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Moses Hess über das Geldwesen

„Das Christenthum ist die Theorie, die Logik des Egoismus. — Der klassische Boden der egoistischen Praxis dagegen ist die moderne, christliche Krämerwelt — auch ein Himmel, auch eine Fiction, auch ein eingebildeter, vermeintlicher, Vortheil für das individuelle Leben, ent­sprungen aus der krankhaften, egoistischen Aberwitzheit der depravirten Mensch­heit. — Das Individuum, wrelches nicht durch sich für die Gattung, sondern durch die Gattung für sich allein leben möchte, muß sich auch praktisch eine verkehrte Welt schaffen. In unsrer Krämerwelt ist daher praktisch, wie im christlichen Himmel theoretisch, das Individuum Zweck, die Gattung nur Mittel des Lebens. Das Gattungsleben bethätigt sich hier ebenfalls nicht im Individuum und mittelst desselben; es ist auch hier, wie im Himmel, außerhalb der Individuen gesetzt und zum Mittel derselben herabgewürdigt; es ist hier das Geld. Was der Gott für’s theoretische Leben, das ist das Geld für’s praktische Leben der verkehrten Welt: das entäußerte Vermögen der Menschen, ihre verschacherte Le­bensthätigkeit. Das Geld ist der in Zahlen ausgedrückte menschliche Werth — es ist der Stempel unsrer Sklaverei, das unauslöschliche Brandmal unsrer Knecht­schaft — Menschen, die sich kaufen und verkaufen können, sind eben Sklaven. Das Geld ist der geronnene Blutschweiß der Elenden, die ihr unveräußerliches Eigen­thum, ihr eigenstes Vermögen, ihre Lebensthätigkeit selbst zu Markte tragen, um dafür das caput mortuum derselben, ein sogenanntes Capital einzutauschen und kannibalisch von ihrem eignen Fette zu zehren. — Und diese Elenden sind wir Alle! Wir mögen uns theoretisch noch so sehr von dem verkehrten Weltbewußtsein emancipiren, so lange wir nicht auch praktisch aus der verkehrten Welt heraus sind, müssen wir, wie es im Sprichwort heißt, mit den Wölfen heulen. Ja, wir müssen unser Wesen, unser Leben, unsere eigene, freie Lebensthätigkeit fortwährend veräußern, um unsere elende Existenz fristen zu können. Wir erkaufen uns fortwährend unsere individuelle Existenz mit dem Verluste unserer Freiheit. — Und wohlverstanden, nicht etwa nur wir Proletarier, auch wir Capitalisten sind diese Elenden, die sich das Blut aus­saugen, sich selber aufzehren. Wir Alle können unser Leben nicht frei bethätigen, können nicht schaffen oder für einander wirken — wir Alle können unser Leben nur verzehren, können uns nur gegenseitig auffressen, wenn wir anders nicht verhungern wollen. Denn das Geld, das wir verzehren und um dessen Erwerb wir arbeiten, ist unser eigenes Fleisch und Blut, welches in seiner Entäußerung von uns erworben, erbeutet und verzehrt sein muß. Wir Alle sind — das dürfen wir uns nicht verhehlen— Kannibalen, Raubthiere, Blutsauger. — Wir sind es so lange, als wir nicht Alle für einander thätig sind, sondern Jeder für sich erwerben muß.“

(Moses Hess über das Geldwesen – 5. Absatz: http://haftgrund.net/moseshess/schriften/uber-das-geldwesen/ )