Archiv der Kategorie 'Nation'

Staat und Nation

„Ausgangspunkt einer jeden Nation ist – damals wie heute – die Instandhaltung und politische Instrumentalisierung der eigens für den nationalen Charakter geschmiedeten Mythen. Da es sich bei der Nation um keine ontologische Kategorie handelt, d.h. all ihre Versuche sich ethnisch, kulturell etc. zu begründen, notwendig an der Realität scheitern müssen, wird in ihrer Konstruktion auf Traditionen und Erzählungen rekurriert, aus dessen Rudimenten ein gemeinsames, schicksalhaftes Band zur identifizierenden Folie gewoben wird. Im Staat erhält dieses fiktionale Band durch die reale Vermittlung seine objektiv-materielle Grundlage und präsentiert sich dem Einzelnen in konkreter Gestalt. In seiner Funktion als Organisator eines reibungslosen kapitalistischen Produktionsablaufes schafft der Staat vermittels Gesetzen, Verfassungen und Apparaten den formalen Rahmen, in dem die Staatsbürger und Warenbesitzer als Einheit zusammengefasst werden. Gegenüber der gedanklichen Abstraktion Mitglied einer Nation zu sein, ist er somit der faktische Beleg dergleichen. Gleichwohl scheitert er durch die ihm in der Unterwerfung seiner Bürger notwendig eingeschriebene Gewalt in der Hervorbringung einer gemeinsamen Identität. „Dieser mit dem Staat untrennbar verbundene Zwangscharakter „stört“ die Harmonie, die sich im Begriff der Nation verwirklichen will.“ Doch erst durch die im Staat geschaffene Rechtsform, die allen Bürgern Freiheit und Eigentum garantiert, erst durch diese gewalttätig durchgesetzte Gleichheit können sie sich im Schoße der Nation als solche begreifen und zu einer vereinten Identität verschmelzen. Der Staat ist somit die notwendige Voraussetzung und Grundlage einer in der Nation aufgehenden Konformität.

Während der Staat die Unterwerfung der Bürger unter das Wertgesetz also ganz konkret herstellt, bedarf die Nation weiterhin der Mythen, deren Aufgabe es ist, ein kohärentes Bild einer gemeinsamen Geschichte zu zeichnen, in dem die auftretenden Brüche und Widersprüche mit dem Ziel eingeebnet werden, eine problemlose Identifikation mit Volk und Heimat zu ermöglichen. Ihre Appelle an Zusammenhalt und kollektive Identität richten sich zwangsläufig an die emotionale und sentimentale Seite von Individuum und Masse. Die Möglichkeit individueller Selbstverwirklichung ist im Mythos an die Unterwerfung und Anerkennung einer höheren sozialen Einheit – der Nation – geknüpft, deren Gelingen unabdingbar mit der Eingliederung des Einzelnen in den kollektiven Verbund korreliert. Obgleich dem Einzelnen seine nationale Identität im Vergleich zum Staatsbürgersein nur als abstraktes Verhältnis gegenübertritt, wird ihm eine unabdingbare Verbundenheit suggeriert. In der Tradition nationalstaatlicher Konstituierung liegt diese Hinwendung zum Gefühlshaushalt der Massen in dem ambivalenten Charakter zwischen Religion und Aufklärung begründet. Die hereinbrechende Säkularisierung in einen Großteil gesellschaftlicher Sphären im Verlauf des 18. Jahrhunderts, sowie die sukzessive Durchsetzung einer auf rationalen und wissenschaftlichen Auffassungen beruhenden Weltanschauung, drängte das religiöse Bezugssystem zunehmend ins Abseits gesellschaftlicher Erklärungsmuster. Gleichwohl hob die säkularisierte Gesellschaft weder das durch Aristokratie und Religion verursachte Elend ad hoc auf, noch konnte sie dessen banalen Antworten auf Tod, Schmerz und Vereinzelung ersetzen. Obgleich sich nicht von einer Ablösung der Religion durch die Nation sprechen lässt, knüpft die Ideologie der Nation nun durch das Auffahren einer pathos- bzw. mythenschwangeren Rhetorik daran an, dem gebeutelten Individuum qua Überhöhung der Komponenten von Volk und Heimat einen ebenfalls höchst irrationalen Referenzrahmen zur Seite zu stellen, mittels dessen seine reale Vereinzelung eingefangen und seine Ängste gleichzeitig an das Gelingen des kollektiven Unternehmens gebunden werden. Das Verharren nationalistischer Rhetorik in einem verbrämt religiösen Jargon, der die Nation und damit jeden Einzelnen als Teil eines „göttlichen“ Erfüllungsplans phantasierte, unterstrich die Bemühungen, keinen Zweifel an der historischen Zwangsläufigkeit nationaler Vergesellschaftung aufkommen zu lassen. »Es ist das ›Wunder‹ des Nationalismus, den Zufall in Schicksal zu verwandeln.«“ („Vom Konzept Zufall in Schicksal zu verwandeln – Eine kritische Betrachtung der deutschen Nation“ – Von Momme Schwarz – Weiterlesen: http://www.extrablatt-online.net/archiv/ausgabe-1/momme-schwarz-vom-konzept-zufall-in-schicksal-zu-verwandeln.html )

Über die Compact-Konferenz

Bei der Compact-Konferenz in Leipzig am 23.11.2013 vernetzten sich unter Titeln wie „Mut zur Wahrheit“ oder „Konferenz für Souveränität“ die Köpfe einer rechtspopulistischen und homophoben Internationale: „Judith Butler, Kinsey und Freud sind schlimmer als Hitler.“ (André Sikojev) „Homopropaganda sollte in jedem Land verboten werden.“ (Olga Batalina) „Zuwanderer sollten zehn Jahre lang keine Transferleistungen bekommen.“ (Thilo Sarrazin). Herr Sarrazin darf in der Dezemberausgabe des Compact-Magazins auch Vergleiche zwischen Homosexuellen und „Faultieren“ ziehen. Peter Scholl-Latour hat abgesagt, der zur ängstlichen Frage: „Droht der Untergang Europas?“ referieren wollte. Eva Hermann sagte gleichfalls ab, nicht ohne ebenfalls ganz „mutige“ Fragen beim Kopp-Verlag zu stellen: „Würde ein »klares Bekenntnis zu den Rechten von Lesben, Schwulen, Transgender und intersexuellen Menschen« tatsächlich im Gleichheitsartikel des Grundgesetzes verankert werden, ohne die rechtsverbindliche Definition der Begriffe »sexuelle Orientierung und Identität« festzulegen, hieße dies demnach, dass Pädophilie damit durch die Hintertür durch die »sexuelle Identität« plötzlich legal wäre?“ Das wird man ja wohl noch fragen dürfen!

Zwischenzeitlich reagiert eine alte Dame im Publikum auf einen Gegenprotestler mit dem Ausruf: „Das ist doch ein Jude!“ Für andere Teilnehmer der Konferenz gibt es die über 500 homophoben, russischen Gruppen, wie u.a. “Occupy Pedophilyaj” und “Occupy Gerontilya“ die auf Schwule Jagd machen nicht: „In Russland gibt es keine Gewalt gegen Homosexuelle.“ (Elena Misulina) Letztere hat übrigens das russische Gesetz gegen „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen“ maßgeblich mitzuverantworten. „Feminismus führt zu einer gesellschaftlichen Kastration und die Politik arbeitet an der Entmännlichung der Männer.“ (Monika Ebeling) Compact unterstreicht die These in der aktuellen Dezember-Ausgabe mit dem eindeutigen Titel: „Er führt, sie verführt. Tango tanzen gegen den Feminismus.“ Womit wir beim Organisator Jürgen Elsässer wären, der meint, er bzw. die deutsche Familie würde verschwinden, wenn den Schwulen die Ehe gestattet wird, so als ob die Schwulen durch gleiche eheliche Rechte jegliche Sexualität der Heteros verhinderten. Angesichts des „steilen Absturzes deutscher Geburten“ müsste es nämlich „geeignete Maßnahmen“, „besonderen Schutz“ für „Ehe und Familie“ geben, „wenn wir nicht einfach verschwinden wollen.“ Seiner Haltung entsprechend bezeichnet Elsässer in seiner Eingangsrede der Konferenz die Situation in Frankreich und Russland aufgrund der homophoben Strömungen als „besser“, lädt folgerichtig die Organisatorin der Anti Homo-Ehe Demonstrationen in Frankreich Béatrice Bourges ein.

Er meint desweiteren reichlich diffus, dass die NSU-Morde das Produkt von internationalen Geheimdiensten wären, ohne irgendwelche Belege anzuführen, jedoch mit der klaren Intention die Taten dieser Nazis kleinzureden und den Schaden für die deutsche Nation abzuwenden oder zumindest zu begrenzen. Heute wirft er in seinem Blog Hungerflüchtlingen Erpressung der deutschen Nation vor, was er immerhin mit dem bayrischen Innenminister Hermann gemeinsam hat, der genau dasselbe den hungerstreikenden Asylbewerbern in München vorwarf, als sie im Sommer diesen Jahres für ihre Menschenrechte demonstrierten und keine anderen Möglichkeiten mehr sahen, als dafür ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Düstere Zeiten, zumal Elsässer speichelspuckend auf seiner Konferenz über die Verdoppelung und Verdreifachung der Auflage seines Compact-Hetzblattes innerhalb der letzten 2 Jahre jubelte.

Weiteres zum Thema:
Souveräne Scheiße: Hintergründe und Bericht zur 2. Compact Konferenz
Konferenz gegen Homo-Ehen in Leipzig
Offener Brief von queer.de-Chefredakteur Norbert Blech an Jürgen Elsässer vom „Compact“-Magazin
Was ist von der Zeitschrift Compact und ihrem Herausgeber Jürgen Elsässer zu halten?

Stichwort: Nation

„[…] Seit der französischen Revolution, also mit Durchsetzung des bürgerlichen Staats, ist der Nationalstaat die übliche Form der Staatsgründung. Der territorialen Abgrenzung nach außen entspricht im Inneren die Konstitution des Staatsvolks. Sie beruht einerseits auf der gelungenen Durchsetzung einer zentralen Staatsgewalt gegen alle partikularen (feudalen, stammesmäßigen, ethnischen, religiösen etc.) Sonderinteressen und der Verpflichtung aller Bürger auf die Geltung des -> Eigentums. Darin erschöpft sie sich allerdings nicht. Bürgerliche Herrschaft verlangt von ihren Untertanen mehr als pure Unterwerfung unter die Gewalt einer Obrigkeit und ihrer Gesetze: ein auf Wille und Bewusstsein basierendes, bis in die Gefühlswelt reichendes Verpflichtungs- und Zusammengehörigkeitsverhältnis. „Italien ist gemacht, jetzt müssen wir Italiener machen“ (Massimo d’Azeglio, Mitbegründer des modernen italienischen Nationalstaats). Zusätzlich zu der realen Zuständigkeitserklärung, die die Staatsgewalt gegenüber den Bürgern praktiziert, indem sie sie mittels Pass und Unterwerfung unter ihre Vorschriften (Recht) und Ansprüche (Steuern, Wehrpflicht etc.) zu „ihren“ macht, legt sie deshalb Wert auf eine fest verankerte ideologische Deutung dieses Herrschaftsverhältnisses. Das leistet der Gedanke der Nation bzw. die Stiftung einer nationalen Identität. […]“ (Weiterlesen & Quelle: http://www.contradictio.de/blog/archives/5031 )

Rechter Terror: Der Staat als Freund & Helfer – Interview mit Thomas Wüppesahl

„Bewertung einiger „Auftritte“ im NSU- Untersuchungsausschuss des Bundestages im Gespräch mit Thomas Wüppesahl, Bundessprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizistinnen und Polizisten (Hamburger Signal) e.V.“ (Quelle & MP3: http://freie-radios.net/51745 )

Nie wieder Deutschland: Kritik an der Nation im Allgemeinen & an Deutschland im Besonderen

„Das Feuilleton wird dieser Tage mit einem Kalauer vollgebrochen: Deutschland ist volljährig. Vor genau 18 Jahre trat der Einigungsvertrag in Kraft, der die Auflösung der DDR und die Angliederung von dessen Territorium an die Bundesrepublik Deutschland besiegelte. Ein blumiges Bild ist das: eine junge Nation, die ihre Tage oder den ersten Flaum über der Oberlippe bekommen und verarbeitet hat und mit »Führerschein« und VW Golf selbstbewusst ins ernste Leben rauscht. Bei der Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) klingt das so: »Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, (…) kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen (…). Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.« […] 18 Jahre gesellschaftskritischer Interventionen gegen den Drang zur Abfertigung oder Instrumentalisierung der Shoa und unzähliger Normalisierungsbestrebungen der deutschen Nation später, wollen wir noch mal einen Blick zurück und einen nach vorn werfen. Es sollen die Metamorphosen Deutschlands, die Entwicklungen oder Verschiebungen der letzten Jahre — vom Kosovokrieg bis zur schwarz-rot-geilen WM — unter der Prämisse diskutiert werden, wie sich die Position zu Deutschland verändert hat oder zu verändern wäre. Wie hat eine treffliche Kritik an der Nation im Allgemeinen und an Deutschland im Besonderen heute auszusehen? Wo liegen die Bruchlinien und Differenzen zwischen einer antideutschen und einer antinationalen Kritik? Diese Fragen sollen am Tag der offiziellen Feierlichkeiten zur »deutschen Einheit« in Hamburg geklärt werden. Zu diesem Zweck haben wir den konkret-Herausgeber und Mitinitiator der »Nie wieder Deutschland«-Kampagne 1989/1990 Hermann L. Gremliza, die Gruppe Theorie Organisation Praxis (T.O.P.) Berlin, die Frankfurter Assoziation Sinistra!, sowie die Gruppe 8. Mai eingeladen. Das Gespräch moderiert einE VertreterIn der Zeitschrift Phase 2.“ (Text & Quelle: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/10/03/once-again-deutschland-nie-wieder/ )