Archiv der Kategorie 'Entfremdung'

Gerhard Scheit über Améry

Redaktion Prodomo: Schon seit längerer Zeit beschäftigst Du Dich mit Jean Améry und seinem Werk. Was kann eine kritische Theorie der Gesellschaft von Améry lernen bzw. warum sollten sich Menschen, die sich um eine solche Theorie bemühen, mit Améry auseinandersetzen?

Gerhard Scheit: Améry brachte „die Veränderungen in den Gesteinsschichten der Erfahrung“, die durch Auschwitz bewirkt worden sind, in einer „geradezu bewundernswerten Weise zum Ausdruck“. So hat das einmal Adorno gesagt in einer seiner Vorlesungen, und zwar, nachdem er die Negative Dialektik bereits abgeschlossen hatte. Bei Améry, einem ihm „völlig unbekannten Autor“, fand er etwas vom Erfahrungsbegriff dieser Negativen Dialektik wieder und deren Kritik am Heideggerschen „Sein zum Tode“. Die prononcierte Übereinstimmung mit Améry lässt vermuten, dass es Adorno schon schwant, was man aus der Kritischen Theorie machen wird: einen Strukturalismus avant la lettre, eine Theorie ohne Erfahrungsbegriff, damit sie perfekt in den akademischen Betrieb eingepasst werden kann oder als eine Art sekundärer Marxismus funktioniert.

Durch die Erfahrung der Ohnmacht seiner selbst mächtig bleiben: Die Möglichkeit und Unmöglichkeit, diese Forderung einzulösen, ist Amérys Thema, wobei diese Ohnmacht als unmittelbare leibliche Bedrohung zu Ende gedacht wird, darin, dass „etwas Schlimmeres als der Tod“ (Adorno) zu fürchten ist: in der „Logik der Vernichtung“ im Lager, in der Tortur durch die Nazis und beim Antisemitismus als beständige Vernichtungsdrohung für die Juden. Diese Reflexion auf den Kern der Ohnmacht erlaubt es erst, den realen Verlust von Erfahrung in der unabsehbar vermittelten Gesellschaft so zu denken, dass er nicht fetischisiert wird, wie es der „Normalzustand“ der bürgerlichen Gesellschaft nahelegt, und die Fadenscheinigkeit dieses Zustands, den dahinter drohenden „Ausnahmezustand“, zu erfassen. Der Verlust von Erfahrung wird ja gerne zum Vorwand, die Welt wie Luhmann zu betrachten oder wie Foucault zu kritisieren; d. h. in Strukturen zu denken. „

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Radonic: Narzisstische Kränkung

„Adorno und Horkheimer gehen nicht von irgendwelchen naiv anthropologischen Annahmen über das »Wesen des Menschen« aus, sondern vom beschädigten Leben des einzelnen Subjekts und dem objektiven Verblendungszusammenhang, dessen – ja, man könnte sagen – klägliche Übersetzung dieses Zusammenhangs ins Individuum das Subjekt ist oder das Subjekt, soweit es überhaupt als solches als ein autonomes bezeichnet werden kann in unserer Gesellschaft. Voraussetzung einer »erfolgreichen Subjektkonstitution« ist für die überwältigende Mehrzahl der Menschen die funktionierende Verwertung der eigenen Ware, über die die aus bisherigen gesellschaftlichen Banden befreiten – also aus der feudalistischen Gesellschaft befreiten – einander atomisiert gegenüberstehenden Warenbesitzer noch verfügen. Und diese Ware ist – Sie können es sich denken natürlich – die Ware Arbeitskraft. Das heißt, der Erfolg oder Misserfolg der Verwertung liegt aber außerhalb des Einflussbereiches der einzelnen Subjekte. Daher bleibt diese Subjektivität in der bürgerlichen Gesellschaft Ideologie. Von einem beschädigten Subjekt ist also die Rede. Beschädigt ist es, weil es im Interesse der Selbsterhaltung gezwungen ist, an sich selbst Ansprüche zu stellen, die es aus sich selbst heraus gar nicht erfüllen kann, oder psychoanalytisch gesprochen: Das Subjekt ist gezwungen, sich fortdauernd narzisstisch zu besetzen; die narzisstische Kränkung ist aber gar nicht zu verhindern.[…]

Worüber wir jetzt sprechen angesichts dieses Kontextes, in den ich das versucht habe einzubetten, sind jetzt die psychologischen Auswirkungen dieser Gesellschaft auf das einzelne Individuum. Dafür ist eben, wie schon erwähnt, dieser Begriff des Narzissmus bzw. der narzisstischen Kränkung zentral, um zu verstehen, was mit den Individuen da psychologisch geschieht. Schon Freud führte in seinen späteren Werken den Narzissmus als zentralen Begriff ein. Und auch die Kritische Theorie arbeitete später mit der Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Narzissmus. Beim primären Narzissmus handelt es sich um ein Phänomen, das laut Freud jedem Kleinkind zu eigen ist. Freud spricht davon, dass ein Säugling polymorph pervers ist. Was heißt das? Der Säugling hat noch kein Ich, das etwas von der Außenwelt Unterschiedenes wäre, und ist sich selbst mit all seinen Körperorganen und -öffnungen Liebesobjekt. Bald jedoch erfährt das Kind – das ist der zentrale Punkt der primären narzisstischen Kränkung –, dass nicht alles nach seinem Wunsch geschieht, und nimmt die von außen kommenden Zwänge – natürlich insbesondere das Wegbleiben der Mutter – wahr. Notwendigerweise kommt es also zu einer Kränkung des primären Narzissmus in jedem Fall, bei jeder kindlichen Entwicklung sozusagen. Die Familie weist aber dabei einen Doppelcharakter auf. Sie bietet einerseits im Optimalfall – leider nicht sehr oft sehr optimal – einen Schutzraum, der die Entwicklung eines autonomen Individuums überhaupt ermöglicht, und ist aber gleichzeitig Sozialisationsagentur, also »Keimzelle der Gesellschaft«, wie Erich Fromm das formuliert hat. Durch die Auseinandersetzung mit den Eltern wird nicht nur ihre Autorität akzeptiert, sondern auch die gesellschaftlichen Prinzipien, die sie repräsentieren. Das konkrete Ausmaß an Triebverzicht ist aber – und jetzt kommen wir zu dem, was nicht naturnotwendig bei jeder kindlichen Entwicklung auftritt – in hohem Maße abhängig von der Einrichtung der Gesellschaft. Ohne die Notwendigkeit also eines Realitätsprinzips – also eine Anerkennung der Zugeständnisse, die man an die Realität nun mal machen muss in seinem Narzissmus – zu bestreiten, lässt sich der Inhalt dieses Realitätsprinzips historisch gesellschaftlich präzisieren. Herbert Marcuse unterscheidet deshalb im Gegensatz zu Freud, der das herrschende Realitätsprinzip als unabänderlich verallgemeinert hat, zwischen notwendiger und zusätzlicher Triebunterdrückung. Das ist also ein Punkt, wo die Kritische Theorie über die Psychoanalyse hinausgeht, denn während Freud eben die Zurichtung durch die Gesellschaft als unabänderlich annimmt, spricht die Kritische Theorie natürlich sehr wohl davon, dass es darum geht, diese Umstände als gesellschaftlich produziert zu begreifen und zwischen notwendiger und zusätzlicher Triebunterdrückung in dieser Gesellschaft zu unterscheiden, wie dies Herbert Marcuse tut. Die Lebensnot erfordert Arbeit, wie schon ausgeführt, Arbeit ist Mühsal und das Gegenteil von Lustbefriedigung. Somit gibt es einen notwendigen Triebverzicht. Also, man muss, wenn man Hunger hat, dieses Nachgehen der Lustbefriedung aufschieben, um sich was zu essen zu besorgen – ganz platt gesagt. Darüber hinaus standen aber die konkreten Formen des Realitätsprinzips bisher immer im Dienste von Herrschaft und beinhalteten eine zusätzliche Triebunterdrückung, die weit über das notwendige Maß hinausgeht.

Solange Menschen aber nicht die Fähigkeiten haben, diese zusätzlicheUnter drückung als solche zu erkennen, solange befinden sie sich im Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit der narzisstischen Aufwertung und der gleichzeitigen permanenten Kränkung des Individuums. Die Umstände seiner Selbsterhaltung sind nun mal prekär, die gesellschaftliche Reproduktion ist für das Individuum nicht durchschaubar und erscheint willkürlich. Die Erfordernisse der Selbsterhaltung erzwingen also aus diesen Gründen eine neue narzisstische Besetzung der eigenen Person, um diesen Kränkungen entgegenzuwirken. Dieser sogenannte sekundäre Narzissmus, also das narzisstische Zurückziehen auf die eigene Person, stellt sich dabei laut Adorno als eine verzweifelte Anstrengung des Individuums dar, wenigstens zum Teil das Unrecht zu kompensieren, dass in der Gesellschaft des universellen Tausches keiner je auf seine Kosten kommt – ausgehend von der These, dass wir in einer Gesellschaft leben, die nicht auf die Bedürfnisbefriedigung von Menschen, sondern auf Kapitalakkumulation ausgerichtet ist. Die Erfahrung der Ohnmacht kann also nicht zugelassen werden. Sie wird zu einem Gefühl der Ohmacht sedimentiert. Es tritt also das spezifisch Psychologische hinzu, so Adorno, dass nämlich die Individuen ihre Ohnmacht nicht erfahren, ihr nicht ins Auge zu sehen vermögen, sie müssen diese Erfahrung von der Ohnmacht zum Gefühl verarbeiten und psychologisch sedimentieren. Dieses Ohnmachtsgefühl steht aber im Widerspruch zur narzisstischen Besetzung der eigenen Person. Diese Zerrissenheit – und jetzt kommen wir wieder zurück zum Antisemitismus – führt zunächst mal zur Frage, wer daran Schuld ist. Die Antwort steht fest: »Ich nicht!« Damit ist also zunächst mal erklärt, warum das Individuum das Bedürfnis nach narzisstischer Aufwertung verspürt. Da es aber diese Zusammenhänge zwischen den auf ihn wirkenden Zwängen nicht erfassen kann, sucht es – zunächst mal ganz allgemein formuliert – Schuldige.“ (Aus dem Vortrag „Über die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie. Der Antisemitismus als narzisstische Kränkung und pathische Projektion.“ von Ljiljana Radonic: http://verteidigtisrael.blogsport.de/images/radonicktundpsych.pdf / MP3: http://kritischetheorie.bagrupowi.at/?p=14 oder auch: http://audioarchiv.blogsport.de/?p=177 )

Pohrt über die ewige Frustration

„Ganz analog zu verzogenen, mäkligen Kindern, deren Unglück darin besteht, gleichzeitig Schlagsahne mit Pommes essen und spielen und dabei eigentlich nichts von alledem richtig zu wollen, leiden die Erwachsenen heute in der Regel nicht unter unerfüllbarer Sehnsucht – ein Leiden, welches auch Vorzüge hat –, sondern sie leiden unter einer Art von wunschlosem Unglücklichsein, welches umschlägt in die unersättliche, weil niemals Erfüllung findende Gier, alles haben und gleich wieder wegschmeißen zu wollen. Während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus ungebrochene Genußfreude zu erkennen meinen im Verhalten besonders des bundesdeutschen Mittelstands, den man auffassen könnte als riesige Selbsthilfegruppe, die ebenso verbissen wie vergeblich bemüht ist, sich Gutes zu tun, sei es durch Schöner Wohnen, Vornehmer Trinken, oder Gesünder Essen, während die Propagandisten eines Neuen Hedonismus also in all diesen Aktivitäten Indikatoren für Genußfreude zu erkennen meinen, übersehen sie, daß die rastlose, zwanghafte, stressige und fast schon hauptberufliche Suche nach Genuß das Verhalten von Leuten ist, die ihn nirgends finden können, von Leuten auch, denen sich unersättliche Gier und die ewige Frustration irgendwann in die Gesichtszüge gräbt und die daher nicht satt, zufrieden und glücklich wirken, sondern hart, neidisch, lauernd und verbittert.“ (Wolfgang Pohrt, “Der Hamster im Käfig” im Buch: Ein Hauch von Nerz (1989))

Bekenntnisse eines jungen Lohnarbeiters

„Dort draussen, bei meinen Freunden, passiert in Wirklichkeit, wie ich wohl weiss, gar nichts. Es gibt nichts, was ich verpasse; jeden Freitag Abend beeile ich mich, dorthin zu kommen, wo ich sie finde.

Es ist jedesmal wieder ein Schlag. Die Zeit, die mir von der Maschine so qualvoll leer in die Länge gezogen ist, geht dort draussen, in der Freizeit, ebenso leer, nur rasch vorbei; es ist gar nicht Zeit genug, in den kurzen Tagen dazwischen, dass etwas passieren kann, das ich verpassen könnte.

Ich sitze mit ihnen dann, an immer den selben Orten, und wir führen immer dieselben Gespräche; meine Sehnsucht nach ihnen bleibt ungestillt; irgendetwas hält uns alle voneinander fern. Wir können nicht miteinander reden, es sei denn, wir sind betrunken, aber, oh Unglück, dann können wir nicht mehr zuhören.

Es ist keine Freude in dieser Trunkenheit, nicht einmal Flucht, unweigerlich kommt irgendwann eine Traurigkeit, aber wenn wir anfangen, einander unsere tiefsten Gedanken mitzuteilen, finden wir uns leer an Worten dafür; in unserer Not klammern wir uns an zwei drei wie gestanzte Sätze, die wir wie auswendig immer wiederholen, wie als ob uns jemand verstehen sollte, wo wir doch nur unsere eigene Furcht damit bannen.

Wenn wir betrunken sind, gehen wir in die Disco, wo die Musik so laut ist, dass wir uns nicht mehr unterhalten müssen. Früh im Morgenlicht gehen wir nach Hause, einzeln oder zu zweien; den nächsten Tag verschlafen wir, das macht man zweimal so, dann fängt die Arbeit wieder an.

Wenn es die Wochenenden nicht gäbe, man müsste sie erfinden, um zu beweisen, dass es noch ganz anderes zu fürchten und zu hassen gibt als die Arbeit. Wie sollten wir nicht verurteilt sein, unter der Arbeit zu leben, wenn jede Stunde, die wir ohne sie verbringen, beweist, dass wir es nicht können?“ (Quelle & Weiterlesen: http://letzterhieb.blogsport.de/2009/11/08/bekenntnisse-eines-jungen-lohnarbeiters-teil-ii/ )

Kapitalismus in der Krise – Ein Plädoyer von Winfried Wolf für eine Revolte

„Winfried Wolf zeigt uns die vielen Erscheinungsformen der Krise: Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrise, Hungerkatastrophe im Süden, Lohnabbau und Verarmung in den Zentren, Umwelt- und Klimakatastrophe, erschöpfte Ressourcen und Ölkrise, Demokratieabbau, Zerfall der US-Hegemonie und neuer Kampf um Vorherrschaft, Aufrüstung und Kriegsgefahr …
Winfried Wolf geht der Frage nach: Ist der Kapitalismus und das ihn bestimmende Profitprinzip am Ende?

Aus der Analyse der Krise ergibt sich für Winfried Wolf die Notwendigkeit der Umwälzung der bestehenden kapitalistischen Verhältnisse und die Verwirklichung einer Gesellschaft, in der anstelle von Gier, Zerstörung und Profit die Natur, der Mensch und die Solidarität im Zentrum stehen.

– Wo das verwirklicht werden soll? Weltweit!
– Wann das geschehen soll? Umgehend!
– Von wem das zu bewerkstelligen ist? Von einem breiten Bündnis der Arbeitenden, der Arbeitslosen und der Ausgegrenzten!

*Dr. Winfried Wolf ist Herausgeber von Lunapark21. Veröffentlichungen u.a.: „Sieben Krisen — ein Crash“, „Verkehr — Umwelt — Klima. Die Globalisierung des Tempowahns“" (MP3 & Quelle: http://www.kapitalismus-in-der-krise.de/index.php/veranstaltungen/wolf-va )