Archiv der Kategorie 'Entfremdung'

Manifest gegen die Arbeit – Gruppe Krisis

„Ein Leichnam beherrscht die Gesellschaft — der Leichnam der Arbeit. Alle Mächte rund um den Globus haben sich zur Verteidigung dieser Herrschaft verbündet: Der Papst und die Weltbank, Tony Blair und Jörg Haider, Gewerkschaften und Unternehmer, deutsche Ökologen und französische Sozialisten. Sie alle kennen nur eine Parole: Arbeit, Arbeit, Arbeit!“ (Text: http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit / Quelle: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/07/28/robert-kurz-zum-gedaechtnis / MP3: http://www.freie-radios.net/49850 )

Konkurrenzkampf im Kapitalismus – Ein Vortrag von Dr. Karl Held

„Dass in dieser Welt „Konkurrenz herrscht“, dass sie als Prinzip zwischenmenschlichen Verkehrs allgegenwärtig ist und als ebenso gebieterisches wie anonymes Gesetz das „Verhalten“ moderner Individuen prägt, ist bekannt. Politiker erweisen dieser „Tatsache“ ihren Respekt, wenn sie ihren Bürgern zur Chancengleichheit verhelfen, sei es im Ausbildungswesen oder im Wirtschaftsleben, wo ein Kartellgesetz und ein Kartellamt darüber wachen, dass um die Macht des Geldes brav konkurriert wird. Aber auch dann, wenn sie der Nation, die sie regieren, Reformen verordnen und die erforderlichen Maßnahmen als Dienst am „Standort“ verantworten, der sich der Herausforderung stellt, die andere Standorte aufmachen. Und schon gleich bei allen Entscheidungen, die auf die Sicherheit gerichtet sind — also in den Fragen, die Staaten und ihre Führung so bewegen, weil sie sich einem Kräftemessen ausgesetzt sehen, das mit dem Willen und der Fähigkeit zum Gebrauch von Gewalt zu bestehen ist. In der Wirtschaft, wo man sich der Produktion und Verteilung des Reichtums annimmt — im Zeitalter der „Globalisierung“ nicht nur im Rahmen national abgegrenzter Gesellschaften, sondern weltweit —, tun und lassen die verantwortlichen Leute überhaupt nichts ohne Rücksicht auf die Konkurrenz. Die Gestaltung von Preisen und Löhnen, die Kalkulation mit Kosten und Überschüssen, die Schaffung und Streichung von Arbeitsplätzen, die Einführung neuer Produktionsverfahren — kurz: das Investieren in all seinen Abteilungen ist ebenso eine Reaktion auf den Verlauf der Konkurrenz wie ein Akt, der auf das vorteilhafte Abschneiden im Wettbewerb der Geschäftsleute und -sphären berechnet ist. Unternehmer bzw. Manager sind stets mit der „Konkurrenzfähigkeit“ ihres Betriebs befasst; deren Fehlen ist an Misserfolgen schuld, wenn nicht gleich staatliche Hindernisse und andere widrige Geschäftsbedingungen ihre Herstellung unmöglich machen.“ (Quelle & MP3: http://doku.argudiss.de/?Kategorie=all#109 )

Jeder ist seines Unglückes Schmied

„Was sich nicht rechnet, ist im Kapitalismus bekanntlich zum Untergang verurteilt. Ökonomisch betrachtet sind daher auch Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene zusehends als zu kriminalisierende Elemente. Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff „erwerbslos“ macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, ist Degradierung und Deklassierung. Jene sind nicht einmal mehr Proletarier.

„Ich bin nichts!“, „Es geht nichts!“, „Aus mir wird nichts!“. So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Die Folge ist eine extensive Getriebenheit der Subjekte, angehalten, sich zu verwerten (und andere zu entwerten), um ja nicht unterzugehen. Zumutung transformiert sich in Selbstzumutung. Der Knecht ist sein eigener Herr und zu ihm gibt es keine Distanz – er haust im selben Körper. Es herrscht Zucht durch Selbstbeherrschung.

Der Fragesatz „Was bist du?“ oder „Was willst du werden?“ drückt aus, was einen am anderen primär zu interessieren hat: Die erreichte oder die angestrebte Stellung. Nicht er oder sie selbst, sondern Funktion, Rolle, Karriere. Du bist ein Nichts, wenn du nichts bist. Das Problem ist hier, dass da Biomasse entsteht, die frisst, aber nicht verwertbar ist. Sie muss durchgefüttert werden. Und das ist im Kapitalismus – wie alle anderen Fragen – eine Kostenfrage. Können wir uns das leisten? Nicht erst irgendeine Antwort ist unerträglich, unerträglich ist schon, dass solch eine Frage überhaupt gestellt werden kann. Eine typische Lupus-Frage: Fressen oder gefressen werden.

Für diese Gesellschaft gilt: Gefühlshaushalt und Haushalteinkommen korrespondieren. Die zentrale Angst, aber auch der negative Antrieb des bürgerlichen Individuums ist die Furcht vor der Wertlosigkeit. Die Angst funktioniert wie ein Stachel im Fleisch der Warensubjekte, die sich auf den Markt tragen um sich als Äquivalent in Wert zu setzen. „Ich tausche, also bin ich!“, so der Urschrei des kapitalistischen Subjekts.“ (Franz SchandlJeder ist seines Unglückes Schmied)

Die Widergeburt des Kapitals nimmt kein Ende

„Meine stets anwachsende Substanz fließt gleich einem unsichtbaren Strom durch alle Materie, unendlich geteilt und wieder geteilt, kerkert sie sich selbst ein in die besondere Gestalt jeder Ware, und ohne mich zu ermüden bewege ich mich von einer Ware zur anderen: heute Brot und Fleisch, morgen Arbeitskraft des Produzenten, übermorgen ein Eisenbarren, aber auch ein Stoffballen, ein dramatisches Werk, ein Fass voller Ruß, ein Sack Dünger: Die ewige Wiedergeburt des Kapitals nimmt kein Ende. Meine Substanz stirbt nicht, aber die Gestalten, in denen sie erscheint, sind zeitlich – sie enden und vergehen.“ (Paul Lafargue »Die Religion des Kapitals«)

Adorno: Die wirtschaftliche Charaktermaske

Hierzulande gibt es keinen Unterschied zwischen dem wirtschaftlichen Schicksal und den Menschen selbst. Keiner ist etwas anderes als sein Vermögen, sein Einkommen, seine Stellung, seine Chancen. Die wirtschaftliche Charaktermaske und das, was darunter ist, decken sich im Bewußtsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, bis aufs kleinste Fältchen. Jeder ist so viel wert wie er verdient, jeder verdient so viel wie er wert ist. Was er ist, erfährt er durch die Wechselfälle seiner wirtschaftlichen Existenz. Er kennt sich nicht als ein anderes. Hatte die materialistische Kritik der Gesellschaft dem Idealismus einst entgegengehalten, daß nicht das Bewußtsein das Sein, sondern das Sein das Bewußtsein bestimme, daß die Wahrheit über die Gesellschaft nicht in ihren idealistischen Vorstellungen von sich selbst, sondern in ihrer Wirtschaft zu finden sei, so hat das zeitgemäße Selbstbewußtsein solchen Idealismus mittlerweile abgeworfen. Sie beurteilen ihr eigenes Selbst nach seinem Marktwert und lernen, was sie sind, aus dem, wie es ihnen in der kapitalistischen Wirtschaft ergeht. Ihr Schicksal, und wäre es das traurigste, ist ihnen nicht äußerlich, sie erkennen es an. Der Chinese, der Abschied nahm, „Sprach mit umflorter Stimme: Du mein Freund / Mir war das Glück in dieser Welt nicht hold. / Wohin ich geh? Ich wandere in die Berge, / Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.“
I am a failure, sagt der Amerikaner. – And that is that. ( Theodor W. Adorno: Zwei Welten, In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, 288 Seiten.)