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Camus über die Vernunft und das Irrationale

„Die Vernunft und das Irrationale führen zu derselben Predigt. Das bedeutet, daß der Weg in Wahrheit nicht so wichtig ist, es genügt durchaus der Wille, ans Ziel zu kommen. Der abstrakte Philosoph und der religiöse Philosoph gehen von derselben Verwirrung aus und fußen auf der selben Angst. Wesentlich ist die Auslegung. Die Sehnsucht ist hier stärker als das Wissen. Es ist bezeichnend, daß das denken unserer Zeit – wie selten ein Denken – von einer philosophisch begründeten Sinnlosigkeit der Welt durchdrungen und gleichzeitig in seinen Schlüssen äußerst zerrissen ist. Es schwankt fortwährend zwischen der äußersten Rationalisierung des Wirklichen, die zu dessen Zerstückelung in Vernunft-Typen verleitet, und seiner äußersten Irrationalisierung, die zu seiner Vergötterung verführt. Dieser Zwiespalt ist aber nur scheinbar. Es geht darum, sich wieder auszusöhnen, und dazu genügt in beiden Fällen der Sprung.“ (Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde, Hamburg 1959, S. 44f. )