Kalkül und Wahn, Vertrauen und Gewalt

„Prognosen sind schwierig. Gleichwohl: Die Gesellschaft der totalen Konkurrenz ist in heller Panik, sie wird sich zersetzen und zerstören. Unmöglich noch kann sie die Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Existenz aus sich selbst heraus reproduzieren: Der vollendet autistische Selbstbezug des Kapitals, die losgelassene Akkumulation um der Akkumulation willen, die »Plusmacherei« (Marx) rutscht ins historische Minus, zerbricht an sich und eben daran, dass die Gesellschaftlichkeit der Individuen als Subjekte bloß auf dem generalisierten Ausschluss aller durch alle gründet, der, eben in den Formen von Wert, Geld, Kapital, den totalen Einschluss stiftet, d.h.: die gesellschaftliche Synthesis als vollendet negative.

Das ist gewiss paradox: die unbedingte gesellschaftliche Einheit in der Form des totalisierten Atomismus; ein Paradox jedoch, das im Geld dingliche Gewalt annimmt und gar zum »logischen Rätsel« wird (FAZ). In der Panik wird sich die falsche Gesellschaft ihres eigenen Widersinns inne, allerdings in einer nur noch verrückteren Form, einer Form, die das bankrotte Kalkül der Ökonomie vermittels des Wahns der Politik zu therapieren verspricht, tatsächlich zu überbieten sucht: der Form eines paranoiden Souveräns, der den Triumph des Willens über den kapitalen Sachzwang beschwört und so gerade die »Angst vor dem Chaos« (Joachim Schumacher) schürt, darin die Flucht nach vorn anpeitscht und so den autoritären Staat provoziert, den Ausnahmezustand, d.h. auf die ursprünglich faschistische Situation: Denn nichts anderes ist der »Preis des Marktes« als das politisch, vermittels des Gewaltmonopols auf Leben und Tod erzwungene Opfer der Individuen.

Der Staat soll es sein, der die bankrotte Identität von Wert und Geld heilen soll. Nicht, wie die Volkswirte, Staatssozialisten und andere Ideologen proklamieren, indem er eine »Vertrauenskrise« therapiert, in der »individuell rationales Verhalten in kollektive Irrationalität münden kann« (Welt am Sonntag, 12. Oktober 2008), sondern indem er den Wahn des Kalküls selbst veröffentlicht, zur Pflicht erhebt und als neue Unmittelbarkeit setzt. Der Souverän weiß so wenig wie seine Ideologen, was Geld, was Wert, was Kapital, was gar ein »monetärer Transmissionsmechanismus« (FAZ, 10. Oktober 2008) sein soll, und die der Natur geplünderten Metaphern, die vorgeben, dem Publikum einen Begriff der Sache zu verschaffen, sind nichts als die zu Lügen gewordenen Rationalisierungen des Widersinns, die sie selber glauben müssen: »Erdbeben an den Aktienmärkten, Trockenheit an den Geldmärkten, Wirbelstürme über den Rohstoffmärkten.« (FAZ, 13. Oktober 2008) Der Vesuv bricht aus; in Pompeji streiten sich die Vulkanologen, ob der tendenzielle Fall der Profitrate schuld ist. Die Ideologie des Kapitals kaschiert sich als legitime Meinung, aber deren Pluralismus ist die Selbstvergatterung zur totalitären Propaganda, zum geselligen Schwur auf den Wahn: die »Analysten« an der Arbeit.

Man soll ganz ruhig sitzen bleiben im Kino, wenn es brennt, denn draußen wartet erst recht das Inferno: ein überflüssiges Kapitel mehr aus dem Märchenbuch vom ›kleineren Übel‹. Außer der Panik, die das Kapital lostritt, außer dem blanken Chaos, mit dem der Staat droht, soll es nichts mehr geben als das Nichts schlechthin. Wenn die Wirtschaftsexperten meinen, dass »das Finanzsystem sich derzeit mit einem menschlichen Körper vergleichen lässt, in dem alle Organe das Blut, das sie gerade angesammelt haben, bei sich behalten und nur noch wenig in den Kreislauf abgeben« (FAZ, 6. Oktober 2008), dann steckt hinter dem elenden Gedankenbildchen vom Geld als dem Blut der Wirtschaft die Drohung, dass Blut fließen wird und muss, um die Gesellschaft ins Kapitalverhältnis einzusperren.

Je lauter, je aufdringlicher die Propaganda vom »Vertrauen der Bürger« (FAZ, 6. Oktober 2008) als der anthropologischen Basis des Kapitals sich andreht, desto mehr ermächtigt sich »Vater Staat« als »Hüter des Gemeinwohls« (FAZ, 8. Oktober 2008) zu der Gewalt, mit der der Konsens erzwungen werden wird. Noch einmal die FAZ: Der drohende Zusammenbruch des Kapitals darf »kein Grund« sein, »an der grundsätzlich segensreichen Wirkung der Marktwirtschaft zu zweifeln«; wer es trotzdem tut, »der möge nach Nordkorea auswandern« (8. Oktober 2008), bevor man ihn sonstwohin deportiert. Und die Welt am Sonntag merkt an: »Wenn wir in der gegenwärtigen Krise etwas brauchen, dann ist es nicht eine Marktagnostik, sondern einen neuen metaphysischen Vertrauens­schub.«

Im Kapitalismus geht es zu wie in der Kirche. Solange alle gläubig sind wie die Hammel, so lange vollzieht sich das profitable Wunder der Wandlung von Südtiroler Bauernblut zum Fusel Christi. Die Skeptiker, Agnostiker und Kritikaster müssen raus, damit »die neue Liebe zum Staat« (FAZ, 8. Oktober 2008) Wurzeln schlagen kann: Bevor der Anti-Christ, der Kommunismus, kommen kann, bevor »der besten aller Lebensformen, der Sozialen Marktwirtschaft mit freiem Unternehmertum« (FAZ, 13. Oktober 2008) der längst verdiente Garaus bereitet wird.“ ( Weiterlesen: http://jungle-world.com/artikel/2008/43/27221.html )