Archiv für Mai 2013

Adorno: Aufarbeitung der Vergangenheit

„Daß der Faschismus nachlebt; daß die vielzitierte Aufarbeitung der Vergangenheit bis heute nicht gelang und zu ihrem Zerrbild, dem leeren und kalten Vergessen, ausartete, rührt daher, daß die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen fortbestehen, die den Faschismus zeitigten. Er kann nicht wesentlich aus subjektiven Dispositionen abgeleitet werden. Die ökonomische Ordnung und, nach ihrem Modell, weithin auch die ökonomische Organisation verhält nach wie vor die Majorität zur Abhängigkeit von Gegebenheiten, über die sie nichts vermag, und zur Unmündigkeit. Wenn sie leben wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als dem Gegebenen sich anzupassen, sich zu fügen; sie müssen eben jene autonome Subjektivität durchstreichen, an welche die Idee von Demokratie appelliert, können sich selbst erhalten nur, wenn sie auf ihr Selbst verzichten. Den Verblendungszusammenhang zu durchschauen, mutet ihnen eben die schmerzliche Anstrengung der Erkenntnis zu, an welcher die Einrichtung des Lebens, nicht zuletzt die zur Totalität aufgeblähte Kulturindustrie, sie hindert. Die Notwendigkeit solcher Anpassung, die zur Identifikation mit Bestehendem, Gegebenem, mit Macht als solcher, schafft das totalitäre Potential. Es wird verstärkt von der Unzufriedenheit und der Wut, die der Zwang zur Anpassung selber produziert und reproduziert. Weil die Realität jene Autonomie, schließlich jenes mögliche Glück nicht einlöst, das der Begriff von Demokratie eigentlich verspricht, sind sie indifferent gegen diese, wofern sie sie nicht insgeheim hassen. Die politische Organisationsform wird als der gesellschaftlichen und ökonomischen Realität unangemessen erfahren; wie man selber sich anpassen muß, so möchte man, daß auch die Formen des kollektiven Lebens sich anpassen, um so mehr, als man von solcher Anpassung das streamlining des Staatswesens als eines Riesenunternehmens im keineswegs so friedlichen Wettbewerb aller sich erwartet. Die, deren reale Ohnmacht andauert, ertragen das Bessere nicht einmal als Schein; lieber möchten sie die Verpflichtungzu einer Autonomie loswerden, von der sie argwöhnen, daß sie ihr doch nicht nachleben können, und sich in den Schmelztiegel des Kollektiv-Ichs werfen.“ (Theodor W. Adorno – Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit – http://aawe.blogsport.de/images/Theodor20W20Adorno2020Was20heisst.pdf )

Moses Hess über das Geldwesen

„Das Christenthum ist die Theorie, die Logik des Egoismus. — Der klassische Boden der egoistischen Praxis dagegen ist die moderne, christliche Krämerwelt — auch ein Himmel, auch eine Fiction, auch ein eingebildeter, vermeintlicher, Vortheil für das individuelle Leben, ent­sprungen aus der krankhaften, egoistischen Aberwitzheit der depravirten Mensch­heit. — Das Individuum, wrelches nicht durch sich für die Gattung, sondern durch die Gattung für sich allein leben möchte, muß sich auch praktisch eine verkehrte Welt schaffen. In unsrer Krämerwelt ist daher praktisch, wie im christlichen Himmel theoretisch, das Individuum Zweck, die Gattung nur Mittel des Lebens. Das Gattungsleben bethätigt sich hier ebenfalls nicht im Individuum und mittelst desselben; es ist auch hier, wie im Himmel, außerhalb der Individuen gesetzt und zum Mittel derselben herabgewürdigt; es ist hier das Geld. Was der Gott für’s theoretische Leben, das ist das Geld für’s praktische Leben der verkehrten Welt: das entäußerte Vermögen der Menschen, ihre verschacherte Le­bensthätigkeit. Das Geld ist der in Zahlen ausgedrückte menschliche Werth — es ist der Stempel unsrer Sklaverei, das unauslöschliche Brandmal unsrer Knecht­schaft — Menschen, die sich kaufen und verkaufen können, sind eben Sklaven. Das Geld ist der geronnene Blutschweiß der Elenden, die ihr unveräußerliches Eigen­thum, ihr eigenstes Vermögen, ihre Lebensthätigkeit selbst zu Markte tragen, um dafür das caput mortuum derselben, ein sogenanntes Capital einzutauschen und kannibalisch von ihrem eignen Fette zu zehren. — Und diese Elenden sind wir Alle! Wir mögen uns theoretisch noch so sehr von dem verkehrten Weltbewußtsein emancipiren, so lange wir nicht auch praktisch aus der verkehrten Welt heraus sind, müssen wir, wie es im Sprichwort heißt, mit den Wölfen heulen. Ja, wir müssen unser Wesen, unser Leben, unsere eigene, freie Lebensthätigkeit fortwährend veräußern, um unsere elende Existenz fristen zu können. Wir erkaufen uns fortwährend unsere individuelle Existenz mit dem Verluste unserer Freiheit. — Und wohlverstanden, nicht etwa nur wir Proletarier, auch wir Capitalisten sind diese Elenden, die sich das Blut aus­saugen, sich selber aufzehren. Wir Alle können unser Leben nicht frei bethätigen, können nicht schaffen oder für einander wirken — wir Alle können unser Leben nur verzehren, können uns nur gegenseitig auffressen, wenn wir anders nicht verhungern wollen. Denn das Geld, das wir verzehren und um dessen Erwerb wir arbeiten, ist unser eigenes Fleisch und Blut, welches in seiner Entäußerung von uns erworben, erbeutet und verzehrt sein muß. Wir Alle sind — das dürfen wir uns nicht verhehlen— Kannibalen, Raubthiere, Blutsauger. — Wir sind es so lange, als wir nicht Alle für einander thätig sind, sondern Jeder für sich erwerben muß.“

(Moses Hess über das Geldwesen – 5. Absatz: http://haftgrund.net/moseshess/schriften/uber-das-geldwesen/ )

Proletarier aller Länder hört auf! – Ein Interview mit Ernst Lohoff über Lohnarbeit

„Zu den schärfsten GegnerInnen der Arbeit gehört die Gruppe Krisis. SIe hält sich nicht lange damit auf, bessere oder besser bezahlte Arbeit zu fordern, sondern forderte 1999 in ihrem Manifest gegen die Arbeit nichts Geringeres als die Abschaffung der Arbeit. Über Leistungsideologie und die Gründe der Arbeitsvergötterung in der kapitalistischen Gesellschaft sprach Michael Liebler mit dem Philosophen Wert- und Arbeitskritiker Ernst Lohoff.“ (Text, Quelle & MP3: http://freie-radios.net/55730 )

Anmerkung: Nicht „erstaunlicherweise“, wie der Interviewer im ersten Atemzug meint, sondern notwendigerweise muss Lohnarbeit kritisiert und abgeschafft werden!

NSU-Prozess: Pleiten, Pech & Pannen? – Statements von Martina Renner & Yavuz Narin

„Wie viel Staat steckt im NSU?“, diese Frage war einer der zentralen Punkte bei einer Veranstaltung der Linkspartei am 12. April in München, die mit mehr als 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf großes Interesse stieß und zu einer lebhaften Diskussion führte. Fünf der insgesamt zehn NSU-Morde fanden in Bayern statt, zwei davon in München.

Aus diesem Anlass luden die Bayerischen Bundestagsabgeordneten Eva Bulling-Schröter und Nicole Gohlke im Vorfeld des Prozessauftakts gegen den NSU sowie am Vorabend der Demonstration unter dem Motto: „Gegen Naziterror, staatlichen und alltäglichen Rassismus. Verfassungsschutz abschaffen!“ zu einer Diskussionsveranstaltung ins Münchner EineWeltHaus ein. Mit auf dem Podium saßen Martina Renner, die für DIE LINKE im Untersuchungsausschuss in Thüringen sitzt, Yavuz Narin, Rechtsanwalt und Nebenklagevertreter der Angehörigen des am 15. Juni 2005 in München von der NSU ermordeten Theodorus Boulgarides sowie Elke Steven vom Komitee für Grundrechte und Demokratie. Martina Renner (MdL, DIE LINKE. Thüringen, Mitglied im Thüringischen NSU Untersuchungsausschuss) ging zunächst der Frage nach, wie können parlamentarische Untersuchungsausschüsse bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen helfen?“ (Text, Quelle & MP3: http://freie-radios.net/55774 )

Erster Teil geht bis 09:45 – Mit Martina Renner als Mitglied des Untersuchungsausschusses
Zweiter Teil ab 09:45 – Mit Yavuz Narin als Anwalt der NSU-Opfer:

„Yavuz Narin dämpfte in seinem Statement zunächst die Erwartungen an den anstehenden Prozess gegen Beate Zschäpe und weitere Angeklagte. Die politische Dimension des Falls werde hier eine untergeordnete Rolle spielen, weshalb seiner Meinung nach die öffentliche Begleitung des Prozesses von großer Bedeutung ist.“ (Text, Quelle & MP3: http://freie-radios.net/55778 )

Das Joch der Arbeit & dessen Historie – Ein Interview mit Ingrid Artus

„Wie es zu dem heutigen fast durchgängig positiven Bild der Arbeit kommen konnte, welchen verheerenden Einfluß die Leistungsideologie auf Menschen hat, darüber unterhielt sich Michael Liebler mit Klärwerk-Redakteurin Ingrid Artus, die an der Erlanger Hochschule Soziologie lehrt.“ (Text, Quelle & MP3: http://freie-radios.net/55729 )