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Der Mensch als Müllhalde – Von Thomasz Konicz

„[…] Selbstverständlich sind landesweite oder internationale Lebensmittelskandale nicht neu; sie sind so alt wie die Lebensmittelindustrie, die seit den fünfziger Jahren die Landwirtschaft industrialisiert und entlang der Verwertungszwänge des Agrarkapitals transformiert hat. In der gegenwärtigen Systemkrise spitzen sich diese systemisch bedingten Defizite und Instabilitäten der kapitalistischen Agrarwirtschaft aber weiter zu, während die Sicherungssysteme erodieren. Die zentrale Instanz der kapitalistischen Marktwirtschaft, die den Verkauf von kontaminierten oder mangelhaften Lebensmitteln befördert, ist der Markt selber, der in seiner funktion als Vermittler aller wirtschaftlichen Aktivitäten eine Unzahl von formell isolierten, realwirtschaftlich aber immer enger miteinander verknüpften Marktsubjekten hervorbringt. Jedes Unternehmen ist in Konkurrenz zu anderen Marktteilnehmern bemüht, möglichst hohe Profite zu generieren, die durch den Verkauf auf anonymen, immer stärker deregulierten und globalisierten Märkten realisiert werden müssen. Der erfolgreiche Verkauf von mangelhaften oder gesundheitsschädlichen Produkten kommt so der Realisierung von Extraprofiten gleich, deren Folgekosten anderen Marktteilnehmern, die in den unübersichtlichen Produktions- und Handelsketten kaum ausgemacht werden können, aufgebürdet werden.

Ein weiteres zentrales Merkmal aller kapitalistischen Wirtschaftszweige – im Fall der Lebensmittelindustrie zeitigt es desaströse ökologische Folgen – ist die uferlose Produktion um der Produktion willen, die durch den Vewertungszwang des Kapitals bedingt ist. Auch Lebensmittel sind für das Kapital nur als Träger von Wert, von vergegenständlichter abstraktallgemeiner Arbeitskraft von Belang. Alle Produktivitätsfortschritte und Innovationen, die zu einer Schonung der ökologischen Grundlagen und natürlichen Ressourcen der Landwirtschaft beitragen könnten, dienen so im Rahmen der Verwertungsbewegung des Kapitals nur dazu, den Warenausstoß weiter zu steigern, um mit jeder Verwertungsrunde aus Geld mehr Geld machen zu können. Deswegen werden in der EU inzwischen nahezu 50 Prozent der durch ökologischen Raubbau produzierten Lebensmittel verschwendet, während Nestle und Unilever zugleich mit ihrem billigen Krisenfraß enorme Markterfolge feiern können. Die naheliegende Lösung, einen Teil dieser gigantischen Überschußproduktion den Krisenopfern zur Verfügung zu stellen, käme systemimmanent einer Blasphemie gleich, da innerhalb der Verwertungslogik Lebensmittel, die nicht verwertet werden konnten, keinen Wert besitzen und eher nichtet denn gegessen werden sollen.

Schließlich befördert die Selbstbezüglichkeit der Wertform eine permanente Tendenz zur Destabiliserung der Lebensmittelversorgung. Das innerste Wesen des Kapitalprozesses besteht in der uferlosen Anhäufung von Quanta verausgabter abstrakter Arbeit. Dieser selbstbezügliche Prozeß ist den sozialen und ökologischen Folgen seiner Dynamik gegenüber blind. Die Geschmacksarmut des kapitalistischen Fraßes entspricht daher der Hohlheit dieser Kapitalform, die uns beispielsweise zumindest an Tomaten erinnernde Fruchtfleischbehälter liefern muß, um den jeweiligen Vewertungskreislauf mit dem Verkauf abschließen zu können. Diese irrationale Kapitaldynamik, die blindwütige Anhäufung toter Arbeit, die sich der instrumentellen Rationalität bedient, unterminiert beim Streben nach kurzfristiger Renditemaximierung die langfristige Stabilität des Gesamtsystems, das nur mittels eines umfassenden staatlichen Regel- und Infrastruktursystems überhaupt aufrechterhalten werden kann. Deswegen wäre tatsächlich ein kostpilieger und permanent wachsender staatlicher Überwachungsapparat notwendig, um auch den krisenbedingt zunehmenden langfristig autodestruktiven Tendenzen im Lebensmittel entgegenzuwirken.

Das besondere Merkmal des Lebensmittelsektors ist, daß die Nachfrage in diesem Bereich nicht völlig wegbrechen kann und selbst in Krisenzeiten ein Midnestumsatz garantiert ist. Wir müssen essen. Somit ist der menschliche Körper der faktische Endpunkt der Produkte, die bei der Vewertung des Kapitals im Lebensmittelsektor ausgestoßen werden. Und die Aufnahmekapazität dieses Körpers ist sehr flexibel. Das bringt für die Lebensmittelbranche – wie auch den mafiösen Netzwerken, die nun dort reüssieren – eine Reihe von Vorteilen, die zwecks Renditemaximierung oder schlichten Betrugs ausgenutzt werden. Generell eignen sich Lebensmittel, die mit dem Verzehr in den menschlichen Körper gelangen, gut dazu, verseuchte oder mangelhafte Rohstoffe profitträchtig und kostengünstig verschwinden zu lassen. Das kontaminierte Zeug ist dann erstmal weg. Der menschliche Körper ist für das Kapital ein perfekter Müllschlucker, in dem die Ergebnisse einer katastrophalen Nahrungsproduktion billig entsorgt werden können. Der Lebensmittelskandal ist mithin nur ein Sonderfall der Externalisierung betriebswirtschaftlicher Kosten, wie sie für die kapitalistische Produktionsweise charakteristisch ist. […]“ („Der Mensch als Müllhalde“ – Von Thomasz Konicz – Konkret 4/2013 – Seite 35)

Die Klatschwelt

„Nach zwei Wochen Lektüre der Tratschpresse weiß man: Der Körper ist der Feind. Alle Lust wird bestraft. Nur wer lernt, die Codes zu befolgen, wird davor bewahrt, Erfahrungen zu machen. Hartes Training, gesunde Kost und immer ein Grinsen im Gesicht. Die Verhältnisse sind okay, nur du mußt dich ihnen anpassen. Politik ist uncool und unsexy. Der Körper ist der Feind. Der Körper ist der… […] Zweifellos sind die meisten Frauenzeitschriften Kampfblätter der Regression und der Antiemanzipation. Sie verlangen von ihren Leserinnen eine Rückkehr zu einem Verhalten, das jedem Machoalptraum unterworfen scheint: Frauen sind strohdumm, oberflächlich, bösartig, zickig und mißgünstig und ergreifen jede Gelegenheit, einander im sexuellen Rat Race zu übertreffen. Die Feinde der Frau sind in dieser Welt die andere Frau, der nicht kontrollierte Körper und der kritische Blick auf die Regression.“ (Georg Seeßlen in der aktuellen wie immer sehr empfehlenswerten Konkret 3/2013 über die Klatschwelt)