.“ (Frank Böckelmann – „Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit“ – Seite 54 bis 55)