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Anselm Jappe: Die Demokratie ist die Kehrseite des Kapitals

„Die Demokratie ist die Kehrseite des Kapitals, nicht sein Gegenteil. Der Demokratiebegriff im emphatischen Sinn setzt voraus, dass die Gesellschaft aus Subjekten mit freiem Willen besteht. Aber um eine wirkliche Entscheidungsfreiheit zu genießen, müssten sich die Subjekte außerhalb der Wertform befinden und über die Waren als ihre Objekte verfügen können. In der fetischisierten Gesellschaft kann ein solches bewusstes und autonomes Subjekt jedoch nicht existieren. Der Wert beschränkt sich nicht darauf, eine Produktionsform zu sein; er ist auch eine Bewusstseinsform. […] Der ‚freie Wille’ ist nicht frei gegenüber seiner eigenen Form, also gegenüber der Waren- und Geldform und deren Gesetzen. In einer fetischistischen Konstitution gibt es keinen Willen des Subjekts, der der ‚objektiven’ Wirklichkeit entgegengesetzt werden könnte. So wie die Gesetze des Werts sich außerhalb der Reichweite des freien Willens der Einzelnen befinden, sind sie auch der politischen Form dieses Willens unzugänglich. In dieser Situation kann man sagen: ‚Demokratisierung ist nichts anderes als die vollständige Unterwerfung unter die subjektlose Logik des Geldes’ (Kurz). In der Demokratie sind es nie die fetischistischen Basisformen, die zur ‚demokratischen Debatte’ stehen. Sie sind bereits allen Entscheidungen vorausgesetzt, die deshalb nur die Frage betreffen können, wie man am besten dem Fetisch dient. In der Warengesellschaft ist die Demokratie nicht ‚manipuliert’, ‚formell’ oder ‚bürgerlich’. Sie ist die passendste Form für die kapitalistische Gesellschaft, in der die Individuen völlig die Notwendigkeit verinnerlicht haben, zu arbeiten und Geld zu verdienen.“ (Anselm Jappe: Die Abenteuer der Ware)