Archiv der Kategorie 'Adorno'

Taubstummenanstalt – Theodor W. Adorno

„Während die Schulen die Menschen im Reden drillen wie in der ersten Hilfe für die Opfer von Verkehrsunfällen und im Bau von Segelflugzeugen, werden die Geschulten immer stummer. Sie können Vorträge halten, jeder Satz qualifiziert sie fürs Mikrophon, vor das sie als Stellvertreter des Durchschnitts plaziert werden, aber die Fähigkeit miteinander zu sprechen erstickt. Sie setzte mitteilenswerte Erfahrung, Freiheit zum Ausdruck, Unabhängigkeit zugleich und Beziehung voraus. Im allumgreifenden System wird Gespräch zur Bauchrednerei. Jeder ist sein eigener Charlie McCarthy: daher dessen Popularität. Insgesamt werden die Worte den Formeln gleich, die ehedem der Begrüßung und dem Abschied vorbehalten waren. Ein mit Erfolg auf die jüngsten Desiderate hin erzogenes Mädchen etwa müßte in jedem Augenblick genau sagen, was diesem als einer „Situation“ angemessen ist, und wofür probate Anweisungen vorliegen.

Solcher Determinismus der Sprache durch Anpassung aber ist ihr Ende: die Beziehung zwischen Sache und Ausdruck ist durchschnitten, und wie die Begriffe der Positivisten bloß noch Spielmarken sein sollen, so sind die der positivistischen Menschheit buchstäblich zu Münzen geworden. Es geschieht den Stimmen der Redenden, was der Einsicht der Psychologie zufolge der des Gewissens widerfuhr, von deren Resonanz alle Rede lebt: sie werden bis in den feinsten Tonfall durch einen gesellschaftlich präparierten Mechanismus ersetzt. Sobald er nicht mehr funktioniert, Pausen eintreten, die in den ungeschriebenen Gesetzbüchern nicht vorgesehen waren, folgt Panik. Um ihretwillen hat man sich auf umständliches Spiel und andere Freizeitbeschäftigungen verlegt, die von der Gewissenslast der Sprache dispensieren sollen. Der Schatten der Angst aber fällt verhängnisvoll über die Rede, die noch übrig ist. Unbefangenheit und Sachlichkeit in der Erörterung von Gegenständen verschwinden noch im engsten Kreis, so wie in der Politik längst die Diskussion vom Machtwort abgelöst ward.

Das Sprechen nimmt einen bösen Gestus an. Es wird sportifiziert. Man will möglichst viele Punkte machen: keine Unterhaltung, in die nicht wie ein Giftstoff die Gelegenheit zur Wette sich eindrängte. Die Affekte, die im menschenwürdigen Gespräch dem Behandelten galten, heften sich verbohrt ans pure Rechtbehalten, außer allem Verhältnis zur Relevanz der Aussage. Als reine Machtmittel aber nehmen die entzauberten Worte magische Gewalt über die an, die sie gebrauchen. Immer wieder kann man beobachten, daß einmal Ausgesprochenes, mag es noch so absurd, zufällig oder unrecht sein, weil es einmal gesagt ward, den Redenden als sein Besitz so tyrannisiert, daß er nicht davon ablassen kann. Wörter, Zahlen, Termine machen, einmal ausgeheckt und geäußert, sich selbständig und bringen jedem Unheil, der in ihre Nähe kommt. Sie bilden eine Zone paranoischer Ansteckung, und es bedarf aller Vernunft, um ihren Bann zu brechen.

Die Magisierung der großen und nichtigen politischen Schlagworte wiederholt sich privat, bei den scheinbar neutralsten Gegenständen: die Totenstarre der Gesellschaft überzieht noch die Zelle der Intimität, die vor ihr sich geschützt meint. Nichts wird der Menschheit nur von außen angetan: das Verstummen ist der objektive Geist.“ (Theodor W. Adorno – Zitiert aus: „Minima Moralia“ S. 155ff | Oder auch hier auf Seite 79)

Was jeder zeigen muss

„Das Verhalten des Einzelnen zum Racket, sei es Geschäft, Beruf oder Partei, sei es vor oder nach der Zulassung, die Gestik des Führers vor der Masse, des Liebhabers vor der Umworbenen nimmt eigentümlich masochistische Züge an. Die Haltung, zu der jeder gezwungen ist, um seine moralische Eignung für diese Gesellschaft immer aufs neue unter Beweis zu stellen, gemahnt an jene Knaben, die bei der Aufnahme in den Stamm unter den Schlägen des Priesters stereotyp lächelnd sich im Kreis bewegen. Das Existieren im Spätkapitalismus ist ein dauernder Initiationsritus. Jeder muß zeigen, daß er sich ohne Rest mit der Macht identifiziert, von der er geschlagen wird. […] Jeder kann sein wie die allmächtige Gesellschaft, jeder kann glücklich werden, wenn er sich nur mit Haut und Haaren ausliefert, den Glücksanspruch zediert. In seiner Schwäche erkennt die Gesellschaft ihre Stärke wieder und gibt ihm davon ab. Seine Widerstandslosigkeit qualifiziert ihn als zuverlässigen Kantonisten.“ (Max Horkheimer + Theodor W. Adorno, in „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente“ – Seite 162)

Adorno über Rationalität & Irrationalität

„Nicht nur naive Menschen trachten vergebens, die Konsequenzen der durchorganisierten und doch ihrer selbst unbewußten Gesamtverfassung für ihre eigene Existenz zu durchschauen; die objektiven Antagonismen als solche steigern sich bis zum Unbegreiflichen, zur Drohung der losgelassenen Technik, der alle Anstrengung der ratio galt. Aus dem Mittel, das Dasein zu verbessern, schickt jene sich an, in den Selbstzweck seiner absoluten Negation umzuschlagen. Wer unter der gegenwärtigen objektiven Unvernuft des Ganzen überleben will, gerät in Versuchung, es einfach hinzunehmen, ohne über Absurditäten wie das Verdikt der subjektlosen Sterne viel zu staunen. Die Verhältnisse trotz allem rational zu durchdringen, wäre unbequem nicht bloß der intellektuellen Anstrengung wegen. […] Die Diskrepanz von rationalen und irrationalen Momenten in der Konstruktion des Horoskops ist Nachhall der Spannung in der gesellschaftlichen Rationalität selbst. Vernünftig sein heißt in ihr nicht: irrationale Bedingungen in Frage zu stellen, sondern aus ihnen das Beste zu machen.“ (Theodor W. Adorno: Aberglaube aus zweiter Hand, in: ders.: Soziologische Schriften I, 1979, S. 152f.)

Adorno zur Forderung nach Produktion zur Bedürfnisbefriedigung

„Die Forderung nach Produktion lediglich zur Befriedigung von Bedürfnissen gehört selber der Vorgeschichte an, einer Welt, in der nicht für Bedürfnisse, sondern für Profit und Etablierung der Herrschaft produziert wird, und wo deshalb Mangel herrscht. Ist der Mangel verschwunden, so wird die Relation von Bedürfnis und Befriedigung sich verändern. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der Zwang, fürs Bedürfnis in seiner durch den Markt vermittelten und dann fixierten Form zu produzieren, eines der Hauptmittel, die Menschen bei der Stange zu halten. Es darf nichts gedacht, geschrieben, getan und gemacht werden, was über diese Gesellschaft hinausginge, die sich weitgehend durch die Bedürfnisse der ihr Ausgelieferten hindurch an der Macht hält. Es ist unvorstellbar, daß der Zwang zur Bedürfnisbefriedigung in der klassenlosen Gesellschaft als Fessel der produktiven Kraft fortbesteht. Die bürgerliche Gesellschaft hat den ihr immanenten Bedürfnissen weithin die Befriedigung versagt, dafür aber die Produktion durch den Verweis eben auf die Bedürfnisse in ihrem Bannkreis festgehalten. Sie war so praktisch wie irrational. Die klassenlose, die die Irrationalität abschafft, in welche die Produktion für Profit verwickelt, und die Bedürfnisse befriedigt, wird ebenso den praktischen Geist abschaffen, der noch in der Zweckferne des bürgerlichen l’art pour l’art sich geltend macht. Sie hebt nicht nur den bürgerlichen Antagonismus von Produktion und Konsum, sondern auch deren bürgerliche Einheit auf. Daß etwas unnütz sei, ist dann keine Schande mehr. Anpassung verliert ihren Sinn. Die Produktivität wird nun erst im eigentlichen, nicht entstellten Sinn aufs Bedürfnis wirken: nicht indem das unbefriedigte mit Unnützem sich stillen läßt, sondern indem das gestillte vermag, zur Welt sich zu verhalten, ohne sie durch universale Nützlichkeit zuzurichten. Wenn die klassenlose Gesellschaft das Ende der Kunst verspricht, indem sie die Spannung von Wirklichem und Möglichem aufhebt, so verspricht sie zugleich auch den Anfang der Kunst, das Unnütze, dessen Anschauung auf die Versöhnung mit der Natur tendiert, weil es nicht länger im Dienste des Nutzens für die Ausbeuter steht.“ ( Theodor W. Adorno: Thesen über Bedürfnis, in: ders.: Soziologische Schriften I, Gesammelte Schriften, Band 8, S. 395f. )

Adorno: Vorlesung über negative Dialektik

„Und Hegel hat, das muß man hier zunächst einmal hervorheben, durch seine Kritik an dem Schein, daß das, was einem das Nächste ist, nämlich das je eigene Selbst und sein Bewußtsein, nun auch tatsächlich das schlechthin Fundamentale und Erste sei, dann gerade auch zur Einsicht in die Gesellschaft und in das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft Entscheidendes beigetragen. Es wäre eigentlich eine Theorie der Gesellschaft, wie wir sie heute meinen, ohne diese Hegelsche Einsicht überhaupt gar nicht möglich gewesen. – Er hat also, sage ich, den Schein des Ansichseins des Subjekts zerstört und dargetan, daß es selbst Moment der sozialen Objektivität ist. Und er hat weiter die Notwendigkeit abgeleitet, daß gegenüber dieser abstrakten Subjektivität das gesellschaftliche Moment als das Stärkere sich durchsetzt. Aber – und das ist der Punkt, würde ich sagen, an dem genau nun jene kritische Überlegegung zu Hegel anzusetzen haben, die die Formulierung einer negativen Dialektik eigentlich rechtfertigen – es ist die Frage aufzuwerfen, ob nun tatsächlich diese als notwendige Bedingung dargetane und das abstrakte Subjekt unter sich subsumierende Objektivität tatsächlich das Höhere sei; oder ob sie nicht vielmehr das bleibt, was Hegel in seiner Jugend ihr vorgeworfen hat; nämlich eben das Äußerliche, das zwanghafte Kollektive; ob nicht der Rückzug auf diese vermeintlich höhere Instanz eine Regression des Subjekts bedeute, das seine Freiheit mit unendlicher Qual, mit Mühe errungen hat. Es ist nicht einzusehen, warum durch die Einsicht in den Zwangsmechanismus, der die Subjektivität und das Denken an die ihm gegenüberstehende Objektivität bindet, und angesichts der Abhängigkeit, die besteht, und angesichts der, ich möchte sagen: Logik der Tatsache, die dann zu dem Triumph der Objektivität führt, diese nun auch notwendig recht behalten müsse. Es liegt darin ein Moment von Gewissenszwang, wie ich es am stärksten erfahren habe in der Auseinandersetzung mit dem hegelianischen Marxisten, nämlich in unserer Jugend mit Georg Lukács, der damals gerade einen Konflikt mit seiner Partei hinter sich hatte und in diesem Zusammenhang mir erzählt hat, seine Partei habe ihm gegenüber recht, obwohl er der Partei gegenüber in seinen Gedanken und Argumenten recht habe, – weil die Partei eben den objektiven geschichtlichen Stand verkörpere, während sein, für ihn und der bloßen Logik des Denkens nach, fortgeschrittenerer Stand hinter diesem objektiven Stand zurückgeblieben sei.“ (Theodor W. Adorno (2007, zrst. 1965): Vorlesung über negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66, Hg.: Tiedemann, Frankfurt a. Main, Suhrkamp: S. 30 f. (Hh.: Tiedemann))