Adorno zur Forderung nach Produktion zur Bedürfnisbefriedigung

„Die Forderung nach Produktion lediglich zur Befriedigung von Bedürfnissen gehört selber der Vorgeschichte an, einer Welt, in der nicht für Bedürfnisse, sondern für Profit und Etablierung der Herrschaft produziert wird, und wo deshalb Mangel herrscht. Ist der Mangel verschwunden, so wird die Relation von Bedürfnis und Befriedigung sich verändern. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der Zwang, fürs Bedürfnis in seiner durch den Markt vermittelten und dann fixierten Form zu produzieren, eines der Hauptmittel, die Menschen bei der Stange zu halten. Es darf nichts gedacht, geschrieben, getan und gemacht werden, was über diese Gesellschaft hinausginge, die sich weitgehend durch die Bedürfnisse der ihr Ausgelieferten hindurch an der Macht hält. Es ist unvorstellbar, daß der Zwang zur Bedürfnisbefriedigung in der klassenlosen Gesellschaft als Fessel der produktiven Kraft fortbesteht. Die bürgerliche Gesellschaft hat den ihr immanenten Bedürfnissen weithin die Befriedigung versagt, dafür aber die Produktion durch den Verweis eben auf die Bedürfnisse in ihrem Bannkreis festgehalten. Sie war so praktisch wie irrational. Die klassenlose, die die Irrationalität abschafft, in welche die Produktion für Profit verwickelt, und die Bedürfnisse befriedigt, wird ebenso den praktischen Geist abschaffen, der noch in der Zweckferne des bürgerlichen l’art pour l’art sich geltend macht. Sie hebt nicht nur den bürgerlichen Antagonismus von Produktion und Konsum, sondern auch deren bürgerliche Einheit auf. Daß etwas unnütz sei, ist dann keine Schande mehr. Anpassung verliert ihren Sinn. Die Produktivität wird nun erst im eigentlichen, nicht entstellten Sinn aufs Bedürfnis wirken: nicht indem das unbefriedigte mit Unnützem sich stillen läßt, sondern indem das gestillte vermag, zur Welt sich zu verhalten, ohne sie durch universale Nützlichkeit zuzurichten. Wenn die klassenlose Gesellschaft das Ende der Kunst verspricht, indem sie die Spannung von Wirklichem und Möglichem aufhebt, so verspricht sie zugleich auch den Anfang der Kunst, das Unnütze, dessen Anschauung auf die Versöhnung mit der Natur tendiert, weil es nicht länger im Dienste des Nutzens für die Ausbeuter steht.“ ( Theodor W. Adorno: Thesen über Bedürfnis, in: ders.: Soziologische Schriften I, Gesammelte Schriften, Band 8, S. 395f. )