Archiv der Kategorie 'Arendt'

Hannah Arendt über Herrschaft

Aber dieser Niemand, nämlich die hypothetische Einheitlichkeit des ökonomischen Gesellschaftsinteresses wie die hypothetische Einstimmigkeit der gängigen Meinungen in den Salons der guten Gesellschaft, regiert deshalb nicht weniger despotisch, weil er an keine Person gebunden ist. Wir kennen das Phänomen der Herrschaft dieses Niemands nur zu gut von den “sozialsten” aller Staatsformen, nämlich der Bürokratie, die nicht zufällig im letzten Stadium der nationalstaatlichen Entwicklung zur Herrschaft kommt, nämlich einer Entwicklung, deren Anfang durch die absolute Monarchie des aufgeklärten Despotismus gekennzeichnet war. Die Herrschaft des Niemand ist so wenig Nicht-Herrschaft, dass sie sich unter gewissen Umständen sogar als eine der grausamsten und tyrannischsten Herrschaftsformen entpuppen kann. (Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München u.a. 2002, S. 51. )