Archiv der Kategorie 'Literaturhinweise'

„Die Einsamkeit Israels“ – Buchvorstellung von Dr. Grigat

„Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist die antizionistische Ideologie zu neuem Leben erwacht und weist weit über den Kreis linker Kleingruppen hinaus. Die Existenz von Antisemitismus in der globalen Linken ist heute evident. Angesichts der ausufernden Literatur, die ihn wieder und wieder belegt, kann sein Leugnen heute nur mehr als eine seiner Ausdrucksformen angesehen werden. Im Antizionismus tritt er als eine spezifische Form des Antisemitismus nach Auschwitz auf, der sich aus Mangel an konkreten Hassobjekten gegen den kollektiven Juden, den Staat Israel, richtet. Dass die im Antizionismus angelegten Vernichtungsphantasien nicht Realität geworden sind, verdankt sich einzig und allein der israelischen Staatsgewalt.“ (Text & Bestellinformationen: http://konkret-magazin.de/konkret-texte/texte-archiv/konkret-texte-nr-64.html )

Wegwerfbeziehungen – Schwarz & Pohrt

„Diese merkwürdige “Nichtexistenz” ist nach einer Vermutung Horckheimers aus dem Jahre 1939 das universelle Schicksal der Menschen, falls sie nicht in den logischen Gang der Geschichte intervenieren: “Im Spätkapitalismus verwandeln sich die Menschen zuerst in Unterstützungsempfänger und dann in Gefolgschaften”; in diese Verfassung gerät der Mensch “durch seine steigende Entbehrlichkeit, durch seine Trennung von der produktiven Arbeit, durch das dauernde Zittern um die erbärmliche Notstandshilfe im Zeitalter der großen Industrie.” Die Menschen werden Rentner und Zwangsarbeiter in einem, deren materielle Existenz sich nicht aus einem unverbrüchliche, Rechtsanspruch auf das Entgelt für ihre Arbeitskraft herleitet, sondern als Gnadenerweis, als jederzeit widerrufbare Gratifikation empfunden wird. Daher selbst bei gutsituierten Angestellten die tiefsitzende Angst vor Hunger und Elend, welche die zentrale Energiequelle aller Unterwürfigkeit und manischen Anpassung ist. Die staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramme lassen alle Tätigkeiten tendenziell Beschäftigungstherapie werden, und die damit einhergehende Zerstörung der Gebrauchswerte nimmt deren Produzenten Selbstbewußtsein und Funktion. Das Wertgesetz wirkt nach seinem Untergang negativ und als reiner Zwang fort: Ohne Arbeit bekommt man kein Geld, aber mit Arbeit hat man es noch lange nicht verdient. Arbeit, die selbst nur noch Leiden und Unterdrückung, die Hinnahme der eigenen Entwürdigung zum kindischen Produzenten von überflüssigem Unfug, die Verhinderung selbstbestimmter und vernünftiger Tätigkeit ist, wird zur Bedingung dafür, daß die Herrschenden einen aushalten. Daher wird bei der Arbeit die Langeweile zur furchtbaren Tortur: das ewige Warten auf die Frühstückspause, die Toilettenpause, die Mittagspause und schließlich den Feierabend – ein Warten, das fast noch quälender wird, wenn der Produktionsablauf ins Stocken gerät und man untätig herumsteht.”

Vom Bezug auf vernünftige Tätigkeit gelöst, werden Arbeit und Freizeit zu einem unernst tristen Einerlei. […] Seit die Herrschaft des Kapitals kaum noch inhaltlich, sondern nun mehr negativ bestimmbar ist als Zwang, nichts Ernsthaftes und Vernünftiges zu tun, sind vernunftloser Genuß und sinnliche Freuden nicht mehr identisch mit der selbstherrlichen Emanzipation der Menschen von notwendiger Arbeit unter der ständigen Drohung des Verhungerns und deren naturgesetzlich unbarmherziger Logik. Als Unterwerfung unter die Willkür der Apparate, welche die Menschen nur als Witzfiguren in einem Betätigungsfeld duldet, das den großstädtischen Spielplätzen ähnelt, wird die Genußfähigkeit selbst kraftlos und verkümmert. Daß der terroristische Zwang zum Genuß, nämlich die Reklame, über diesen selbst triumphiert, ist daher nur konsequent. Deshalb der Widerspruch, daß einerseits […] die Sexualität propagiert wird wie nie zuvor, andererseits selbst die Darsteller in den einschlägigen Filmen schon auf den Standphotos so aussehen, als säße sie besser hinter der Schreibmaschine, er besser hinter dem Lenkrad, und somit dem heute repräsentativen Menschentypus gleichen, den man sich in allen Situationen des Lebens ganz gut vorstellen kann, nur eben bei der Liebe nicht. In der Kraftlosigkeit, mit der selbst die falschen und fetischistischen Bedürfnisse ersehnt werden, liegt gerade ihre Macht. Weil der an sich maßlose abstrakte Konsumwunsch unfähig ist, sich zur Besessenheit zu entwickeln, treibt er nicht zu der Schwelle fort, an der er seines Irrsinns inne werden müßte. Deshalb bringt selbst die Putzwut es nicht auf den Punkt, wo schließlich auch die Menschen selbst im desinfizierenden Salzsäurebad ihr Leben lassen – oder aber in Gelächter über den Wahnwitz ausbrechen müßten. Das wunschlose Unglücklichsein, worin gegenwärtig alle Begeisterung getaucht ist, ist der Grund, weshalb aus Technikfetischisten, Fußballfanatikern und Bastlernarren keine rabiaten Käuze und potentielle Revolutionäre werden, sondern verträgliche Zeitgenossen.“ (Quelle: Wolfgang Pohrt u. Michael Schwarz: Wegwerfbeziehungen. Versuch über die Zerstörung der Gebrauchswerte. | In: Kursbuch 35. Verkehrsformen. 1 Frauen Männer Linke. Über die Schwierigkeiten ihrer Emanzipation; Rotbuch Verlag, Berlin, 1974)

Wenn der Zweck Profit ist…

„…dann sind ihm alle Momente der Produktion untergeordnet. Alles wird dahingehend optimiert, dass es wenig kostet, und viel einbringt.

…dann ist die Lohnarbeit nur Mittel zum Zweck. Sie ist notwendige Investition und zu vermeidender Kostenfaktor. Für das Geld, das für den Lohn gezahlt wird, soll möglichst viel Arbeit getan werden. Die möglichst intensive Nutzung der Arbeitskraft ist gewollt; der Schaden garantiert.
So ist der ökonomische Erfolg eines Lohnarbeiters nicht nur von einem fremden Interesse abhängig, sondern auch noch von einem, das ihm feindlich gegenüber steht.

…dann ist das Bedürfnis nur als zahlungsfähiges relevant für die Produktion. Hunger entsteht nicht, weil es zu wenig Essen auf der Welt gibt, sondern weil die Produkte nur zu denen kommen, die dafür zahlen können.

…dann ist der Gebrauchswert nur Mittel um dem zahlungsfähigen Bedürfnis diese Zahlungsfähigkeit abzuzwacken. Gammelfleisch, unsichere Autos und Biokartoffeln sind Gebrauchswerte die auf ganz bestimmte Zahlungsfähigkeiten angepasst sind. Dass dabei auch mal Schrott unter die Leute kommt, ist vom Standpunkt des Profits egal.

…dann taucht die Natur nur als Mittel dazu auf. Ihr Veränderung wird lediglich unter dem Gesichtspunkt des Profits betrachtet; inwiefern ihre Veränderung eine Gefährdung für das Leben der Tiere und Pflanzen, eine Gefährdung für das Leben der Menschen, oder eine ästhetische Zumutung ist, ist irrelevant.“ (Quelle & Weiterlesen: http://icritics.blogsport.de/2013/04/02/eigentum-arbeit-kapitalschaden/ )

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters

„Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.

Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.

Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.

Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.

Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.

Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?“ (Quelle & Weiterlesen: http://letzterhieb.blogsport.de/2009/11/08/bekenntnisse-eines-jungen-lohnarbeiters-teil-ii/ )

Stichwort: Nation

„[…] Seit der französischen Revolution, also mit Durchsetzung des bürgerlichen Staats, ist der Nationalstaat die übliche Form der Staatsgründung. Der territorialen Abgrenzung nach außen entspricht im Inneren die Konstitution des Staatsvolks. Sie beruht einerseits auf der gelungenen Durchsetzung einer zentralen Staatsgewalt gegen alle partikularen (feudalen, stammesmäßigen, ethnischen, religiösen etc.) Sonderinteressen und der Verpflichtung aller Bürger auf die Geltung des -> Eigentums. Darin erschöpft sie sich allerdings nicht. Bürgerliche Herrschaft verlangt von ihren Untertanen mehr als pure Unterwerfung unter die Gewalt einer Obrigkeit und ihrer Gesetze: ein auf Wille und Bewusstsein basierendes, bis in die Gefühlswelt reichendes Verpflichtungs- und Zusammengehörigkeitsverhältnis. „Italien ist gemacht, jetzt müssen wir Italiener machen“ (Massimo d’Azeglio, Mitbegründer des modernen italienischen Nationalstaats). Zusätzlich zu der realen Zuständigkeitserklärung, die die Staatsgewalt gegenüber den Bürgern praktiziert, indem sie sie mittels Pass und Unterwerfung unter ihre Vorschriften (Recht) und Ansprüche (Steuern, Wehrpflicht etc.) zu „ihren“ macht, legt sie deshalb Wert auf eine fest verankerte ideologische Deutung dieses Herrschaftsverhältnisses. Das leistet der Gedanke der Nation bzw. die Stiftung einer nationalen Identität. […]“ (Weiterlesen & Quelle: http://www.contradictio.de/blog/archives/5031 )