Archiv für April 2014

Die Veränderung des autoritären Charakters

„Die Frage, weshalb die Individuen faschistischer Ideologien, autoritärer Krisenlösungen oder der Sicherheit in der Gemeinschaft bedürfen, hat an Aktualität keineswegs verloren. […] Das zentrale Merkmal der autoritären Persönlichkeit ist nach Adorno und Fromm eine sado-masochistische Charakterstruktur. Dieser entspricht zum einen die Unterwerfung gegenüber Autoritäten, wobei alle Ambivalenzen des Unterwerfungsaktes, also die Triebunterdrückung und Aggression gegen die Autorität, abgespalten werden. Zum anderen verlangen die abgespaltenen Anteile eine Abfuhr und werden deshalb auf Personengruppen, die nicht zum Kollektiv definiert werden, oder Schwächere übertragen und an ihnen bekämpft.“ (Weiterlesen: Zum Verhältnis gesellschaftlicher Bedingungen und Subjektentwicklung)

Adorno über Rationalität & Irrationalität

„Nicht nur naive Menschen trachten vergebens, die Konsequenzen der durchorganisierten und doch ihrer selbst unbewußten Gesamtverfassung für ihre eigene Existenz zu durchschauen; die objektiven Antagonismen als solche steigern sich bis zum Unbegreiflichen, zur Drohung der losgelassenen Technik, der alle Anstrengung der ratio galt. Aus dem Mittel, das Dasein zu verbessern, schickt jene sich an, in den Selbstzweck seiner absoluten Negation umzuschlagen. Wer unter der gegenwärtigen objektiven Unvernuft des Ganzen überleben will, gerät in Versuchung, es einfach hinzunehmen, ohne über Absurditäten wie das Verdikt der subjektlosen Sterne viel zu staunen. Die Verhältnisse trotz allem rational zu durchdringen, wäre unbequem nicht bloß der intellektuellen Anstrengung wegen. […] Die Diskrepanz von rationalen und irrationalen Momenten in der Konstruktion des Horoskops ist Nachhall der Spannung in der gesellschaftlichen Rationalität selbst. Vernünftig sein heißt in ihr nicht: irrationale Bedingungen in Frage zu stellen, sondern aus ihnen das Beste zu machen.“ (Theodor W. Adorno: Aberglaube aus zweiter Hand, in: ders.: Soziologische Schriften I, 1979, S. 152f.)

Horkheimer über die gegenwärtige Gesellschaftsform

„Es wird heftig bestritten, dass die materielle Lage den Menschen bestimme, aber in den extremen Fällen tritt dieser Umstand so offen zutage, daß die Leugnung ausgeschlossen ist. […] Wenn ein großzügiger und kluger Mensch […] ins Zuchthaus gesperrt wird, so daß sich während der Dauer von zehn Jahren sein Leben in den Zellen und Korridoren eines dieser furchtbaren Gebäude abspielt, dann reduzieren sich auch seine Bedürfnisse und Ängste, seine Interessen und Freuden immer mehr auf das winzige Maß dieses armseligen Daseins. […] Die Geburt der meisten Menschen geschieht in das Zuchthaus hinein. Gerade deshalb ist die gegenwärtige Gesellschaftsform, der sogenannte Individualismus, in Wahrheit eine Gesellschaft der Gleichmacherei und der Massenkultur“ (Horkheimer, Max: Dämmerung. Notizen in Deutschland, in: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 2. Hg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr. Frankfurt/M. 1987, S. 355f.)

Adorno zur Forderung nach Produktion zur Bedürfnisbefriedigung

„Die Forderung nach Produktion lediglich zur Befriedigung von Bedürfnissen gehört selber der Vorgeschichte an, einer Welt, in der nicht für Bedürfnisse, sondern für Profit und Etablierung der Herrschaft produziert wird, und wo deshalb Mangel herrscht. Ist der Mangel verschwunden, so wird die Relation von Bedürfnis und Befriedigung sich verändern. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der Zwang, fürs Bedürfnis in seiner durch den Markt vermittelten und dann fixierten Form zu produzieren, eines der Hauptmittel, die Menschen bei der Stange zu halten. Es darf nichts gedacht, geschrieben, getan und gemacht werden, was über diese Gesellschaft hinausginge, die sich weitgehend durch die Bedürfnisse der ihr Ausgelieferten hindurch an der Macht hält. Es ist unvorstellbar, daß der Zwang zur Bedürfnisbefriedigung in der klassenlosen Gesellschaft als Fessel der produktiven Kraft fortbesteht. Die bürgerliche Gesellschaft hat den ihr immanenten Bedürfnissen weithin die Befriedigung versagt, dafür aber die Produktion durch den Verweis eben auf die Bedürfnisse in ihrem Bannkreis festgehalten. Sie war so praktisch wie irrational. Die klassenlose, die die Irrationalität abschafft, in welche die Produktion für Profit verwickelt, und die Bedürfnisse befriedigt, wird ebenso den praktischen Geist abschaffen, der noch in der Zweckferne des bürgerlichen l’art pour l’art sich geltend macht. Sie hebt nicht nur den bürgerlichen Antagonismus von Produktion und Konsum, sondern auch deren bürgerliche Einheit auf. Daß etwas unnütz sei, ist dann keine Schande mehr. Anpassung verliert ihren Sinn. Die Produktivität wird nun erst im eigentlichen, nicht entstellten Sinn aufs Bedürfnis wirken: nicht indem das unbefriedigte mit Unnützem sich stillen läßt, sondern indem das gestillte vermag, zur Welt sich zu verhalten, ohne sie durch universale Nützlichkeit zuzurichten. Wenn die klassenlose Gesellschaft das Ende der Kunst verspricht, indem sie die Spannung von Wirklichem und Möglichem aufhebt, so verspricht sie zugleich auch den Anfang der Kunst, das Unnütze, dessen Anschauung auf die Versöhnung mit der Natur tendiert, weil es nicht länger im Dienste des Nutzens für die Ausbeuter steht.“ ( Theodor W. Adorno: Thesen über Bedürfnis, in: ders.: Soziologische Schriften I, Gesammelte Schriften, Band 8, S. 395f. )

Triebstruktur & Gesellschaft – Herbert Marcuse

„Die Rationalisierung und Mechanisierung der Arbeit reduzieren allmählich das Quantum an Triebenergie, das in die Kanäle mühseliger Anstrengungen (entfremdeter Arbeit) geleitet werden mußte und stellen damit Energien frei, die sich der Erreichung von Zielen zuwenden können, wie das freie Spiel individueller Fähigkeiten sie setzt. Die Technik arbeitet insofern gegen die repressive Ausnützung von Energie, als sie die für den lebensnotwendigen Produktionsprozeß erforderliche Zeit verringert und dadurch Zeit für die Entwicklung von Bedürfnissen jenseits des Bereichs des Notwendigen und Unerläßlichen zur Verfügung stellt. Aber je näher die reale Möglichkeit rückt, den Einzelnen von den ehemals durch Mangel und Unreife gerechtfertigten Einschränkungen zu befreien, desto mehr steigert sich die Notwendigkeit, diese Einschränkungen aufrecht zu erhalten und immer funktionstüchtiger zu gestalten, damit sich die bestehende Ordnung nicht auflöst. Die Zivilisation muß sich gegen das Traumbild einer Welt verteidigen, die frei sein könnte.“ (Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft. S. 94 f.)

„Die Ewigkeit, längst schon der letzte Trost eines entfremdeten Daseins, war durch die Verweisung auf eine transzendentale Welt zu einem Instrument der Unterdrückung geworden – ein unwirklicher Lohn für wirkliche Leiden. Hier wird dir Ewigkeit für die schöne Erde zurückgefordert – als die immerwährende Wiederkehr ihrer Kinder, der Lilien und Rosen, der Sonne über den Bergen und Seen, der Liebenden und der Geliebten, der Angst um ihr Leben, des Schmerzes und des Glücks. Der Tod ist, besiegt wird er nur, wenn er von der wirklichen Wiedergeburt alles dessen gefolgt wird, was vor dem Tode hier auf Erden war – nicht als bloße Wiederholung, sondern als gewollte und gewünschte Wieder-Schöpfung. […] Der Kampf wird in dem Antagonismus zwischen Sein und Werden deutlich, zwischen der ansteigenden Linie und dem Kreis, zwischen Fortschritt und ewiger Wiederkehr, zwischen Transzendenz und Ruhe in Erfüllung. Es ist der Kampf zwischen der Logik der Herrschaft und dem Willen zur Lust.” (Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft. S. 122 ff.)

„Gleichgültig wie gerecht und rationell die materielle Produktion auch gestaltet wird, ein Gebiet der Freiheit und Befriedigung kann sie nie sein. Aber sie kann Zeit und Ernergie für das freie Spiel menschlicher Möglichkeiten außerhalb der entfremdeten Arbeitsbereiche freisetzen. Je vollständiger die Entfremdung der Arbeit, desto größer das Potential der Freiheit: die totale Automation wäre hier das Optimum. Es ist die Sphäre jenseits der Arbeitsleistung, die die Freiheit und die Erfüllung definiert, und es ist die Definition der menschlichen Existenz im Sinne dieser Sphäre, die die Verneinung des Leistungsprinzips ausmacht.” (Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft. S. 155 f.)