Adorno: Vorlesung über negative Dialektik

„Und Hegel hat, das muß man hier zunächst einmal hervorheben, durch seine Kritik an dem Schein, daß das, was einem das Nächste ist, nämlich das je eigene Selbst und sein Bewußtsein, nun auch tatsächlich das schlechthin Fundamentale und Erste sei, dann gerade auch zur Einsicht in die Gesellschaft und in das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft Entscheidendes beigetragen. Es wäre eigentlich eine Theorie der Gesellschaft, wie wir sie heute meinen, ohne diese Hegelsche Einsicht überhaupt gar nicht möglich gewesen. – Er hat also, sage ich, den Schein des Ansichseins des Subjekts zerstört und dargetan, daß es selbst Moment der sozialen Objektivität ist. Und er hat weiter die Notwendigkeit abgeleitet, daß gegenüber dieser abstrakten Subjektivität das gesellschaftliche Moment als das Stärkere sich durchsetzt. Aber – und das ist der Punkt, würde ich sagen, an dem genau nun jene kritische Überlegegung zu Hegel anzusetzen haben, die die Formulierung einer negativen Dialektik eigentlich rechtfertigen – es ist die Frage aufzuwerfen, ob nun tatsächlich diese als notwendige Bedingung dargetane und das abstrakte Subjekt unter sich subsumierende Objektivität tatsächlich das Höhere sei; oder ob sie nicht vielmehr das bleibt, was Hegel in seiner Jugend ihr vorgeworfen hat; nämlich eben das Äußerliche, das zwanghafte Kollektive; ob nicht der Rückzug auf diese vermeintlich höhere Instanz eine Regression des Subjekts bedeute, das seine Freiheit mit unendlicher Qual, mit Mühe errungen hat. Es ist nicht einzusehen, warum durch die Einsicht in den Zwangsmechanismus, der die Subjektivität und das Denken an die ihm gegenüberstehende Objektivität bindet, und angesichts der Abhängigkeit, die besteht, und angesichts der, ich möchte sagen: Logik der Tatsache, die dann zu dem Triumph der Objektivität führt, diese nun auch notwendig recht behalten müsse. Es liegt darin ein Moment von Gewissenszwang, wie ich es am stärksten erfahren habe in der Auseinandersetzung mit dem hegelianischen Marxisten, nämlich in unserer Jugend mit Georg Lukács, der damals gerade einen Konflikt mit seiner Partei hinter sich hatte und in diesem Zusammenhang mir erzählt hat, seine Partei habe ihm gegenüber recht, obwohl er der Partei gegenüber in seinen Gedanken und Argumenten recht habe, – weil die Partei eben den objektiven geschichtlichen Stand verkörpere, während sein, für ihn und der bloßen Logik des Denkens nach, fortgeschrittenerer Stand hinter diesem objektiven Stand zurückgeblieben sei.“ (Theodor W. Adorno (2007, zrst. 1965): Vorlesung über negative Dialektik. Fragmente zur Vorlesung 1965/66, Hg.: Tiedemann, Frankfurt a. Main, Suhrkamp: S. 30 f. (Hh.: Tiedemann))