Archiv für August 2013

Gerhard Scheit über Améry

Redaktion Prodomo: Schon seit längerer Zeit beschäftigst Du Dich mit Jean Améry und seinem Werk. Was kann eine kritische Theorie der Gesellschaft von Améry lernen bzw. warum sollten sich Menschen, die sich um eine solche Theorie bemühen, mit Améry auseinandersetzen?

Gerhard Scheit: Améry brachte „die Veränderungen in den Gesteinsschichten der Erfahrung“, die durch Auschwitz bewirkt worden sind, in einer „geradezu bewundernswerten Weise zum Ausdruck“. So hat das einmal Adorno gesagt in einer seiner Vorlesungen, und zwar, nachdem er die Negative Dialektik bereits abgeschlossen hatte. Bei Améry, einem ihm „völlig unbekannten Autor“, fand er etwas vom Erfahrungsbegriff dieser Negativen Dialektik wieder und deren Kritik am Heideggerschen „Sein zum Tode“. Die prononcierte Übereinstimmung mit Améry lässt vermuten, dass es Adorno schon schwant, was man aus der Kritischen Theorie machen wird: einen Strukturalismus avant la lettre, eine Theorie ohne Erfahrungsbegriff, damit sie perfekt in den akademischen Betrieb eingepasst werden kann oder als eine Art sekundärer Marxismus funktioniert.

Durch die Erfahrung der Ohnmacht seiner selbst mächtig bleiben: Die Möglichkeit und Unmöglichkeit, diese Forderung einzulösen, ist Amérys Thema, wobei diese Ohnmacht als unmittelbare leibliche Bedrohung zu Ende gedacht wird, darin, dass „etwas Schlimmeres als der Tod“ (Adorno) zu fürchten ist: in der „Logik der Vernichtung“ im Lager, in der Tortur durch die Nazis und beim Antisemitismus als beständige Vernichtungsdrohung für die Juden. Diese Reflexion auf den Kern der Ohnmacht erlaubt es erst, den realen Verlust von Erfahrung in der unabsehbar vermittelten Gesellschaft so zu denken, dass er nicht fetischisiert wird, wie es der „Normalzustand“ der bürgerlichen Gesellschaft nahelegt, und die Fadenscheinigkeit dieses Zustands, den dahinter drohenden „Ausnahmezustand“, zu erfassen. Der Verlust von Erfahrung wird ja gerne zum Vorwand, die Welt wie Luhmann zu betrachten oder wie Foucault zu kritisieren; d. h. in Strukturen zu denken. „

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Marx: „Der Kommunismus…“

„Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus=Humanismus, als vollendeter Humanismus=Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflosung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“ (Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, in: MEW Bd. 40, S. 536)

Aufstand der Angepassten

„Uni­ver­si­tä­ten die­nen seit jeher der Kon­di­tio­nie­rung für Staat und Arbeits­markt. Die juris­ti­schen Fakul­tä­ten lie­fern treue Staats­die­ner, die auch als Rechts­an­wälte noch im Sinn des staat­li­chen Inter­es­ses auf­tre­ten. In den wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­chen Klit­schen den­ken Kopf­lan­ger über die Effek­ti­vie­rung der Pro­duk­tion, sprich: die bes­sere Aus­beu­tung der Arbeits­kraft nach. Und die geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tä­ten haben den Job über­nom­men, den frü­her die Theo­lo­gie hatte: Sie stel­len das ideo­lo­gi­sche Rüst­zeug der gan­zen Ver­an­stal­tung und begrün­den, warum es rich­tig und wich­tig sei, alle vier Jahre sein Kreuz auf dem Wahl­zet­tel zu machen, sich ehren­amt­lich zu enga­gie­ren, bis zum 67. Lebens­jahr zu schuf­ten und sich jeden Mor­gen für den Gang in die Wer­be­agen­tur oder den Taxi­stand – die zen­tra­len pro­spek­ti­ven Tätig­keits­fel­der der Geis­tes­wis­sen­schaft­ler unter Euch – zu dis­zi­pli­nie­ren. “ ( Aus: „Aufstand der Angepassten“ | Weiterlesen bei „No Tears for Krauts„)