Archiv der Kategorie 'Philosophie'

Was jeder zeigen muss

„Das Verhalten des Einzelnen zum Racket, sei es Geschäft, Beruf oder Partei, sei es vor oder nach der Zulassung, die Gestik des Führers vor der Masse, des Liebhabers vor der Umworbenen nimmt eigentümlich masochistische Züge an. Die Haltung, zu der jeder gezwungen ist, um seine moralische Eignung für diese Gesellschaft immer aufs neue unter Beweis zu stellen, gemahnt an jene Knaben, die bei der Aufnahme in den Stamm unter den Schlägen des Priesters stereotyp lächelnd sich im Kreis bewegen. Das Existieren im Spätkapitalismus ist ein dauernder Initiationsritus. Jeder muß zeigen, daß er sich ohne Rest mit der Macht identifiziert, von der er geschlagen wird. […] Jeder kann sein wie die allmächtige Gesellschaft, jeder kann glücklich werden, wenn er sich nur mit Haut und Haaren ausliefert, den Glücksanspruch zediert. In seiner Schwäche erkennt die Gesellschaft ihre Stärke wieder und gibt ihm davon ab. Seine Widerstandslosigkeit qualifiziert ihn als zuverlässigen Kantonisten.“ (Max Horkheimer + Theodor W. Adorno, in „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente“ – Seite 162)

Stapelfeldt: Was ist Dialektik?

„Dialektik ist ein methodisches Verfahren, jedoch keine vom Inhalt abgelöste, ihm vorausgesetzte und dogmatisch gesetzte Methode, sondern der Widerspruch gegen alle Voraussetzungen, gegen alle bewußtlosen Setzungen: gegen alle Dogmen, gegen alles, was sich zu einem Unveränderlichen fixiert. […] Zur Dialektik gehört die Aufklärung des Verhältnisses von bewußtlosem gesellschaftlichem Logos und Erkenntnis. Worauf der Widerspruchsgeist zielt ist eine Gesellschaft, in der die Menschen ihrer selbst und ihrer Verhältnisse bewußt sind, in der sie nicht länger von undurchschauten Mächten beherrscht werden – in einer solchen Gesellschaft ist jede Dialektik überflüssig, weil sie ihren Gegenstand verloren hat. So gehört zur Dialektik nicht nur die Aufklärung der Genesis gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern analog die Utopie, so gehört zur Dialektik das Verhältnis von Theorie und Praxis. Solange aber solche Verhältnisse herrschen, gehört der Geist des Widerspruchs diesen selbst an und ist auch dogmatisch, nur so weit über die Verhältnisse hinaus, wie diese genetisch und utopisch über sich hinausweisen. Dialektik ist mithin: »unabgeschlossen« (Horkheimer 1977, 145, 544, 574f.), ein Widerspruchsgeist, dem unvermeidlich immer auch jener Dogmatismus inhäriert, gegen den er sich richtet.“ (Gerhard Stapelfeldt – „Der Geist des Widerspruchs. Studien zur Dialektik. Erster Band“ – Seite 11 und 12 – http://www.isf-freiburg.org/verlag/leseproben/pdf/stapelfeldt-geist.widerspruch_lp.pdf | Praktische Übersicht zum Thema Dialektik: http://www.praxisphilosophie.de/dialektik.htm )

Adorno: Vorlesung über negative Dialektik

„Und Hegel hat, das muß man hier zunächst einmal hervorheben, durch seine Kritik an dem Schein, daß das, was einem das Nächste ist, nämlich das je eigene Selbst und sein Bewußtsein, nun auch tatsächlich das schlechthin Fundamentale und Erste sei, dann gerade auch zur Einsicht in die Gesellschaft und in das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft Entscheidendes beigetragen. Es wäre eigentlich eine Theorie der Gesellschaft, wie wir sie heute meinen, ohne diese Hegelsche Einsicht überhaupt gar nicht möglich gewesen. – Er hat also, sage ich, den Schein des Ansichseins des Subjekts zerstört und dargetan, daß es selbst Moment der sozialen Objektivität ist. Und er hat weiter die Notwendigkeit abgeleitet, daß gegenüber dieser abstrakten Subjektivität das gesellschaftliche Moment als das Stärkere sich durchsetzt. Aber – und das ist der Punkt, würde ich sagen, an dem genau nun jene kritische Überlegegung zu Hegel anzusetzen haben, die die Formulierung einer negativen Dialektik eigentlich rechtfertigen – es ist die Frage aufzuwerfen, ob nun tatsächlich diese als notwendige Bedingung dargetane und das abstrakte Subjekt unter sich subsumierende Objektivität tatsächlich das Höhere sei; oder ob sie nicht vielmehr das bleibt, was Hegel in seiner Jugend ihr vorgeworfen hat; nämlich eben das Äußerliche, das zwanghafte Kollektive; ob nicht der Rückzug auf diese vermeintlich höhere Instanz eine Regression des Subjekts bedeute, das seine Freiheit mit unendlicher Qual, mit Mühe errungen hat. Es ist nicht einzusehen, warum durch die Einsicht in den Zwangsmechanismus, der die Subjektivität und das Denken an die ihm gegenüberstehende Objektivität bindet, und angesichts der Abhängigkeit, die besteht, und angesichts der, ich möchte sagen: Logik der Tatsache, die dann zu dem Triumph der Objektivität führt, diese nun auch notwendig recht behalten müsse. Es liegt darin ein Moment von Gewissenszwang, wie ich es am stärksten erfahren habe in der Auseinandersetzung mit dem hegelianischen Marxisten, nämlich in unserer Jugend mit Georg Lukács, der damals gerade einen Konflikt mit seiner Partei hinter sich hatte und in diesem Zusammenhang mir erzählt hat, seine Partei habe ihm gegenüber recht, obwohl er der Partei gegenüber in seinen Gedanken und Argumenten recht habe, – weil die Partei eben den objektiven geschichtlichen Stand verkörpere, während sein, für ihn und der bloßen Logik des Denkens nach, fortgeschrittenerer Stand hinter diesem objektiven Stand zurückgeblieben sei.“ (Theodor W. Adorno (2007, zrst. 1965): Vorlesung über negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66, Hg.: Tiedemann, Frankfurt a. Main, Suhrkamp: S. 30 f. (Hh.: Tiedemann))

Rjazanov über Hegel

„Hegel, der die Erfahrungen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts durchgemacht hatte – einer Epoche der gewaltigsten Erschütterungen des ökonomischen wie des politischen Lebens – konzentierte seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erklärung der Welt, wie sie sich entwickelt. Es ist nichts, was nicht in Bewegung ist. Seine absolute Idee, die Vernunft, lebt und tritt zutage nur im Prozeß einer ununterbrochenen Bewegung, Entwicklung. Alles ist im Fluß, verändert sich, wird zerstört. Die ununterbrochene Bewegung, die ununterbrochene Entwicklung der absoluten Idee bestimmt die Entwicklung unserer ganzen Welt auf allen Gebieten. Um die uns umgebenden Erscheiungen zu verstehen, genügt es nicht, sie so zu studieren, wie sie jetzt existieren, wir müssen verstehen, wie sie sich entwickelt haben; denn alles, was uns umgibt, ist das Resultat einer früheren Entwicklung. Mehr noch. Auch wenn es uns auf den ersten Blick scheint, daß ein gegebenes Ding in unbewegtem Zustand verharrt, so sehen wir doch, wenn wir es aufmerksam betrachten und das Auge an es gewöhnen, daß in ihm selbst eine Bewegung, ein Kampf vor sich geht, daß in ihm einerseits bestimmte Einflüsse und Kräfte wirksam sind, die es in dem Zustand festhalten, in dem wir es kennen, und andererseits Einflüsse und Kräfte, die danach streben, es zu verändern.

In jeder Erscheinung, in jedem Ding vollzieht sich ein Kampf dieser beiden Prinzipien, der These und der Anthithese. Von diesen beiden Prinzipien ist das eine das bewahrende, das andere das zerstörende. Im Prozeß des Kampfes dieser beiden Prinzipien, die in jeder Erscheinung vorhanden sind, ergibt sich etwas Mittleres, die Vereinigung der widerstreitenden Prinzipien.

In der Sprache Hegels wurde das so ausgedrückt: Die Vernunft, das Denken, die Idee bleiben nicht unbeweglich, erstarren nicht bei einer Position, beruhigen sich nicht bei einer These. Im Gegenteil, diese These, dieser Gedanke gerät in Widerspruch mit sich selbst, teilt sich in zwei Gedanken, von denen einer dem anderen widerspricht, in Position und Negation, in Ja und Nein. Der Kampf dieser beiden entgegengesetzten elemente, die in der Antithese enden, bildet die Bewegung, die Hegel dialektisch nennt, um das element des Kampfes in ihr zu unterstreichen. Im Resultat dieses Kampfes, dieser Dialektik, gleichen sich beide Gegensätze gegenseitig aus und vereinen sich. Die Verschmelzung dieser beiden einander widersprechenden Gedanken formt einen neuen Gedanken – ihre Synthese. Dieser neue Gedanke, diese neue Idee, teilt sich ihrerseits wieder in zwei entgegengesetzte Gedanken – die These bringt eine Antithese hervor und beide vereinigen sich wieder in einer neuen Synthese.

So betrachtete Hegel jede Erscheinung, jedes Ding als einen Prozeß, als etwas, was sich in ununterbrochener Bewegung und ununterbrochener Entwicklung befindet. Jede Erscheinung ist nicht nur das Resultat einer vorangegangenen Veränderung, sondern trägt auch in sich selbst den Keim einer neuen Veränderung. Sie beruhigt sich niemals auf einer einmal erreichten Stufe – nach dem Motto: so ist es immer gewesen, so wird es immer sein. Im Gegenteil, kaum hat sie eine neue Stufe erreicht, beginnt in ihr der Kampf neuer Widersprüche. Wie Hegel so schön sagt, ist gerade der Kampf der Gegensätze die Quelle der Entwicklung.“ (Rjazanov – Marx und Engels nicht nur für Anfänger – Rotbuch Verlag – russ. Original entstammt aus dem Jahr 1928 / Seite 42-43)

Marx und die Hegelsche Dialektik – Vortrag von Eva Bockenheimer

„Ein wesentliches Anliegen von Marx und Engels war, den Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu erheben, damit er nicht bloß «geglaubt» oder «ersehnt» werden muss, sondern rational begründet werden kann. Auch seine historisch-materiellen Voraussetzungen sollten benannt werden können. Kurz: Eine Reflexion der Methode wissenschaftlicher Forschung und Darstellung war nötig. Marx bezeichnet seine Methode als «dialektisch » und stellt sich damit bewusst in die Tradition der Hegelschen Philosophie. An ihrem Kern hält er fest, kritisiert aber ihre mystifizierte Form. Laut Marx ist die Dialektik «dem Bürgertum […] ein Gräuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis […] seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordene Form […] auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.» (MEW: 23, 28) Was genau das dialektische Denken auszeichnet und worin sich die Marxsche Dialektik von der Hegelschen unterscheidet — darum geht es in diesem Satellitenseminar.“ (Quelle & MP3: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/12/23/marx-und-die-hegelsche-dialektik/ bzw. http://www.rosalux.de/documentation/46230/marx-und-die-hegelsche-dialektik.html )