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Manifest gegen die Arbeit – Gruppe Krisis

„Ein Leichnam beherrscht die Gesellschaft — der Leichnam der Arbeit. Alle Mächte rund um den Globus haben sich zur Verteidigung dieser Herrschaft verbündet: Der Papst und die Weltbank, Tony Blair und Jörg Haider, Gewerkschaften und Unternehmer, deutsche Ökologen und französische Sozialisten. Sie alle kennen nur eine Parole: Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ (Text: http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit / Quelle: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/07/28/robert-kurz-zum-gedaechtnis / MP3: http://www.freie-radios.net/49850 )

Niedergang des Sozialen – Eine Sendung von Robert Kurz

„Es gibt einen Zwang zum Weniger. Und wie wir mit diesem Weniger umgehen, müssen wir eben zunehmend selbst entscheiden, nach unserer eigenen Kenntnis- und Finanzlage. Heute ahnen Eltern, dass es ihren Kindern vermutlich nicht besser, sondern schlechter gehen wird. Umso mehr beschäftigen sie sich mit deren Zukunft. Über die Gesellschaft des Weniger hat kaum jemand nachgedacht. Da muss auch die Soziologie passen. Selten ist die Soziologie fantasievoller als die Gesellschaft. “ Diese These des Soziologen Ulrich Beck, geäußert in einem Interview in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ im August 2003, lässt Ratlosigkeit erkennen.

Die Sozialwissenschaften wissen offenbar nicht mehr weiter. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte es ganz anders geklungen. Zwar kreierte Ulrich Beck schon Mitte der 80er Jahre den Begriff der „Risikogesellschaft“, so der Titel seines bekanntesten Buches. Aber darin sah er vor allem Chancen und Möglichkeiten für den Einzelnen, sein Leben bewusst selbst zu gestalten, also ein Mehr an Freiheit zu gewinnen. Heute hat sich vielfach die erhoffte Freiheit der Lebensplanung in Zukunftsangst verwandelt. Und oft sind die Gründe nachvollziehbar. Die Soziologie war phantasievoll, solange es mit der Marktwirtschaft immer weiter voranzugehen schien. Da wurde eine Zukunftsgesellschaft nach der anderen erfunden: die Dienstleistungsgesellschaft, die Freizeitgesellschaft, die Informations- und die Wissensgesellschaft. Die Risikogesellschaft klang schon ein wenig bedrohlicher, aber Ulrich Beck sah trotz aller Gefahren überall das Wirken der „Gegengifte“, so der Titel eines weiteren Buches von ihm. Der Zukunftsoptimismus, der in allen Risiken zuerst die Chancen sehen wollte, hatte allerdings eine klammheimliche Voraussetzung. Denn welche neue Gesellschaft soziologische Phantasie auch immer aus dem Ärmel zog, stets war die stumme Bedingung enthalten, dass es sich um eine Gesellschaft des Mehr handeln musste. Die Phantasie entweicht wie die Luft aus einem angestochenen Ballon, wenn plötzlich eine „Gesellschaft des Weniger“ auf die Tagesordnung gesetzt wird.

„Weniger“ gut und schön, aber weniger von was? Weniger Werbung in den Medien, weniger Informationsmüll, weniger Nullaussagen der Politiker, weniger Lobbyismus? Darauf wird man lange warten und wohl vergeblich warten. Weniger Militärinterventionen, weniger Streubomben, weniger Hungertote in der Dritten Welt? Weniger Klimakillerfaktoren? Vergessen wir es. Weniger Wachstum, weniger Export, weniger Produktivitätssteigerung? Gott behüte uns. In Wahrheit ist die weltumspannende totale Marktwirtschaft eine Gesellschaft des unersättlichen Mehr. Und zwar strukturell, wie man so schön sagt. Es ist eine Gesellschaft mit einem eingebauten automatischen Imperativ der Ökonomie, der permanente Erweiterung, Erhöhung und Beschleunigung verlangt. Dieser ökonomische Imperativ hat auf alle Lebensbereiche abgefärbt. Wir denken in Wachstumsraten, Leistungssteigerungen, Weltrekorden. Ein Weniger ist da nicht vorgesehen. (Quelle: SWR – MP3 Download)

Gruppe Krisis: Manifest gegen die Arbeit

»Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Dieser zynische Grundsatz gilt noch immer – und heute mehr denn je, gerade weil er hoffnungslos obsolet wird. Es ist absurd: Die Gesellschaft war niemals so sehr Arbeitsgesellschaft wie in einer Zeit, in der die Arbeit überflüssig gemacht wird. Gerade in ihrem Tod entpuppt sich die Arbeit als totalitäre Macht, die keinen anderen Gott neben sich duldet. Bis in die Poren des Alltags und bis in die Psyche hinein bestimmt sie das Denken und Handeln. Es wird kein Aufwand gescheut, um das Leben des Arbeitsgötzen künstlich zu verlängern. Der paranoide Schrei nach “Beschäftigung” rechtfertigt es, die längst erkannte Zerstörung der Naturgrundlagen sogar noch zu forcieren. Die letzten Hindernisse für die totale Kommerzialisierung aller sozialen Beziehungen dürfen kritiklos hinweggeräumt werden, wenn ein paar elende “Arbeitsplätze” in Aussicht stehen. Und der Satz, es sei besser, “irgendeine” Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden.

Je unübersehbarer es wird, daß die Arbeitsgesellschaft an ihrem definitiven Ende angelangt ist, desto gewaltsamer wird dieses Ende aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt. So unterschiedlich die Methoden der Verdrängung auch sein mögen, sie haben einen gemeinsamen Nenner: Die weltweite Tatsache, daß sich die Arbeit als irrationaler Selbstzweck erweist, der sich selber obsolet gemacht hat, wird mit der Sturheit eines Wahnsystems in das persönliche oder kollektive Versagen von Individuen, Unternehmen oder “Standorten” umdefiniert. Die objektive Schranke der Arbeit soll als subjektives Problem der Herausgefallenen erscheinen.

Gilt den einen die Arbeitslosigkeit als Produkt überzogener Ansprüche, fehlender Leistungsbereitschaft und Flexiblität, so werfen die anderen “ihren” Managern und Politikern Unfähigkeit, Korruption, Gewinnsucht oder Standortverrat vor. Und schließlich sind sich alle mit Ex-Bundespräsident Roman Herzog einig: Es müsse ein sogenannter “Ruck” durch das Land gehen, ganz so, als handelte es sich um das Motivationsproblem einer Fußballmannschaft oder einer politischen Sekte. Alle sollen sich “irgendwie” gewaltig am Riemen reißen, auch wenn der Riemen längst abhanden gekommen ist, und alle sollen “irgendwie” kräftig anpacken, auch wenn es gar nichts mehr (oder nur noch Unsinniges) zum Anpacken gibt. Der Subtext dieser unfrohen Botschaft ist unmißverständlich: Wer trotzdem nicht die Gnade des Arbeitsgötzen findet, ist selber schuld und kann mit gutem Gewissen abgeschrieben oder abgeschoben werden.

Dasselbe Gesetz des Menschenopfers gilt im Weltmaßstab. Ein Land nach dem anderen wird unter den Rädern des ökonomischen Totalitarismus zermalmt und beweist damit immer nur das eine: Es hat sich an den sogenannten Marktgesetzen vergangen. Wer sich nicht bedingungslos und ohne Rücksicht auf Verluste dem blinden Lauf der totalen Konkurrenz “anpaßt”, den bestraft die Logik der Rentabilität. Die Hoffnungsträger von heute sind der Wirtschaftsschrott von morgen. Die herrschenden ökonomischen Psychotiker lassen sich dadurch in ihrer bizarren Welterklärung nicht im geringsten erschüttern. Drei Viertel der Weltbevölkerung sind bereits mehr oder weniger zum sozialen Abfall erklärt worden. Ein “Standort” nach dem anderen stürzt ab. Nach den desaströsen “Entwicklungsländern” des Südens und nach der staatskapitalistischen Abteilung der Weltarbeitsgesellschaft im Osten sind die marktwirtschaftlichen Musterschüler Südostasiens ebenso im Orkus des Zusammenbruchs verschwunden. Auch in Europa breitet sich längst die soziale Panik aus. Die Ritter von der traurigen Gestalt in Politik und Management aber setzen ihren Kreuzzug im Namen des Arbeitsgötzen nur umso verbissener fort.« (Gruppe Krisis – Manifest gegen die Arbeit – 1999)