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Milo Dor über das Warten

»In Bahnhofshallen und vor Bankschaltern, in Spitälern und auf Flugplätzen, an Straßenbahnhaltestellen und in Restaurants, in Amtsstuben, an Grenzübergängen und in Leichenhallen siehst du die Menschen warten, gelangweilt oder heiter, trübsinnig oder zukunftsgläubig, ungeduldig oder apathisch, du siehst sie warten und denkst: die warten auch. Aber das ist dir kein Trost. Du willst dein Leben nicht verwarten wie sie, du willst es nicht in den tiefen Schlund der Zeit werfen – Adieu, auf Nimmerwiedersehen –, du willst es in die Hand nehmen, du willst jede Sekunde nützen, wie es sich gehört. Und dann wartest du, genauso wie die anderen. Du wartest auf ein Bier, eine Suppe, einen Braten, einen Kaffee, du wartest auf den Abend, auf ein Mädchen, auf den Beischlaf, auf den Schlaf. Du wartest auf morgen, du wartest auf das Geld, das nie ankommt, wenn du es erwartest, du wartest auf die Liebe, auf einen Freund, einen Brief, auf ein Wort, du wartest auf den Sommer und auf den Winter, du wartest immer, du wartest. daß jemand deinen Trödlerladen betritt und dir etwas abkauft, einen Alten Stuhl mit nur drei Beinen, einen blinden Spiegel oder eine zerbrochene Vase, du wartest, daß es einmal besser wird, du wartest, daß etwas geschieht, was deinem Leben wieder einen Sinn geben könnte, du wartest auf Glück, du wartest auf Gnade, du wartest auf Segen, auf Milde und Verständnis und Vergebung, du wartest auf die Stunde deines Todes, du wartest auf die Auferstehung, aber du wartest vergeblich. Du gehörst nicht zu denen, die auferstehen werden; sollten jemals welche auferstehen, du wirst nicht dabei sein. Du warst, du bist, aber du wirst nicht sein. Du wartest umsonst.« (Dor, Milo: Die weiße Stadt. Wien 1994, S. 114-115)