Archiv der Kategorie 'Mandel'

Mandel: Systemkonforme Gewerkschaften?

„Die moderne Gewerkschaftsbewegung ist ein Produkt der ersten Phase des modernen Kapitalismus, der Phase der freien Konkurrenz. Die kapitalistische Produktionsweise schließt den Produzenten von jeglichem freien Zugang zu Produktions- und Lebensmitteln ab, zwingt ihn, seine Arbeitskraft zu verkaufen, um die Mittel zum unmittelbaren Lebensunterhalt zu erringen, und verwandelt somit diese Arbeitskraft in eine Ware. Wie jeder Warenbesitzer begibt sich der Besitzer der Ware „Arbeitskraft“ auf den Markt, um diese zu verkaufen. Wie jede Ware wird auch die Ware „Arbeitskraft“ letzten Endes zu ihrem Wert, d.h. zu ihrem gesellschaftlich durchschnittlichen Produktionspreis verkauft. Nur befindet sich der Verkäufer der Ware „Arbeitskraft“ in einer, durch die kapitalistische Produktionsweise bedingten, besonderen, verglichen mit jener aller anderen Warenbesitzer im Kapitalismus institutionell unterschiedlichen Lage. Er ist gezwungen, seine Ware zum laufenden Marktpreis zu verkaufen, weil er diese nicht vom Markt zurückziehen kann, um eine günstigere Marktlage abzuwarten. Weigert er sich, den laufenden Marktpreis anzunehmen, so gerät er in Gefahr, zusammen mit seiner Familie zu verhungern. Deshalb wird unter normalen Bedingungen des Kapitalismus, vor allem, wenn die strukturelle Erwerbslosigkeit hoch ist (und die beginnende Industrialisierung bedingt dieses hohe Niveau, mit Ausnahme der bevölkerungsleeren Ansiedlungskolonien), die Ware „Arbeitskraft“ laufend unter ihrem Wert verkauft.

Die moderne Gewerkschaftsbewegung entsteht als Reaktion der Lohnarbeiter auf diesen Tatbestand. Wird die Konkurrenz zwischen den Unternehmern auf die Konkurrenz zwischen den Verkäufern der Ware „Arbeitskraft“ ausgedehnt, so sind die Lohnabhängigen hilflos der Tendenz des Sinkens des Lohnes unter die Produktionskosten der Arbeitskraft ausgesetzt. Gewerkschaften sind demnach ein Versuch, die Atomisierung der Lohnabhängigen einzuschränken und die institutionelle Ungleichheit von Käufer und Verkäufer der Ware „Arbeitskraft“ wenigstens dadurch einzuschränken, daß der Verkauf nicht mehr individuell, sondern kollektiv stattfindet.

An und für sich sind demnach Gewerkschaften nicht systemsprengend im Kapitalismus. Sie sind nicht Mittel zur Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung, sondern nur Mittel zu einer für die Masse der Lohnabhängigen erträglicheren Ausbeutung. Sie sollen die Löhne erhöhen, nicht die Lohnarbeit überhaupt aufheben. Aber gleichzeitig sind die Gewerkschaften an und für sich auch nicht systemkonform im Kapitalismus. Denn indem sie dem Sinken der Reallöhne Einhalt gebieten und wenigstens periodisch und unter bestimmten Bedingungen günstige Fluktuation von Nachfrage und Angebot an Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zur Hebung des Marktpreises dieser Ware ausnützen können, erlauben sie der organisierten Masse der Arbeiterschaft ein Minimum an Konsum und Bedürfnissen zu übersteigen, so daß Klassenorganisation, Klassenbewußtsein und wachsendes Selbstvertrauen erst in breiterem Ausmaß entstehen und die Vorbedingungen für einen systemsprengenden Kampf breiterer Massen überhaupt erst erzeugen können.[…]“ (Ernest Mandel – Systemkonforme Gewerkschaften? – 1970 – Weiterlesen beim Ernest Mandel Internet Archiv)