Archiv für Juni 2013

Radonic: Narzisstische Kränkung

„Adorno und Horkheimer gehen nicht von irgendwelchen naiv anthropologischen Annahmen über das »Wesen des Menschen« aus, sondern vom beschädigten Leben des einzelnen Subjekts und dem objektiven Verblendungszusammenhang, dessen – ja, man könnte sagen – klägliche Übersetzung dieses Zusammenhangs ins Individuum das Subjekt ist oder das Subjekt, soweit es überhaupt als solches als ein autonomes bezeichnet werden kann in unserer Gesellschaft. Voraussetzung einer »erfolgreichen Subjektkonstitution« ist für die überwältigende Mehrzahl der Menschen die funktionierende Verwertung der eigenen Ware, über die die aus bisherigen gesellschaftlichen Banden befreiten – also aus der feudalistischen Gesellschaft befreiten – einander atomisiert gegenüberstehenden Warenbesitzer noch verfügen. Und diese Ware ist – Sie können es sich denken natürlich – die Ware Arbeitskraft. Das heißt, der Erfolg oder Misserfolg der Verwertung liegt aber außerhalb des Einflussbereiches der einzelnen Subjekte. Daher bleibt diese Subjektivität in der bürgerlichen Gesellschaft Ideologie. Von einem beschädigten Subjekt ist also die Rede. Beschädigt ist es, weil es im Interesse der Selbsterhaltung gezwungen ist, an sich selbst Ansprüche zu stellen, die es aus sich selbst heraus gar nicht erfüllen kann, oder psychoanalytisch gesprochen: Das Subjekt ist gezwungen, sich fortdauernd narzisstisch zu besetzen; die narzisstische Kränkung ist aber gar nicht zu verhindern.[…]

Worüber wir jetzt sprechen angesichts dieses Kontextes, in den ich das versucht habe einzubetten, sind jetzt die psychologischen Auswirkungen dieser Gesellschaft auf das einzelne Individuum. Dafür ist eben, wie schon erwähnt, dieser Begriff des Narzissmus bzw. der narzisstischen Kränkung zentral, um zu verstehen, was mit den Individuen da psychologisch geschieht. Schon Freud führte in seinen späteren Werken den Narzissmus als zentralen Begriff ein. Und auch die Kritische Theorie arbeitete später mit der Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Narzissmus. Beim primären Narzissmus handelt es sich um ein Phänomen, das laut Freud jedem Kleinkind zu eigen ist. Freud spricht davon, dass ein Säugling polymorph pervers ist. Was heißt das? Der Säugling hat noch kein Ich, das etwas von der Außenwelt Unterschiedenes wäre, und ist sich selbst mit all seinen Körperorganen und -öffnungen Liebesobjekt. Bald jedoch erfährt das Kind – das ist der zentrale Punkt der primären narzisstischen Kränkung –, dass nicht alles nach seinem Wunsch geschieht, und nimmt die von außen kommenden Zwänge – natürlich insbesondere das Wegbleiben der Mutter – wahr. Notwendigerweise kommt es also zu einer Kränkung des primären Narzissmus in jedem Fall, bei jeder kindlichen Entwicklung sozusagen. Die Familie weist aber dabei einen Doppelcharakter auf. Sie bietet einerseits im Optimalfall – leider nicht sehr oft sehr optimal – einen Schutzraum, der die Entwicklung eines autonomen Individuums überhaupt ermöglicht, und ist aber gleichzeitig Sozialisationsagentur, also »Keimzelle der Gesellschaft«, wie Erich Fromm das formuliert hat. Durch die Auseinandersetzung mit den Eltern wird nicht nur ihre Autorität akzeptiert, sondern auch die gesellschaftlichen Prinzipien, die sie repräsentieren. Das konkrete Ausmaß an Triebverzicht ist aber – und jetzt kommen wir zu dem, was nicht naturnotwendig bei jeder kindlichen Entwicklung auftritt – in hohem Maße abhängig von der Einrichtung der Gesellschaft. Ohne die Notwendigkeit also eines Realitätsprinzips – also eine Anerkennung der Zugeständnisse, die man an die Realität nun mal machen muss in seinem Narzissmus – zu bestreiten, lässt sich der Inhalt dieses Realitätsprinzips historisch gesellschaftlich präzisieren. Herbert Marcuse unterscheidet deshalb im Gegensatz zu Freud, der das herrschende Realitätsprinzip als unabänderlich verallgemeinert hat, zwischen notwendiger und zusätzlicher Triebunterdrückung. Das ist also ein Punkt, wo die Kritische Theorie über die Psychoanalyse hinausgeht, denn während Freud eben die Zurichtung durch die Gesellschaft als unabänderlich annimmt, spricht die Kritische Theorie natürlich sehr wohl davon, dass es darum geht, diese Umstände als gesellschaftlich produziert zu begreifen und zwischen notwendiger und zusätzlicher Triebunterdrückung in dieser Gesellschaft zu unterscheiden, wie dies Herbert Marcuse tut. Die Lebensnot erfordert Arbeit, wie schon ausgeführt, Arbeit ist Mühsal und das Gegenteil von Lustbefriedigung. Somit gibt es einen notwendigen Triebverzicht. Also, man muss, wenn man Hunger hat, dieses Nachgehen der Lustbefriedung aufschieben, um sich was zu essen zu besorgen – ganz platt gesagt. Darüber hinaus standen aber die konkreten Formen des Realitätsprinzips bisher immer im Dienste von Herrschaft und beinhalteten eine zusätzliche Triebunterdrückung, die weit über das notwendige Maß hinausgeht.

Solange Menschen aber nicht die Fähigkeiten haben, diese zusätzlicheUnter drückung als solche zu erkennen, solange befinden sie sich im Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit der narzisstischen Aufwertung und der gleichzeitigen permanenten Kränkung des Individuums. Die Umstände seiner Selbsterhaltung sind nun mal prekär, die gesellschaftliche Reproduktion ist für das Individuum nicht durchschaubar und erscheint willkürlich. Die Erfordernisse der Selbsterhaltung erzwingen also aus diesen Gründen eine neue narzisstische Besetzung der eigenen Person, um diesen Kränkungen entgegenzuwirken. Dieser sogenannte sekundäre Narzissmus, also das narzisstische Zurückziehen auf die eigene Person, stellt sich dabei laut Adorno als eine verzweifelte Anstrengung des Individuums dar, wenigstens zum Teil das Unrecht zu kompensieren, dass in der Gesellschaft des universellen Tausches keiner je auf seine Kosten kommt – ausgehend von der These, dass wir in einer Gesellschaft leben, die nicht auf die Bedürfnisbefriedigung von Menschen, sondern auf Kapitalakkumulation ausgerichtet ist. Die Erfahrung der Ohnmacht kann also nicht zugelassen werden. Sie wird zu einem Gefühl der Ohmacht sedimentiert. Es tritt also das spezifisch Psychologische hinzu, so Adorno, dass nämlich die Individuen ihre Ohnmacht nicht erfahren, ihr nicht ins Auge zu sehen vermögen, sie müssen diese Erfahrung von der Ohnmacht zum Gefühl verarbeiten und psychologisch sedimentieren. Dieses Ohnmachtsgefühl steht aber im Widerspruch zur narzisstischen Besetzung der eigenen Person. Diese Zerrissenheit – und jetzt kommen wir wieder zurück zum Antisemitismus – führt zunächst mal zur Frage, wer daran Schuld ist. Die Antwort steht fest: »Ich nicht!« Damit ist also zunächst mal erklärt, warum das Individuum das Bedürfnis nach narzisstischer Aufwertung verspürt. Da es aber diese Zusammenhänge zwischen den auf ihn wirkenden Zwängen nicht erfassen kann, sucht es – zunächst mal ganz allgemein formuliert – Schuldige.“ (Aus dem Vortrag „Über die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie. Der Antisemitismus als narzisstische Kränkung und pathische Projektion.“ von Ljiljana Radonic: http://verteidigtisrael.blogsport.de/images/radonicktundpsych.pdf / MP3: http://kritischetheorie.bagrupowi.at/?p=14 oder auch: http://audioarchiv.blogsport.de/?p=177 )

Brecht: „Und ich dachte immer..“

“ Und ich dachte immer: die allereinfachsten Worte
Müssen genügen. Wenn ich sage, was ist
Muß jedem das Herz zerfleischt sein.
Daß du untergehst, wenn du dich nicht wehrst
Das wirst du doch einsehen.“ (Bertolt Brecht, 1955)

Erich Mühsam: Staatsverneinung

„Das Problem des Staates ist ein Problem der Macht. Menschen, einzelne oder in Gruppen verbundene, denen die Erringung der gesellschaftlichen Macht über die Mitmenschen gelungen ist, bedürfen eines zentralen Machtapparates, um die Unterworfenen auf die Dauer in ihrer ökonomischen Abhängigkeit zu halten. Es gibt keine andere Unterwerfung von Menschen unter die Macht anderer als ihre Fesselung in wirtschaftliche Hörigkeit. Das politische Zwangsinstrument dieser wirtschaftlichen Fesselung ist der Staat.

Die Staatsform, um die unter den jeweiligen Inhaber und Anwärtern der gesellschaftlichen Exekutivgewalt ein aufgeregtes und verwirrendes Geschrei tost, ist in Hinsicht der Funktion des Staates als Vollstreckungsorgan der ökonomischen Ausbeutung ohne alle Bedeutung. Mag das despotische Sultanat eines absoluten Herrschers, die konstitutionell eingeschränkte Monarchie, die faschistische Diktatur, die republikanische Demokratie oder die Oligarchie eines Parteivorstands ein Land regieren, – jede dieser Methoden erweist sich schon durch ihre zentralistische Struktur als dem Volksganzen übergeordnet, demnach als vom Volksganzen losgelöst, mithin als dem Volksganzen feindlich. Zentralismus bedeutet nichts anderes als Direktion von oben nach unten, Herrschaft der Verwaltung über Verwaltete, Befehlsgewalt der Schalterbeamten, Entmündigung der gesellschaftsbildenden Masse, Bürokratismus. Jedes zentralistische Gebilde kann nur als Machtapparat bestehen; Macht in gesellschaftlichem Sinne ist immer ökonomische Unterdrückung; also ist Staatsmacht in allen ihren Formen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten stets der Rechtsvorwand einer Klasse zur Beherrschung und Ausbeutung der andern Klasse.

Staat und Obrigkeit sind Synonyme: daher kann es keine anderen Staaten geben als Obrigkeitsstaaten. Staat und Klassengesellschaft sind Synonyme; daher kann es keine anderen Staaten geben als Klassenstaaten. Staat und Zentralismus sind Synonyme; daher kann es im Staat keine Organisation von unten nach oben, keinen ausbeutungslosen Sozialismus, keine Selbstbestimmung des Volkes, keine Zusammengehörigkeit der Gesamtheit, kein einheitliches Recht und kein Volksganzes geben.

Der Ursprung des Staates ruht in dem Bedürfnis nach ökonomischer Machtbefestigung. Das Prinzip des Staates, jedes Staates, ist die juristische Sicherung des Privilegs der Ausbeutung der gesellschaftlichen Arbeit durch eine schmarotzende Minderheit. Es ist völlig wahr, was die Marxisten sagen – nur ist diese Wahrheit, wie viele andere marxistische Erkenntnisse bedeutend älter als der Marxismus, – daß der Staat Produkt und Ausdruck der ökonomischen Klassendifferenzierung in der Gesellschaft ist. Aber die Marxisten übersehen oder unterschätzen einen Umstand von allgemeiner Geltung. Alle gesellschaftlichen Verhältnisse schaffen sich immer nur die Ausdrucksform, die durch ihre besondere Wesensart bedingt ist. Das bedeutet, daß die Organisationsform eines sozialen Zustandes nicht auf einem neuen, grundsätzlich verschiedenen, übertragenen werden kann. Der zentrale Staat wurde geschaffen als administrativer Apparat der gesellschaftlichen Ausbeutung; in seiner gegenwärtigen Gestalt als wesensloses Räderwerk eines öden bürokratischen Mechanismus ist er der präziseste Ausdruck des verfallsreifen Hochkapitalismus. Es ist nicht möglich, die kapitalistische Ausbeutung zu beseitigen, ohne das Gehäuse zu zerschlagen, daß der Kapitalismus sich zu seinem Wachstum gemäß seinen besonderen Bedürfnissen gebaut hat. Das hat zum Glück der russischen Revolution Lenin eingesehen gehabt, als er 1917 im Bunde mit Anarchisten und linken Sozialrevolutionären Bakunins Auffassung, daß der Staat nicht, wie Marx und Engels lehrten, zu erobern, sondern zu zerstören sei, zu praktischer Durchführung verhalf. Leider fielen jedoch die Bolschewiken nach vollbrachter Tat in den staatsautoritären marxistischen Aberglauben zurück und errichteten an Stelle des zertrümmerten zentralistischen Staatsapparates einen neuen der gleichen Struktur, in der naiven Meinung, in dem vom Kapitalismus für seine Methoden ersonnenen, für seine Ausbeutungszwecke temperierten Treibhause Sozialismus und Gleichheit, klassenlose Gemeinsamkeit und Autonomie der Räte entwickeln zu können. Die Verwaltung des Gemeinwesens durch die von den Arbeitsstätten aus von unten nach oben wirkende föderative Organisation der Räte, die von den revolutionären Kommunisten aller Schattierungen als Ziel angestrebte Räterepublik, kann niemals ein Staatsgebilde sein. Staat setzt Regierung voraus, das ist obrigkeitliche Befehlsgewalt und Rangordnung.“ (Erich Mühsam: Staatsverneinung – Weiterlesen)

Marx: „Wenn alle großen…“

„Wenn alle großen Städte sich nach dem Muster von Paris als Kommune organisierten, könnte keine Regierung diese Bewegung durch den plötzlichen Vorstoß der Reaktion unterdrücken. Gerade durch diesen vorbereitenden Schritt würde die Zeit für die innere Entwicklung, die Garantie der Bewegung gewonnen. Ganz Frankreich würde sich zu selbstätigen und sich selbst regierenden Kommunen organisieren, das stehende Heer würde durch die Volksmiliz ersetzt, die Armee der Staatsparasiten beseitigt, die klerikale Hierarchie durch die Schullehrer ersetzt, die Staatsgerichte in Organe der Kommune verwandelt werden; die Wahlen in die nationale Vertretung wären nicht mehr eine Sache von Taschenspielerstücken einer allmächtigen Regierung, sondern der bewusste Ausdruck der organisierten Kommunen; die Staatsfunktionen würden auf einige wenige Funktionen für allgemeine nationale Zwecke reduziert. Das ist also die Kommune – die politische Form der sozialen Emanzipation ….“ (Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, Dietz-Verlag Berlin 1963, S. 173)

„Wenn aber die genossenschaftliche Produktion nicht eitel Schein und Schwindel bleiben, wenn sie das kapitalistische System verdrängen, wenn die Gesamtheit der Genossenschaften die nationale Produktion nach einem gemeinsamen Plan regeln, sie damit unter ihre eigene Leitung nehmen und der beständigen Anarchie und den periodisch wiederkehrenden Konvulsionen, welche das unvermeidliche Schicksal der kapitalistischen Produktion sind, ein Ende machen soll – was wäre das andres, meine Herren, als der Kommunismus, der ‚mögliche Kommunismus‘?“ (Marx,
Bürgerkrieg in Frankreich“, Dietz Verlag Berlin, 1963, S. 77)

Marx: „In unsern Tagen…“

“ In unsern Tagen scheint jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger zu gehen. Wir sehen, daß die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern läßt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not. Die Siege der Wissenschaft scheinen erkauft durch Verlust an Charakter. In dem Maße, wie die Menschheit die Natur bezwingt, scheint der Mensch durch andre Menschen oder durch seine eigne Niedertracht unterjocht zu werden. Selbst das reine Licht der Wissenschaft scheint nur auf dem dunklen Hintergrund der Unwissenheit leuchten zu können. All unser Erfinden und unser ganzer Fortschritt scheinen darauf hinauszulaufen, daß sie materielle Kräfte mit geistigem Leben ausstatten und das menschliche Leben zu einer materiellen Kraft verdummen. ” (Karl Marx: Rede auf der Jahresfeier des “People’s Paper” am 14. April 1856 in London)