Archiv der Kategorie 'Marcuse'

Triebstruktur & Gesellschaft – Herbert Marcuse

„Die Rationalisierung und Mechanisierung der Arbeit reduzieren allmählich das Quantum an Triebenergie, das in die Kanäle mühseliger Anstrengungen (entfremdeter Arbeit) geleitet werden mußte und stellen damit Energien frei, die sich der Erreichung von Zielen zuwenden können, wie das freie Spiel individueller Fähigkeiten sie setzt. Die Technik arbeitet insofern gegen die repressive Ausnützung von Energie, als sie die für den lebensnotwendigen Produktionsprozeß erforderliche Zeit verringert und dadurch Zeit für die Entwicklung von Bedürfnissen jenseits des Bereichs des Notwendigen und Unerläßlichen zur Verfügung stellt. Aber je näher die reale Möglichkeit rückt, den Einzelnen von den ehemals durch Mangel und Unreife gerechtfertigten Einschränkungen zu befreien, desto mehr steigert sich die Notwendigkeit, diese Einschränkungen aufrecht zu erhalten und immer funktionstüchtiger zu gestalten, damit sich die bestehende Ordnung nicht auflöst. Die Zivilisation muß sich gegen das Traumbild einer Welt verteidigen, die frei sein könnte.“ (Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft. S. 94 f.)

„Die Ewigkeit, längst schon der letzte Trost eines entfremdeten Daseins, war durch die Verweisung auf eine transzendentale Welt zu einem Instrument der Unterdrückung geworden – ein unwirklicher Lohn für wirkliche Leiden. Hier wird dir Ewigkeit für die schöne Erde zurückgefordert – als die immerwährende Wiederkehr ihrer Kinder, der Lilien und Rosen, der Sonne über den Bergen und Seen, der Liebenden und der Geliebten, der Angst um ihr Leben, des Schmerzes und des Glücks. Der Tod ist, besiegt wird er nur, wenn er von der wirklichen Wiedergeburt alles dessen gefolgt wird, was vor dem Tode hier auf Erden war – nicht als bloße Wiederholung, sondern als gewollte und gewünschte Wieder-Schöpfung. […] Der Kampf wird in dem Antagonismus zwischen Sein und Werden deutlich, zwischen der ansteigenden Linie und dem Kreis, zwischen Fortschritt und ewiger Wiederkehr, zwischen Transzendenz und Ruhe in Erfüllung. Es ist der Kampf zwischen der Logik der Herrschaft und dem Willen zur Lust.” (Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft. S. 122 ff.)

„Gleichgültig wie gerecht und rationell die materielle Produktion auch gestaltet wird, ein Gebiet der Freiheit und Befriedigung kann sie nie sein. Aber sie kann Zeit und Ernergie für das freie Spiel menschlicher Möglichkeiten außerhalb der entfremdeten Arbeitsbereiche freisetzen. Je vollständiger die Entfremdung der Arbeit, desto größer das Potential der Freiheit: die totale Automation wäre hier das Optimum. Es ist die Sphäre jenseits der Arbeitsleistung, die die Freiheit und die Erfüllung definiert, und es ist die Definition der menschlichen Existenz im Sinne dieser Sphäre, die die Verneinung des Leistungsprinzips ausmacht.” (Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft. S. 155 f.)

Marcuse: Die Funktion der Wissenschaft & Religion

»Die Funktion der Wissenschaft und der Religion hat sich verändert – und so auch ihre wechselseitige Beziehung zueinander. Innerhalb der totalen Mobilisierung von Mensch und Natur, die unsere Zeit auszeichnet, ist die Wissenschaft zu einem der destruktivsten Instrumente geworden – zerstörerisch gegenüber jener Freiheit, die sie einst versprach. Während dies Versprechen sich in eine Utopie auflöste, wird der Begriff ›wissenschaftlich‹ fast identisch mit der Aufkündigung der Vorstellung eines irdischen Paradieses. Die wissenschaftliche Haltung hat längst aufgehört, ein kämpferischer Gegner der Religion zu sein, die ebenfalls mit Erfolg ihre explosiven Elemente preisgegeben hat und häufig den Menschen an ein gutes Gewissen angesichts von Leid und Schuld gewöhnt hat. Im Haushalt der Kultur tendieren die Funktionen von Wissenschaft und Religion dahin, einander zu ergänzen; in ihrer augenblicklichen Haltung verleugnen sie beide die Hoffnungen, die sie einst erregten und lehren die Menschen, die Tatsachen in einer Welt der Entfremdung hinzunehmen. In diesem Sinne ist die Religion keine Illusion mehr und ihre akademische Forderung steht im Einklang mit der herrschenden positivistischen Tendenz. Wo die Religion weiterhin das kompromißlose Streben nach Friede und Glück bewahrt, haben ihre ›Illusionen‹ noch einen höheren Wahrheitsgehalt als die Wissenschaft, die an der Ausschaltung dieser Ziele arbeitet. Der verdrängte und umgeformte Inhalt der Religion kann nicht dadurch befreit werden, daß man ihn der wissenschaftlichen Haltung ausliefert.« (Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft)

Marcuse: Repressive Toleranz

„Einem dialektischen Satz zufolge bestimmt das Ganze die Wahrheit nicht in dem Sinne, daß das Ganze vor oder über seinen Teilen ist, sondern in der Weise, daß seine Struktur und Funktion jede besondere Bedingung und Beziehung bestimmen. So drohen in einer repressiven Gesellschaft selbst fortschrittliche Bewegungen in dem Maße in ihr Gegenteil umzuschlagen, wie sie die Spielregeln hinnehmen. Um einen höchst kontroversen Fall anzufahren: die Ausübung politischer Rechte (wie das der Wahl, das Schreiben von Briefen an die Presse, an Senatoren usw., Protestdemonstrationen, die von vornherein auf Gegengewalt verzichten) in einer Gesellschaft totaler Verwaltung dient dazu, diese Verwaltung zu starken, indem sie das Vorhandensein demokratischer Freiheiten bezeugt, die in Wirklichkeit jedoch längst ihren Inhalt geändert und ihre Wirksamkeit verloren haben. In einem solchen Falle wird die Freiheit (der Meinungsäußerung, Versammlung und Rede) zu einem Instrument, die Knechtschaft freizusprechen. Und doch (und nur hier zeigt der dialektische Satz seine volle Intention) bleiben das Vorhandensein und die Ausübung dieser Freiheiten eine Vorbedingung für das Wiederherstellen ihrer ursprünglichen oppositionellen Funktion, vorausgesetzt, daß die Anstrengung, ihre (oft selbstauferlegten) Beschränkungen zu überschreiten, intensiviert wird.“ (Herbert Marcuse: Repressive Toleranz )

Herber Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft

„Das immer weniger durch Autonomie belastete Bewußtsein wird zunehmend auf die Aufgabe beschränkt, die Koordinierung des Einzelnen mit der Gesamtheit zu regeln. Diese Koordinierung ist derart wirksam, daß das allgemeine Unglück eher ab- als zugenommen hat. Wir sprachen davon, daß das Gewahrwerden der herrschenden Unterdrückung durch die manipulierte Bewußtseinsbeschränkung des Einzelnen abgestumpft ist. Dieser Vorgang verändert die Inhalte des Glücks. Der Begriff bezeichnet einen mehr-als-privaten, mehr-als-subjektiven Zustand; das Glück liegt nicht in dem bloßen Gefühl der Befriedigung, sondern in der Wirklichkeit der Freiheit und der Befriedigung. Das Glück schließt Wissen in sich: es ist das Vorrecht des animal rationale. Mit der Abnahme des Bewußtheit, mit der Lenkung der Information, mit dem Aufgehen der individuellen in die Massen-Kommunikation wird das Wissen unter Verwaltung gestellt und eingeschränkt. Der Einzelne weiß nicht wirklich, was vor sich geht; die überwältigende Maschinerie der Erziehung und Unterhaltung vereint ihn mit all den anderen in einem Zustand von Empfindungslosigkeit, von dem alle schädlichen Ideen möglichst ausgeschlossen bleiben. Und da das Wissen um die volle Wahrheit kaum zum Glück beiträgt, macht solch eine allgemeine Empfindungslosigkeit glücklich. Ist Angst mehr als eine allgemeine Malaise, ist sie ein existentieller Zustand, dann zeichnet sich dieses sogenannte ‘Zeitalter der Angst’ durch das Maß aus, in dem die Angst unsichtbar, ausdruckslos geworden ist.“ (Herbert Marcuse (1965), Triebstruktur und Gesellschaft, S. 104 – 105)

Marcuse über die Aufgabe des Intellektuellen

“[…] daß es Aufgabe und Pflicht des Intellektuellen ist, an geschichtlichen Möglichkeiten, die zu utopischen geworden zu sein scheinen, zu erinnern und sie zu bewahren – daß es seine Aufgabe ist, die unmittelbare Konkretheit der Unterdrückung zu durchbrechen, um die Gesellschaft als das zu erkennen, was sie ist und tut.” (Marcuse, Herbert (1966): Repressive Toleranz. In: Wolff, Robert Paul/ Moore, Barrington/ Marcuse, Herbert: Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt am Main: Suhrkamp.)