Archiv der Kategorie 'Kurz'

Robert Kurz – Politische Ökonomie des Antisemitismus

“ Schon beim normalen marktwirtschaftlichen Gang der Dinge werden ja alle, die noch einen Rest von sinnlicher Vernunft bewahrt haben und versuchen, sich möglichst der sinnlosen abstrakten »Arbeits«- Verausgabung zu entziehen, für verrückt erklärt oder als »Drückeberger« abgestempelt. In der Krise spitzt sich dieses Ressentiment zu und mündet in den Aufschrei: »Nicht von unserem Geld!«. Je weniger das zinstragende Kapital real angetastet werden kann, desto mehr richtet sich der Haß der einschlägigen Ideologen gegen die »Asylanten«, Sozialhilfeempfänger, Arbeitslosen, »Asozialen«, Behinderten, Alten, Kranken usw., die der wahnsinnigen Wut des strauchelnden Warensubjekts erst recht als »Parasiten« mit unrechtmäßigen »Vorrechten« auf Unterhalt erscheinen. ” (Robert Kurz: Politische Ökonomie des Antisemitismus)

Robert Kurz: Vernunft der Betriebswirtschaft

„Die »unsichtbare Hand« der subjekt- und damit kommunikationslosen Kapital- bzw. Marktmaschine, die Kant und Smith zum irdischen Gott erhoben hatten, kann also letzten Endes gar nicht zur allgemeinen Wohlfahrt führen, sondern nur in einen fundamentalen Selbstwiderspruch und damit in die gesellschaftliche Krise des verselbständigten Marktsystems. Diese innere Krisenpotenz des Kapitalismus steht außer allem Zweifel. Sie ist die Quittung dafür, daß die menschliche Kommunikation in gesellschaftlichen Institutionen durch eine paradoxe Kommunikation der Waren und ihrer Preise untereinander auf dem anonymen Markt ersetzt worden ist. Produzenten und Konsumenten, Käufer und Verkäufer sind nicht mehr identisch durch die Vermittlung einer gemeinsamen gesellschaftlichen Kommunikation, sondern sie fallen auseinander: sogar in den Individuen selber, die in ihrer Eigenschaft als Konsumenten ein gegensätzliches Interesse entwickeln zu sich selbst in ihrer Eigenschaft als Produzenten (so hat z.B. nach dem Anschluß die ehemalige DDR-Bevölkerung durch den bevorzugten Konsum westlicher Waren zur Zerstörung ihrer eigenen Produktionsgrundlage beigetragen). Der stumme Preismechanismus ersetzt die bewußte Selbstverständigung der menschlichen Akteure. Und der daraus entstandene blinde, nicht ansprechbare und nicht verhandelbare Systemprozeß führt mit logischer Konsequenz immer wieder in dasselbe Dilemma, weil er immer nur dasselbe eingebaute Programm abspulen kann. Wie eine Maschine eben. So erklärt sich das klaffende historische Mißverhältnis des Kapitalismus zwischen einer Steigerung der menschlichen Potenzen einerseits und der Erzeugung immer neuer Armuts- und Krisenpotentiale andererseits aus der gesellschaftlich irrationalen Vernunft des betriebswirtschaftlichen Kalküls. Das Irre an dieser Vernunft besteht darin, daß sie den gesellschaftlichen Charakter der Produktivkraftentwicklung systematisch negiert und in sein Gegenteil verkehrt. Die Entwicklung der Maschinenkräfte führte also nicht, wie es notwendig und sinnvoll gewesen wäre, zu einer vorgeordneten Kommunikation der alten handwerklichen Produzenten über die gemeinschaftliche Kontrolle der vernetzten Produktion selber, sondern bewirkte im Gegenteil, daß auch noch die nachgeordnete Kommunikation ersatzlos gestrichen wurde. Die Steigerung der technisch-wissenschaftlichen Potenzen muß auf diese Weise im allgemeinen Verdrängungskampf der Konkurrenzen verschleudert werden, während die Menschen durch die blinde Gesamtresultante ihres eigenen beschränkten, ökonomisch ungesellschaftlichen Ego-Kalküls sich gegenseitig in eine groteske Selbstschädigung treiben. Und da diese destruktive Logik untrennbar zum Wesen des Kapitalismus gehört, ist sie auch bis heute gültig geblieben und entfaltet weiterhin ihre Wirkungen. Alle nachträglichen sozial- und wirtschaftspolitischen Regulationsversuche müssen letztlich immer wieder dem gleichsam osmotischen inneren Druck der verrückten betriebswirtschaftlichen Rationalität unterliegen.“ (Robert KurzSchwarzbuch Kapitalismus – Seite 62 )

Krise: Business as usual oder mit Volldampf in den Kollaps? Karl Held & Robert Kurz

„Funktioniert der Kapitalismus wie gehabt? Ist Deutschland der Modellfall eines Landes, das sein imperialistisches nationales Projekt mit Erfolg betreibt und sich anschickt, den Rest Europas abzuhaengen bzw. von sich abhaengig zu machen? Oder hat das vergroesserte Deutschland sich mit der Annexion der DDR uebernommen? Folgt der De-Industrialisierung und dem Abschwung in der Ostzone jetzt der Kollaps des ganzen Wirtschafts-und Waehrungssystems? Funktioniert das System des kapitalistischen Weltmarktes im Prinzip so, wie Marx es bereits beschrieben hat? Stolpert es von einer Krise in die naechste, die es aber (immer auf Kosten der ausgebeuteten Klasse der Lohnarbeiter) stets meistert, wenn keine massive Gegenwehr erfolgt? Oder steht der Zusammenbruch des mehrwertheckenden Systems der abstrakten Arbeit demnaechst bevor, weil es zunehmend ausserstande ist, realen Wertzuwachs zu produzieren, sondern stattdessen gigantische Mengen fiktiven Kapitals erzeugt, die sich in absehbarer Zeit in Nichts aufloesen werden? Geht es fuer die Linke jetzt darum, die theoretische und praktische Kritik des warenproduzierenden kapitalistischen Systems auf der Basis des klassischen Marxismus voranzutreiben und sich auf vergessene Ziele der Arbeiterbewegung zu besinnen? Oder ist vom alten Arbeiterbewegungsmarxismus gar nichts zu erwarten, weil die Arbeiterklasse eben auch konstitutiver Bestandteil des Systems der abstrakten Arbeit ist, das insgesamt aufgehoben werden muss? Ueber aehnliche Fragen werden sich in unserer Veranstaltung Robert Kurz und Dr Karl Held streiten. Wir sind sicher, dass dabei fuer das hoffentlich nicht passive Publikum einiges an Erkenntnissen und Argumenten herumkommt, was der eigenen Positionsfindung dient.“ (Quelle & MP3: http://www.contradictio.de/blog/archives/4733)

Niedergang des Sozialen – Eine Sendung von Robert Kurz

„Es gibt einen Zwang zum Weniger. Und wie wir mit diesem Weniger umgehen, müssen wir eben zunehmend selbst entscheiden, nach unserer eigenen Kenntnis- und Finanzlage. Heute ahnen Eltern, dass es ihren Kindern vermutlich nicht besser, sondern schlechter gehen wird. Umso mehr beschäftigen sie sich mit deren Zukunft. Über die Gesellschaft des Weniger hat kaum jemand nachgedacht. Da muss auch die Soziologie passen. Selten ist die Soziologie fantasievoller als die Gesellschaft. “ Diese These des Soziologen Ulrich Beck, geäußert in einem Interview in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ im August 2003, lässt Ratlosigkeit erkennen.

Die Sozialwissenschaften wissen offenbar nicht mehr weiter. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte es ganz anders geklungen. Zwar kreierte Ulrich Beck schon Mitte der 80er Jahre den Begriff der „Risikogesellschaft“, so der Titel seines bekanntesten Buches. Aber darin sah er vor allem Chancen und Möglichkeiten für den Einzelnen, sein Leben bewusst selbst zu gestalten, also ein Mehr an Freiheit zu gewinnen. Heute hat sich vielfach die erhoffte Freiheit der Lebensplanung in Zukunftsangst verwandelt. Und oft sind die Gründe nachvollziehbar. Die Soziologie war phantasievoll, solange es mit der Marktwirtschaft immer weiter voranzugehen schien. Da wurde eine Zukunftsgesellschaft nach der anderen erfunden: die Dienstleistungsgesellschaft, die Freizeitgesellschaft, die Informations- und die Wissensgesellschaft. Die Risikogesellschaft klang schon ein wenig bedrohlicher, aber Ulrich Beck sah trotz aller Gefahren überall das Wirken der „Gegengifte“, so der Titel eines weiteren Buches von ihm. Der Zukunftsoptimismus, der in allen Risiken zuerst die Chancen sehen wollte, hatte allerdings eine klammheimliche Voraussetzung. Denn welche neue Gesellschaft soziologische Phantasie auch immer aus dem Ärmel zog, stets war die stumme Bedingung enthalten, dass es sich um eine Gesellschaft des Mehr handeln musste. Die Phantasie entweicht wie die Luft aus einem angestochenen Ballon, wenn plötzlich eine „Gesellschaft des Weniger“ auf die Tagesordnung gesetzt wird.

„Weniger“ gut und schön, aber weniger von was? Weniger Werbung in den Medien, weniger Informationsmüll, weniger Nullaussagen der Politiker, weniger Lobbyismus? Darauf wird man lange warten und wohl vergeblich warten. Weniger Militärinterventionen, weniger Streubomben, weniger Hungertote in der Dritten Welt? Weniger Klimakillerfaktoren? Vergessen wir es. Weniger Wachstum, weniger Export, weniger Produktivitätssteigerung? Gott behüte uns. In Wahrheit ist die weltumspannende totale Marktwirtschaft eine Gesellschaft des unersättlichen Mehr. Und zwar strukturell, wie man so schön sagt. Es ist eine Gesellschaft mit einem eingebauten automatischen Imperativ der Ökonomie, der permanente Erweiterung, Erhöhung und Beschleunigung verlangt. Dieser ökonomische Imperativ hat auf alle Lebensbereiche abgefärbt. Wir denken in Wachstumsraten, Leistungssteigerungen, Weltrekorden. Ein Weniger ist da nicht vorgesehen. (Quelle: SWR – MP3 Download)

Robert Kurz: Vom Verfallsdatum des Kapitalismus

Ein Vortrag von Robert Kurz, gehalten am 23. September 2009 in Karlsruhe. „Vor Ihnen sitzt ein sogenannter Zusammenbruchstheoretiker. […]“
Natürlich geht es um die Krise, die Kurz als nicht bloß zyklischen Konjunktureinbruch analysiert, insbesondere ihren Vorlauf seit den 70er Jahren. (Vortrag als MP3: Audioarchiv | Mehr bei Exit)