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Tomaten sind ohnmächtig! Dutschke im Interview beim Spiegel 1967

„Ich denke, wir können gegenwärtig sicherlich nicht davon ausgehen, daß die Herrschaft von Menschen über Menschen insgesamt in absehbarer Zeit verschwinden wird. Aber ich denke, daß diese Gesellschaft im Laufe eines langen Prozesses der Bewußtwerdung von vielen und immer mehr werdenden Menschen tatsächlich das Stadium erreicht, da die Menschen das Schicksal in die eigene Hand nehmen können, nicht mehr bewußtlos als unpolitische Objekte von oben durch die Bürokratie, durch das Parlament oder durch was auch immer manipuliert werden. […] Der fortwährende Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur in Form des Arbeitsprozesses auf der einen Seite und die jeweils erreichte Stufe kritischer Unruhe menschlichen Geistes gegen jede jeweils erreichte Form menschlichen Zusammenlebens läßt eine Beruhigung und Endgültigkeit menschlicher Geschichte nicht zu. Die Menschen müssen sich dauernd ihrer selbst verunsichern, damit sie fähig werden, alle sich neu ergebenden Möglichkeiten — Reduktion von Arbeit, Entwicklung sinnlicher Phantasie, Abschaffung von Elend und Krieg — zu verwirklichen. Das mögen für Sie große Worte sein … […] Ja, der biblische Garten Eden ist die phantastische Erfüllung des uralten Traums der Menschheit. Aber noch nie in der Geschichte war die Möglichkeit der Realisierung so groß. […] Denn die für profit- und herrschaftsorientierte Gesellschaftsordnungen typischen Konsumtionsexzesse — Kriege sowie die ungeheuren toten Kosten; Rüstung, unnütze Verwaltung und Bürokratie, unausgenutzte Industriekapazitäten, Reklame — bedeuten eine systematische Kapitalvernichtung. Die wiederum macht es unmöglich, den Garten Eden historisch zu verwirklichen. […] Demonstrationen und Proteste sind Vorstufen der Bewußtwerdung von Menschen. Wir müssen immer mehr Menschen bewußt machen, politisch mobilisieren, das heißt: in das antiautoritäre Lager — das jetzt erst aus nur ein paar tausend Studenten besteht — herüberziehen. Und wir müssen mehr tun als protestieren. Wir müssen zu direkten Aktionen übergehen. […] Das wäre der Aufbau einer Universität außerhalb von Dahlem — in einem Gebiet zwischen Fabrikarbeitern, etwa in der Spandauer Gegend oder in der Nähe der AEG, und Bürgerbezirken. Man könnte in Baracken Fakultäten installieren zur Ausbildung von Studenten, Arbeitern, Angestellten, Schülern. Hinzu käme, daß wir eine kontinuierliche medizinische, speziell sexuelle Aufklärung für weite Bevölkerungsteile — besonders für junge Arbeiterinnen und Arbeiter — betreiben könnten. Ebenso könnten wir unbemittelten Bürgern Rechtshilfe leisten, Mieterstreiks organisieren und so weiter. Eine solche Universität hätte die Aufgabe der Profilierung des Bewußtseins. Aber es ist die Frage, ob wir dieses Modell finanziell tragen können. […]“ (Rudi Dutschke / Quelle: Spiegel Online)

Der lange Marsch (Vorwort)

»“Die Pariser Kommune mag fallen, aber die soziale Revolution, die sie eingeleitet hat, wird triumphieren. Ihre Geburtsstätte ist überall“ (Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, 2. Entwurf)

Die Arbeiter- und Soldatenräte der Pariser Kommune zerstörten den kapitalistischen Staatsapparat (Polizei, Armee, Bürokratie, Justiz und Kirche) und setzten an seine Stelle ein neues System von Bedürfnisbefriedigung, das sich dadurch auszeichnete, dass die unmittelbaren Produzenten sowohl über Produktion als auch über Konsumtion direkt entschieden. Produzentendemokratie als Ausdruck der neuen Bedürfnisse der Massen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, sich selbst in die Gestalt der Räte zu organisieren, direkte Demokratie von unten zu praktizieren.

Jede bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zeichnet sich durch den Zwang aus, die Produktionsverhältnisse auf der Grundlage bestimmter Besitzverhältnisse aufrechtzuerhalten und muß darum folglich den irrationalen Repressionsapparat permanent weiterentwickeln, und zwar unter der je spefizischen historischen Dialektik zwischen den Prinzipien der Profitmaximierung des Kapitals und der Herrschafterhaltung des Gesamtsystems.

Der grundlegende Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft, die Trennung der Produzenten von den Produktionsbedingungen, wächst mit der Entfaltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte, mit dem zunehmenden gesamtgesellschaftlichen Reichtum. Mit der sich ständig steigernden Arbeitsproduktivität durch die Entwicklung der Technologie und der Fähigkeit der Produzenten, dieselbe anzuwenden, mit der ununterbrochen zunehmenden Differenz zwischen der faktischen Entwicklung der Produktivkräfte und der historisch möglichen Entfaltung derselben durch die Sprenung der Fesseln des Kapitals ist der Staatsapparat gezwungen, den bereits unter den herrschenden Bedingungen vorhandenen Überfluß in der Gestalt zusätzlicher und künstlicher „toter Kosten“ (faux frais) – geplanter Verschleiß von Gütern, strukturelle Arbeitslosigkeit, unausgenutzt Kapazitäten, Rüstung, Werbung und Manipulation, künstliche Verwaltung etc. – zu absorbieren.

Die Ausgangslager der Revolution in den Metropolen und in den Ländern, deren Entwicklung vom Imperialismus verhindert wurde, unterscheidet sich fundamental voneinander: Während die Revolutionen bei uns einen heute kaum vorstellbaren Reichtum begründen werden, die Arbeitszeit durch Automation in den wichtigsten Bereichen der Produktion auf ein Minimum reduzieren und die Fähigkeiten des einzelnen, sich in der freien Zeit schöpferisch und allseitig zu entwickeln, maximal steigern, müssen die Revolutionen in der Dritten Welt (einer um Menschlichkeit kämpfenden) den „Schritt vom Elend Batistas in die Armut Fidels“ vollziehen, und zwar in der Form der eigenen, nicht mehr vom Imperialismus absorbierten ursprünglichen sozialistischen Akkumulation.

Das revolutionäre Kuba zeigt uns bis heute, wie es für seinen schwierigen Aufbauprozeß von den Erfahrungen und Fehlern der ersten proletarischen Revolution in der Sowjetunion und von den Erfahrungen und Prinzipien der chinesischen Revolution lernte und dabei das Prinzip der revolutionären Gleichzeitigkeit in der Entwicklung der materiellen Produktion und der Schaffung neuer Menschen mit neuen Bedürfnissen und Interessen zu praktizieren versucht.

So wird die freie Selbsttätigkeit der Massen und der schöpferische Dialog zwischen Führung und Massen, der von dem entscheidenden revolutionären Organisationsprinzip „der Erzieher muss erzogen werden“ (Marx) getragen wird, eine direkte Produktivkraft für die Entwicklung einer nicht mehr strukturellen vom Wertgesetz und Profitprinzip bestimmten Produktionsweise.

Der Ansatz der Pariser Kommune, eine von den Massen selbst geführte direkte Demokratie von unten zu erkämpfen, wurdei nallen bisherigen Revolutionen unter den je spefizischen Bedingungen immer wieder aufgegriffen und ist auch heute in der kubanischen Revolution tragendes Prinzip und endgültiges Ziel.

Die Leistung der kubanischen Revolution ist gerade darin zu sehen, dass es ihr bisher gelang, sowohl in der sozialrevolutionären Transformation der feudal-kapitalistischen Produktionsverhältnisse als auch beim Aufbau der neuen Gesellschaft die Differenz zwischen historisch notwendiger Repression und zusätzlicher irrationaler Herrschaftsausübung eines von den Massen getrennten und verselbstständigten Apparats möglichst gering zu halten. Von grundlegender Bedeutung ist, dass die kubanischen Revolutionäre diese Hauptschwierigkeit jeder Revolution selbstkritisch problematisieren und mit den Massen diskutieren, um die bewusstseinsmäßigen Voraussetzungen für antibürokratische Kampagnen zu sichern. Es gelang ihnen bisher weitgehend, eine vorschnelle Institutionalisierung der verschiedenen Arbeits- und Verwaltungsebenen zu vermeiden. Gerade darin zeigt sich ein auch für unsere Arbeit relevantes Organisationsprinzip: Organisation als Resultat eines langwierigen praktischen Lernprozesses und nicht als seine Voraussetzung; sonst besteht die Gefahr, dass die Organisation eine bürokratische Schranke wird, die die Selbststätigkeit der Massen von unten verhindert.

„Wir haben einige Versuche gemacht in der Absicht, nach und nach die Institutionen der Revolution zu schaffen, aber ohne allzu große Eile. Unsere stärkste Bremse ist die Befürchtung gewesen, eine formale Beziehung könnte uns von den Massen und vom Individuum trennen und uns die letzte und höchste revolutionäre Bestrebung aus den Augen verlieren lassen, die Bestrebung, den Menschen von seiner Entfremdung befreit zu sehen“ (Guevara, Menschen und Sozialismus auf Kuba, S.50)
Verfrühte und nicht von den Massen kontrollierte und beherrschte Organisationsformen, die nicht mehr Kampfmittel, sondern Selbstzweck geworden sind, können sehr leicht zur Ausschaltung andersdenkender Revolutionäre mißbraucht werden. Rosas Satz, dass „die Freiheit die Freiheit der Andersdenkenden“ ist, meint nicht die Freiheit der Konterrevolution und der alten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, fordert vielmehr eine volle Freiheit für alle Fraktionen des revolutionären Lagers, für die schöpferische Entfaltung der direkten Demokratie als Ausdruck der bewussten Massentätigkeit.

Dieses Prinzip lässt sich auch an Hand der Entstehungsgeschichte und des organisatorischen Aufbaus der neuen kommunistischen Partei Kubas verfolgen: Die Bewegung des 26. Juli (1953), die von Fidel und Che im wesentlichen getragen wurde, war die erste keimhafte Organisationsform im Prozeß der Entwicklung der kubanischen Revolution, in der alle antiimperialistischen Fraktionen der verschiedenen Klassen der kubanischen Gesellschaft (nationale Bourgeoisie aus Industrie, Handel und Landwirtschaft, Proletariat, Kleinbürgertum, Bauern) vereinigt waren. Die verschiedenen Inhalte der Fraktionen dieser antiimperialistischen Front konnten sich erst im Prozess der revolutionären Auseinandersetzung mit der Batista-Diktatur konkret entfalten. Im Kampf allein konnten sich die dem Stand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung adäquaten spezifischen Organisations- und Kampfformen herausbilden – ohne Moncada-Erfahrung kein Guerilla-Konzept, ohne langandauernde Guerilla-Praxis keine Einbeziehung der Massen bei der sozialrevolutionären Umgestaltung der Gesellschaft, keine Herausbildung einer vom Vertrauen und der Selbsttätigkeit der Massen bestimmten politischen Führung.

Gesellschaftliche und individuelle Emanzipation wird in diesem Konzept nur möglich durch ununterbrochenen Kampf um den neuen Menschen, der fähig ist, jede irrational zusätzliche Herrschaft von Menschen über Menschen durch bewußte Kontrolle und Tätigkeit von unten zu verhindern. Erst innerhalb dieser prozesshaften Vorstellung von Revolution – Revolution nicht als einmalige katastrophenhafte Lösung der Widersprüche – wird es verständlich, dass die ehemalige sozialrevolutionäre Führung der antiimperialistischen Front unter Fidel und Che erst 1965, also 12 Jahre nach Moncada und 6 Jahre nach dem Sturz von Batista, nach vielen Übergangslösungen eine Parteiorganisation neuen Typus aufbaute.

Die kubanische kommunistische Partei unterscheidet sich prinzipiell von en revisionistischen kommunistischen Parteien der Linie der friedlichen Koexistenz dadurch, dass sie nicht selbst ihre Mitglieder von oben bestimmt bzw. auswählt, sondern dass das revolutionäre Volk in der Gestalt der lokalen Komitees Individuen seines Vertrauens vorschlägt, in die Partei hineinwählen kann und, sofern sie das Vertrauen der Komitees nicht mehr haben, durch bewussten Akt des Volkes ausgeschlossen werden müssen. Diese Räte-Prinzipien, sogar im Aufbau und in der Praxis der Partei, stellen eine bisher unerreichte Verbindung zwischen Exekutiventscheidungen der temporären politischen Führung und direkter Demokratie der Massen dar. « („Der lange Marsch. Wege der Revolution in Lateinamerika.“ Vorwort Rudi Dutschke, T. Käsemann, R. Schöller. 1968)

Rudi Dutschke: Besetzt Bonn

»Die bestehende gesellschaftliche Struktur der Bundesrepublik und West-Berlins läßt sich als ein System der Interessendemokratie charakterisieren. Die daran beteiligten Gruppen „streiten“ sich nur noch um den Anteil am Bruttosozialprodukt, die irrationalen Voraussetzungen und Praktiken der staatlichen Gewaltmaschinerie und des gesamtgesellschaftlichen Lebens werden nicht zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung.

1918/19 erkämpften unsere Arbeiter- und Soldatenräte in der unvollendeten deutschen Revolution schon den Achtstundentag. Heute, nach 50 Jahren schier unvorstellbarer Entfaltung der Produktivkräfte und damit der Produktivität der Arbeit, arbeiten die Lohnabhängigen lumpige 4-5 Stunden pro Woche weniger.

Seit Jahrzehnten indoktrinieren unsere „Herren an der Spitze“ die Menschen mit dem Feindmythos. Die gesellschaftlich notwendige Lüge von der kommunistischen Subversionstätigkeit in den „freien“ Ländern dient als Rechtfertigung, um die den Frieden gefährdende, die kapitalistische Wirtschaft aber stabilisierende Rüstungsindustrie und die Bundeswehr aufrechzuerhalten, dient der Verhüllung der wirklichen Funktion der Notstandsgesetze: innenpolitische Strukturveränderungen a piori auszuschalten.

Seitdem jedoch der antikommunistische Feindmythos immer weniger aufrechterhalten werden kann, die Zusammenarbeit zwischen Moskau und Washington hat hierzu unter anderem beigetragen, seitdem sogar Adenauer, Barzel und andere bürokratische Charaktermasken der Sowjetunion einen „friedlichen Charakter“ konzedierten, sollte die Funktion der Bundeswehr, der Freiwilligen Polizeireserve in West-Berlin, der Notstandsgesetze etc. noch klarer gesehen werden können: der Feind, gegen den täglich das ganze System mobilisiert wird, ist die reale Möglichkeit, die bestehende Ordnung abzuschaffen, ist die Möglichkeit überflüssige Herrschaft zu beseitigen, d.h. die nur aus Herrschafts- und Profitinteressen hohe Arbeitszeit auf ein dem hohen Stand der Entwicklung der Produktivkräfte entsprechendes Minimum zu reduzieren, ist die Möglichkeit, die irrationale Rüstung, die künstliche Bürokratenzucht, die funktionale Kapital- und Gütervernichtung abzuschaffen.

Am Ende des sogenannten Wirtschaftswunders fällt es unseren bürokratischen Oligarchen immer schwerer, diese aktuelle Möglichkeit der Befreiung vollständig aus der „Öffentlichkeit“ zu verdrängen.
Durch Konzessionen wie Erhöhung des Arbeitslosengeldes, durch Schillersche Reime über die kommende Konjunktur, durch gelenkte Krisenpsychose, durch circensisch inszenierte Schauspiele wie Staatsbesuche und Trauerfeierlichkeiten werden die Massen noch bei der Stange gehalten.

Hinzu kommt, daß es dem System gelungen ist, durch langjährige funktionale Manipulation die Menschen auf die Reaktionsweise von Lurchen zu regredieren. Wie Pawlowsche Hunde reagieren sie auf die Signale der Mächtigen; in jedem vierten Jahr dürfen sie den Nachweis ihrer geistigen Reduziertheit und Unmündigkeit ablegen. Nur wenige, besonders die privilegierten Studenten, haben eine Chance, die subtilen Herrschaftsmechanismen zu durchschauen, an ihrer Beseitigung zu arbeiten.

Die wesentlichen Träger der Manipulation und Anpassung der Menschen sind die Massenmedien, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen.
In der Bundesrepublik und besonders in West-Berlin beherrscht der Springer-Konzern die Massenzeitungen, die noch immer bedeutendste Indoktrinierungsebene. Er entfaltet seit langer Zeit im Interesse der bestehenden Ordnung eine planmäßige Vernetzung aller Kräfte, die das Freund-Feind-Schema der Meinungsmacher nicht akzeptieren wollen!

Infolge der Politisierung einer relativ breiten studentischen Minderheit (4000 bis 6000 im antiautoritären Lager) ist in West-Berlin eine für das System bedrohliche Situation entstanden: durch die Vereinigung von Teilen der Lohnabhängigen in den Fabriken mit diesem Lager innerhalb der Studentenschaft könnte der Senat, genauer die gesellschaftliche Struktur „gekippt“ (Albertz) werden.

Haupthindernis ist die Tyrannei der Manipulation und ihrer Produzenten. Diese Beherrschung muß durchbrochen werden – wenn auch vorerst nur für einen oder mehrere Tage. Wir werden in einem Pressetribunal den empirischen Nachweis führen, daß die Volksverhetzung und Entmündigung der Menschen durch Manipulation bei uns die Ergänzung zum Völkermord in Vietnam, zur gewaltsamen Niederschlagung aller sozialrevolutionären Bewegungen in der Dritten Welt darstellt.

Dann haben wir das Recht und die Pflicht, die antidemokratische Tätigkeit der Manipulateure direkt anzugreifen! – Oder werden vielleicht unsere „Repräsentanten“ dieses „Geschäft“ erledigen, progressiven Selbstmord begehen?

Wir werden uns darauf nicht verlassen. Durch „betriebsnahe Bildungsarbeit“, durch direkte Lohnarbeit von oppositionellen Studenten in Betrieben, durch gemeinsame Großveranstaltungen zwischen bestimmten Industriegewerkschaften und studentischer Opposition wird die faktische Entfremdung zwischen Lohnabhängigen und Studenten nicht überwunden, aber als Gefahr für beide Seiten möglicherweise begriffen werden.

Die hoffentlich „freiwillige“ Stillegung der Springerschen Rotationsmaschinen würde einen historisch einzigartigen Modellfall abgeben: Wie werden „demokratische Urzeitungen“, von der Opposition gegen das System finanziert und publiziert, von den Massen aufgenommen werden?

Der tägliche Gang zum „Bild“ – oder „BZ“-Kiosk gehört zur Lebensweise des verwalteten Individuums. Was wird es tun, wenn die Zeitungen nicht vorhanden sind? Wird es gewaltsam gegen uns reagieren, weil wir ein wichtiges Moment seines Lebens gefährden? Oder wird es in eine „traumatische Leere“ (Marcuse) fallen, sich anfangen zu wundern, eine Welt jenseits der bestehenden denken lernen können?

Die Parole der Enteignung des Springer-Konzerns wird nur dann gesellschaftlich wichtig, wenn es geling, breite Teile der Lohnabhängigen und des antiautoritären Teils der Studentenschaft organisatorisch und politisch in Aktionen zu vereinigen. Das ist die Aufgabe der ganzen vor uns liegenden Periode, ist nicht kurzfristiges Resultat.

Dazu gehören auch direkte Aktionen gegen die Notstandsgesetze. Diskutierende Kongresse und konzessionierte Demonstrationen in politisch-strategisch unwichtigen Städten bringen uns keinen Schritt weiter.

Am Tage der zweiten Lesung der Notstandsgesetze sollte Bonn eine „Besetzung“ durch Notstandsgegner erleben! Ein „Go-In“ des bewußtesten Teils der Bevölkerung ins Parlament brächte vielleicht für Stunden real-demokratischen Geist in die formalisierte und bürokratisierte Akklamationsmaschine der Regierung.

Allein solche Offensivaktionen ermöglichen es uns, weitere Minderheiten innerhalb und außerhalb der Universität gegen das System zu mobilisieren. Der theoretische Lernprozeß durch Aufklärung wird zum repressiven Konsum, wenn er den Weg zur praktischen Aktion nicht findet.

Die Aktionen gegen den Springer-Konzern und die Notstandsgesetze treffen zentrale Nervenpunkte: die funktionale Beherrschung der Menschen durch Manipulation und angedrohte (potentielle) direkte Repression.

An ihnen kann die Irrationalität und Unmenschlichkeit des Systems nachgewiesen werden. Die kritische Vernunft und das emanzipatorische Interesse der radikalen Opposition haben sich in diesen Aktionen zu bewähren. Die Enteignung des Springer-Konzerns unter den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen scheint uns weer wahrscheinlich noch besonders „fortschrittlich“ zu sein, es sei denn, daß wird die „Verbesserung der Gefängniszellen“ als geschichtlichen Fortschritt begriffen.

So bleibt die Voraussetzung einer befreienden Vergesellschaftung der wichtigsten Betriebe des gesellschaftlichen Lebens die durch Aufklärung und Aktionen gegen das System vermittelte tendenzielle Loslösung der Lohnabhängigen vom staatlich-gesellschaftlichen Apparat.

Denn die Befreiung der Lohnabhängigen kann nur durch ihre praktisch-umwälzende Bewußtwerdung geschehen, nicht durch eine Partei, eine Bürokratie oder durch ein Parlament.« (Anmerkung: Karl Schiller: damals Wirtschaftsminister der Großen Koalition / Rudi Dutschke – Besetzt Bonn – September 1967)

Dutschke im Interview

Gaus: »[…] Herr Dutschke, Sie wollen die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik verändern. Alles soll von Grund auf anders werden. Warum?«
Dutschke: »Ja, 1918, um damit zu beginnen, erkämpften die deutschen Arbeiter- und Soldatenräte den 8-Stunden-Tag. 1967 arbeiten unsere Arbeiterinnen und Arbeiter und Angestellten lumpige vier, fünf Stunden weniger pro Woche. Und das bei einer ungeheuren Entfaltung der Produktivkräfte, der technischen Errungenschaften, die eine wirklich sehr, sehr große Arbeitszeitreduzierung bringen könnten, aber im Interesse der Aufrechterhaltung der bestehenden Herrschaftsordnung wird die Arbeitszeitverkürzung, die historisch möglich geworden ist, hintangehalten, um Bewußtlosigkeit, das hat etwas mit der Länge der Arbeitszeit zu tun, aufrechtzuerhalten. Ein Beispiel: Nach dem Zweiten Weltkrieg begann ununterbrochen das Gerede der Regierungen über Wiedervereinigung. Nun haben wir schon 20 und mehr Jahre keine Wiedervereinigung, wir haben aber systematisch immer wieder Regierungen bekommen, die man gewissermaßen bezeichnen könnte als institutionalisierte Lügeninstrumente, Instrumente der Halbwahrheit, der Verzerrung, dem Volk wird nicht die Wahrheit gesagt. Es wird kein Dialog mit den Massen hergestellt, kein kritischer Dialog, der erklären könnte, was in dieser Gesellschaft los ist. Wie es plötzlich mit dem Ende des Wirtschaftswunders zustande kam, warum die Wiedervereinigungsfragen nicht vorankommen? Man spricht von menschlichen Erleichterungen im Verkehr und meint Aufrechterhaltung der politischen Herrschaft.«
Gaus: »Warum meinen Sie, Herr Dutschke, dass die Veränderungen, die Sie wünschen, durch Mitarbeit in den bestehenden Parteien nicht erreicht werden kann?«
Dutschke: »Es gibt eine lange Tradition der Parteien, in der sozialdemokratischen, der konservativen, den liberalen Parteien; ohne die jetzt geschichtlich aufzurollen, haben wir nach 1945 eine sehr klare Entwicklung der Parteien, wo die Parteien nicht mehr Instrumente sind, um das Bewußtsein der Gesamtheit der Menschen in dieser Gesellschaft zu heben, sondern nur noch Instrumente, um die bestehende Ordnung zu stabilisieren, einer bestimmten Apparatschicht von Parteifunktionären es zu ermöglichen, sich aus dem eigenen Rahmen zu reproduzieren, und so also die Möglichkeiten, dass von unten Druck nach oben und Bewußtsein nach oben sich durchsetzen könnte, qua Institution der Parteien schon verunmöglicht wurde. Ich meine, viele Menschen sind nicht mehr bereit, in den Parteien mitzuarbeiten, und auch diejenigen, die noch zur Wahl gehen, haben ein großes Unbehagen über die bestehenden Parteien. Und …bauen sie noch ein Zwei-Parteien-System, und dann ist es endgültig vorbei.«

Und im späteren Verlauf des Gespräches:

Gaus: »Warum treten Sie aus der Politik nicht aus? Wäre das nicht ein größeres Mitleid mit den armen Teufeln, mit den Menschen, für die Sie so schreckliche Zeiten heraufkommen sehen? Warum sagen Sie nicht: Wir können es nicht ändern, laß es doch laufen!«
Dutschke: »Wir können es ändern. Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben sie uns jahrhundertelang eingeredet. Viele geschichtliche Zeichen deuten darauf hin, dass die Geschichte einfach nicht ein ewiger Kreisel ist, wo nur immer das Negative triumphieren muss. Warum sollen wir vor dieser geschichtlichen Möglichkeit Halt machen und sagen: Steigen wir aus, wir schaffen es doch nicht. Irgendwann geht es mit dieser Welt zu Ende. Ganz im Gegenteil. Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche Möglichkeit – und da aussteigen? Ich bin kein Berufspolitiker, aber wir sind Menschen, die nicht wollen, dass diese Welt diesen Weg geht, darum werden wir kämpfen und haben wir angefangen zu kämpfen.« (Gespräch zwischen Günter Gaus und Rudi Dutschke in der Sendereihe „Zu Protokoll“ am 3. Dezember 1967 / Interview in Textform oder in Bild & Ton)

Rudi Dutschke über den bürgerlichen Charakter

»Unsere Charakterstruktur, der bürgerliche Charakter des Individuums im Spätkapitalismus im allgemeinen, zeichnet sich dadurch aus, dass er auf der einen Seite – geprägt durch die ihn hervorbringende Gesellschaft – sehr aktiv und bewusst in das Leben der Gesellschaft eingreift. Dabei schuf der bürgerliche Charakter ungeheuren Reichtum für die Bedürfnisbefriedigung der Menschen, er schuf einen ungeahnten Reichtum, der die historisch einzigartige Chance begründete, ein Leben jenseits materieller Not zu führen, ein Leben einzurichten, in der die Losung sein kann: „Alle Menschen sollen essen und wenig arbeiten“ (Horkheimer).

Der Widerspruch des bürgerlichen Charakters besteht nun gerade darin, dass diese von ihm geschaffenen Produktivkräfte, diese akkumulierten Reichtümer für die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse sich ihm gegenüber verselbständigt haben, sie ihm gegenüber fremd geworden sind. Aus dieser Trennung der Produzenten von den Produkten entsteht jenes früher beschriebene Phänomen der gesellschaftlichen Entfremdung, entsteht aber gleichermaßen jenes Gefühl der Ohnmacht des einzelnen dem bestehenden System gegenüber, was ein Teil der herrschenden Verdinglichung und Entfremdung des einzelnen darstellt.

Dieses „Gefühl der Ohnmacht“ (Fromm) ist im bürgerlichen Charakter der Individuums im wesentlichen unbewusst. Durch den tagtäglichen Produktionsprozess, durch die tagtägliche Funktionalisierung des einzelnen durch die Gesellschaft, wird diese Haltung des einzelnen vertieft, wird neurotisiert zu der tiefen Überzeugung von der eigenen Ohnmacht, von der Machtlosigkeit. Aus dieser Neurose entsteht die Unfähigkeit, sich in der Welt zurech zu finden, sich in ihr zu erkennen, für sich einen richtigen sinnvollen Platz in der Welt zu finden. Die so entstehende Hilflosigkeit, ob nun in der einer fremden Stadt oder in einer neuen Klasse, liefert das Individuum den herrschenden Mächten aus, macht es jederzeit fungibel, verwertbar für die Herrschaftsbedürfnisse des Kapitals.«