Die Anatomie der schreibenden Mehrheit

„Die letzten zwei Jahre haben eindrucksvoll belegt, daß breite Schichten der Bevölkerung bereit sind, von jeglichen Tatsachen und Argumenten abzusehen, sobald es gegen Ausländer und Unterschichten (Sarrazin), Intellektuelle (Guttenberg) oder Juden (Grass) geht. Da steckt ein tiefer Unwille gegen das Andere im Mob, und das Web 2.0 ist die Plattform, in der sich diese irrationale Stimmung äußern und ihre Dynamik entfalten kann. Es kann daher mit Fug der widerlichste Öffentlichkeitsraum der Weltgeschichte genannt werden. Weder die Agora noch der Buchdruck noch die Zeitung, ja nicht einmal Hör- und Fernsehfunk haben den Un- und Wahnsinn in so hoher Dichte und in solchem Ausmaß befördert. Und nichts hat je mit solch synergetischer Dynamik dafür sorgt, daß Wahn den Wahn noch steigert. Kein Medium ist als solches schlecht, aber es gibt durchaus Medien, die sich mehr als andere zum Verbreiten des Unsinns eignen. Das nämlich ist das Web 2.0: ein viel zu groß geratener Leserbrief. Hier ist der Ort, wo Wahnsinn und Narrheit einander Gute Nacht sagen und der vormals bloß in seinen TV-Kasten hineinschimpfende Durchschnittsbürger endlich seine Macht fühlt, weil er merkt, daß er nicht allein ist. Hier ziehen die digitalen Rackets einmal im Quartal los, um ihren unstillen Helden Beihilfe bei deren Unverschämtheiten zu leisten. Der Schwachsinn wird zur materiellen Gewalt, sobald er die Massen ergreift. Das Web 2.0 hat aus der schweigenden Mehrheit eine schreibende gemacht.“ (Felix Bartels: Die Anatomie der schreibenden Mehrheit)