Das Ausbleiben einer kritischen Gewissensbildung

Das Kind, ob es sich, um zu bestehen, noch identifizieren muß oder nicht, konstituiert über die Bezugspersonen seiner verschiedenen Entwicklungsphasen eine neue Form größter Ich-Schwäche, die nicht mehr wie in der autoritären, sadomasochistischen Psyche ein eingeklemmtes, bedrohtes Ich meint, sondern ein zerfließendes, diffuses, grenzenloses Ich, das eben darum nur noch die eigenen Interessen im Auge behalten kann, wobei das egoistische Interesse mit dem der Konsumgesellschaft identisch ist. Identitätsdiffusion (oder Identitätsverlust) war nach Heintz das Ergebnis eines Konfliktes zwischen aktuellem Orientierungshorizont und innerer Kontrollinstanz, auf den das schwache Ich mit Realitätsflucht und Auflösung reagierte. Jetzt ist sie die Konsequenz nicht durchgeführter Konflikte schon vor und während der Konsolidierung des Selbst, da die von den Objektpersonen übernommenen Verhaltensmaßregeln und Erwartungsrollen nicht oder kaum mehr mit den Leistungszuordnungen der Außenwelt kollidieren, was auch die Voraussetzung von sich erkämpfender Ich-Stärke wäre. Um sein ‚Selbstgefühl‘ zu gewinnen – abgesehen von der tief eingeschliffenen Resignation vor der Selbstverständlichkeit des anonymen Apparats, die aber ständig belohnt wird – bedarf das infantil-narzißtische Ich außer der versicherten Konformität mit der ‚inneren Kontrollinstanz‘ nur noch der Anerkennung der jeweiligen Bezugsgruppen. Gewinnt es die fraglose Sympathie seiner peer-group, möchte es diese stabilisierte ‚Harmonie‘, von der das Selbstwertgefühl abhängt, nicht mehr missen. Auf eintretende Widerstände, Spannungen und Versagungen könnte der Ich-Schwache mit hoher Wahrscheinlichkeit nur infantilistisch regredieren, von kurz aufflackernden, aggressiv-asozialen Protesten und anhaltender Griesgrämigkeit abgesehen. Realitäts- und Lustprinzip konvergieren zu einem diffusen Abhängikeitszirkel, in dem Befriedigung und Frustration nahezu identisch werden. ‚Regression zum Lustprinzip‘ mangels affektiver Identifizierungsmögilchkeit ist daher schon eine ungenaue Umschreibung des Ausbleibens einer kritischen bzw. apologetischen Gewissensbildung, was eine spätere Auseinandersetzung des Halbwüchsigen mit der Gesellschaft unmöglcih macht.“ (Frank Böckelmann – „Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit“ – Seite 54 bis 55)