Archiv für April 2013

Wenn der Zweck Profit ist…

„…dann sind ihm alle Momente der Produktion untergeordnet. Alles wird dahingehend optimiert, dass es wenig kostet, und viel einbringt.

…dann ist die Lohnarbeit nur Mittel zum Zweck. Sie ist notwendige Investition und zu vermeidender Kostenfaktor. Für das Geld, das für den Lohn gezahlt wird, soll möglichst viel Arbeit getan werden. Die möglichst intensive Nutzung der Arbeitskraft ist gewollt; der Schaden garantiert.
So ist der ökonomische Erfolg eines Lohnarbeiters nicht nur von einem fremden Interesse abhängig, sondern auch noch von einem, das ihm feindlich gegenüber steht.

…dann ist das Bedürfnis nur als zahlungsfähiges relevant für die Produktion. Hunger entsteht nicht, weil es zu wenig Essen auf der Welt gibt, sondern weil die Produkte nur zu denen kommen, die dafür zahlen können.

…dann ist der Gebrauchswert nur Mittel um dem zahlungsfähigen Bedürfnis diese Zahlungsfähigkeit abzuzwacken. Gammelfleisch, unsichere Autos und Biokartoffeln sind Gebrauchswerte die auf ganz bestimmte Zahlungsfähigkeiten angepasst sind. Dass dabei auch mal Schrott unter die Leute kommt, ist vom Standpunkt des Profits egal.

…dann taucht die Natur nur als Mittel dazu auf. Ihr Veränderung wird lediglich unter dem Gesichtspunkt des Profits betrachtet; inwiefern ihre Veränderung eine Gefährdung für das Leben der Tiere und Pflanzen, eine Gefährdung für das Leben der Menschen, oder eine ästhetische Zumutung ist, ist irrelevant.“ (Quelle & Weiterlesen: http://icritics.blogsport.de/2013/04/02/eigentum-arbeit-kapitalschaden/ )

Prof. Huisken über unser Bildungssystem

„Die Bildungspolitik muss drei Kriterien unter einen Hut bringen: ein marktpolitisches, ein standortpolitisches und ein finanzpolitisches. D.h. keine Reform nimmt Maß an Wünschen von Schülern und deren Eltern. Jede Reform des Bildungswesens nimmt vielmehr Maß an rein nationalen Gesichtspunkten, also an der differenzierten Nachfrage nach Ausgebildeten auf dem Arbeitsmarkt, berücksichtigt dabei die Entwicklung des Bildungswesens konkurrierender Nationalstaaten und weiß sich den Finanzminister im Rücken, der darauf drängt, dass die Reform “finanzierbar” bleibt. Dabei können sich diese Kriterien ergänzen, aber durchaus auch mal in die Quere kommen. Wenn der Beschluss steht, dass “wir” mehr Abiturienten brauchen, um in Europa hinsichtlich der Ressource “geistiges Kapital” nicht in Rückstand zu geraten, dann braucht es mehr Gymnasien nebst ihrer sachlichen und personellen Ausstattung. Gespart wird dann z.B. daran, dass die Schüler-Lehrerquote erhöht wird, Lehrer nur als Angestellte bezahlt werden oder Geld für Schulmaterial verlangt wird. Beschließt die Politik, wegen des schlechten internationalen Abschneidens im PISA-Vergleich von Schülern mehr Leistung zu verlangen, dann verkürzt sie z.B. die Ausbildungsgänge, fängt mit der Verschulung früher an und packt mehr Stoff in kürzere Zeit – was dann zugleich ein Beitrag zum Sparprogrammsein kann. Weitere bildungsinterne Stellschrauben sind die Festlegung von Übergangsquoten, die Zusammenlegung von Schulen, der Numerus Clausus, Verschärfung von Prüfungen, Fördermaßnahmen bzw. deren Beendigung usw. So benutzen die Bildungspolitiker aller Bundesländer das gesamte Bildungswesen, um mit seinem permanenten Umbau dafür zu sorgen, das mit dem sortierten Nachwuchs möglichst passend all jene ökonomischen und politischen Einrichtungen bedient werden, mit denen Deutschland sein Wachstum voranbringen und sich in der Welt behaupten will.“ (Freerk Huisken über unser Bildungssystem / Quelle: Was die Schule alles leistet – Publikumsbeschimpfung)

Der Mensch als Müllhalde – Von Thomasz Konicz

„[…] Selbstverständlich sind landesweite oder internationale Lebensmittelskandale nicht neu; sie sind so alt wie die Lebensmittelindustrie, die seit den fünfziger Jahren die Landwirtschaft industrialisiert und entlang der Verwertungszwänge des Agrarkapitals transformiert hat. In der gegenwärtigen Systemkrise spitzen sich diese systemisch bedingten Defizite und Instabilitäten der kapitalistischen Agrarwirtschaft aber weiter zu, während die Sicherungssysteme erodieren. Die zentrale Instanz der kapitalistischen Marktwirtschaft, die den Verkauf von kontaminierten oder mangelhaften Lebensmitteln befördert, ist der Markt selber, der in seiner funktion als Vermittler aller wirtschaftlichen Aktivitäten eine Unzahl von formell isolierten, realwirtschaftlich aber immer enger miteinander verknüpften Marktsubjekten hervorbringt. Jedes Unternehmen ist in Konkurrenz zu anderen Marktteilnehmern bemüht, möglichst hohe Profite zu generieren, die durch den Verkauf auf anonymen, immer stärker deregulierten und globalisierten Märkten realisiert werden müssen. Der erfolgreiche Verkauf von mangelhaften oder gesundheitsschädlichen Produkten kommt so der Realisierung von Extraprofiten gleich, deren Folgekosten anderen Marktteilnehmern, die in den unübersichtlichen Produktions- und Handelsketten kaum ausgemacht werden können, aufgebürdet werden.

Ein weiteres zentrales Merkmal aller kapitalistischen Wirtschaftszweige – im Fall der Lebensmittelindustrie zeitigt es desaströse ökologische Folgen – ist die uferlose Produktion um der Produktion willen, die durch den Vewertungszwang des Kapitals bedingt ist. Auch Lebensmittel sind für das Kapital nur als Träger von Wert, von vergegenständlichter abstraktallgemeiner Arbeitskraft von Belang. Alle Produktivitätsfortschritte und Innovationen, die zu einer Schonung der ökologischen Grundlagen und natürlichen Ressourcen der Landwirtschaft beitragen könnten, dienen so im Rahmen der Verwertungsbewegung des Kapitals nur dazu, den Warenausstoß weiter zu steigern, um mit jeder Verwertungsrunde aus Geld mehr Geld machen zu können. Deswegen werden in der EU inzwischen nahezu 50 Prozent der durch ökologischen Raubbau produzierten Lebensmittel verschwendet, während Nestle und Unilever zugleich mit ihrem billigen Krisenfraß enorme Markterfolge feiern können. Die naheliegende Lösung, einen Teil dieser gigantischen Überschußproduktion den Krisenopfern zur Verfügung zu stellen, käme systemimmanent einer Blasphemie gleich, da innerhalb der Verwertungslogik Lebensmittel, die nicht verwertet werden konnten, keinen Wert besitzen und eher nichtet denn gegessen werden sollen.

Schließlich befördert die Selbstbezüglichkeit der Wertform eine permanente Tendenz zur Destabiliserung der Lebensmittelversorgung. Das innerste Wesen des Kapitalprozesses besteht in der uferlosen Anhäufung von Quanta verausgabter abstrakter Arbeit. Dieser selbstbezügliche Prozeß ist den sozialen und ökologischen Folgen seiner Dynamik gegenüber blind. Die Geschmacksarmut des kapitalistischen Fraßes entspricht daher der Hohlheit dieser Kapitalform, die uns beispielsweise zumindest an Tomaten erinnernde Fruchtfleischbehälter liefern muß, um den jeweiligen Vewertungskreislauf mit dem Verkauf abschließen zu können. Diese irrationale Kapitaldynamik, die blindwütige Anhäufung toter Arbeit, die sich der instrumentellen Rationalität bedient, unterminiert beim Streben nach kurzfristiger Renditemaximierung die langfristige Stabilität des Gesamtsystems, das nur mittels eines umfassenden staatlichen Regel- und Infrastruktursystems überhaupt aufrechterhalten werden kann. Deswegen wäre tatsächlich ein kostpilieger und permanent wachsender staatlicher Überwachungsapparat notwendig, um auch den krisenbedingt zunehmenden langfristig autodestruktiven Tendenzen im Lebensmittel entgegenzuwirken.

Das besondere Merkmal des Lebensmittelsektors ist, daß die Nachfrage in diesem Bereich nicht völlig wegbrechen kann und selbst in Krisenzeiten ein Midnestumsatz garantiert ist. Wir müssen essen. Somit ist der menschliche Körper der faktische Endpunkt der Produkte, die bei der Vewertung des Kapitals im Lebensmittelsektor ausgestoßen werden. Und die Aufnahmekapazität dieses Körpers ist sehr flexibel. Das bringt für die Lebensmittelbranche – wie auch den mafiösen Netzwerken, die nun dort reüssieren – eine Reihe von Vorteilen, die zwecks Renditemaximierung oder schlichten Betrugs ausgenutzt werden. Generell eignen sich Lebensmittel, die mit dem Verzehr in den menschlichen Körper gelangen, gut dazu, verseuchte oder mangelhafte Rohstoffe profitträchtig und kostengünstig verschwinden zu lassen. Das kontaminierte Zeug ist dann erstmal weg. Der menschliche Körper ist für das Kapital ein perfekter Müllschlucker, in dem die Ergebnisse einer katastrophalen Nahrungsproduktion billig entsorgt werden können. Der Lebensmittelskandal ist mithin nur ein Sonderfall der Externalisierung betriebswirtschaftlicher Kosten, wie sie für die kapitalistische Produktionsweise charakteristisch ist. […]“ („Der Mensch als Müllhalde“ – Von Thomasz Konicz – Konkret 4/2013 – Seite 35)

Bewegungen? Strategische Thesen zur Bilanz einer fetischisierten Form

„Im Kapital offenbart sich eine dynamische Struktur sondergleichen. Als bewusstloses Verhältnis seiner selbst reagiert es auf Anforderungen impulsiv und konvulsiv. Das bürgerliche System muss stets gegen sich selbst revoltieren, um sich zu erneuern. Das tut es nicht in Form von Vorhaben oder gar Verschwörungen, sondern aufgrund seiner Bedingungen und Zwänge. Soziale Bewegungen nehmen in diesem Prozess eine bevorzugte Stellung ein. Bewegung sagt der Struktur, was gut für sie ist. Meist ist jene auch wirklich sensibler, was die unmittelbaren Aufgaben betrifft. Das führt zu Rebellionen gegen Missstände, ohne die Überwindung der Zustände wirklich ins Visier zu bekommen.

Soziale Bewegung ist eine immanente Form kapitalistischer Herrschaft. Ihr Formieren ist Reformieren, das Transformieren ausschließt. Ihre Funktion besteht objektiv darin, gerade durch ihren Widerstand das System auszutarieren. Das kann sie, für nichts anderes taugt sie. Ganz trocken Niklas Luhmann: „Das System immunisiert sich nicht gegen das Nein, sondern mit Hilfe des Neins, es schließt sich nicht gegen Änderungen, sondern mit Hilfe von Forderungen gegen Erstarrung in eingefahrenen, aber nicht mehr umweltadäquaten Verhaltensmustern.“ (Soziale Systeme, Frankfurt am Main 1987, S. 507)

So agieren die unstabilen Bewegungen als Stabilisatoren des Systems. Das haben sie zwar nicht vor, aber das stellen sie an. Sie spielen mit, obwohl sie oft das Gegenteil unterstellen. Unter der Hand gerät die praktizierte Kritik zur affirmativen Innovation. Interventionen werden absorbiert. Alles endet im Arrangement, nicht nur, was die Kompromisse betrifft, sondern auch was die Haltung der Bewegten ausmacht. Das ist hier jetzt gar nicht als Vorwurf oder Verrat zu sehen, sondern will lediglich einen nüchternen Blick ermöglichen. Bewegungen bewegen sich letztlich in diesseitigen Schemata, alles andere ist ideologischer Schein. Bewegung meint Avantgarde des bürgerlichen Seins, nicht Alternative. Bewegungen resynthetisieren.

Soziale Bewegung bedeutet Intensivierung, Verdichtung und Beschleunigung der Modernisierung. Sie folgt einem Denken in Defiziten und Komparativen. Bewegung handelt als ein Kollektivsubjekt des Kapitals. Die Aufgabe der Bewegungen besteht auch immer darin, ins politische Geschäft zu kommen und nicht das politische Geschäft zu überwinden. Sie gehorchen der Logik von Staat und Zivilgesellschaft. In diesem Spiel sind sie zu positionieren, nicht gegen es zu transpositionieren. Der Charakter der Bewegung zeigt sich weniger in deren Motiven und Bestrebungen als an ihren Resultaten.“ (Von Franz Schandl in Streifzüge 57/2013)

Rjazanov über Hegel

„Hegel, der die Erfahrungen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts durchgemacht hatte – einer Epoche der gewaltigsten Erschütterungen des ökonomischen wie des politischen Lebens – konzentierte seine ganze Aufmerksamkeit auf die Erklärung der Welt, wie sie sich entwickelt. Es ist nichts, was nicht in Bewegung ist. Seine absolute Idee, die Vernunft, lebt und tritt zutage nur im Prozeß einer ununterbrochenen Bewegung, Entwicklung. Alles ist im Fluß, verändert sich, wird zerstört. Die ununterbrochene Bewegung, die ununterbrochene Entwicklung der absoluten Idee bestimmt die Entwicklung unserer ganzen Welt auf allen Gebieten. Um die uns umgebenden Erscheiungen zu verstehen, genügt es nicht, sie so zu studieren, wie sie jetzt existieren, wir müssen verstehen, wie sie sich entwickelt haben; denn alles, was uns umgibt, ist das Resultat einer früheren Entwicklung. Mehr noch. Auch wenn es uns auf den ersten Blick scheint, daß ein gegebenes Ding in unbewegtem Zustand verharrt, so sehen wir doch, wenn wir es aufmerksam betrachten und das Auge an es gewöhnen, daß in ihm selbst eine Bewegung, ein Kampf vor sich geht, daß in ihm einerseits bestimmte Einflüsse und Kräfte wirksam sind, die es in dem Zustand festhalten, in dem wir es kennen, und andererseits Einflüsse und Kräfte, die danach streben, es zu verändern.

In jeder Erscheinung, in jedem Ding vollzieht sich ein Kampf dieser beiden Prinzipien, der These und der Anthithese. Von diesen beiden Prinzipien ist das eine das bewahrende, das andere das zerstörende. Im Prozeß des Kampfes dieser beiden Prinzipien, die in jeder Erscheinung vorhanden sind, ergibt sich etwas Mittleres, die Vereinigung der widerstreitenden Prinzipien.

In der Sprache Hegels wurde das so ausgedrückt: Die Vernunft, das Denken, die Idee bleiben nicht unbeweglich, erstarren nicht bei einer Position, beruhigen sich nicht bei einer These. Im Gegenteil, diese These, dieser Gedanke gerät in Widerspruch mit sich selbst, teilt sich in zwei Gedanken, von denen einer dem anderen widerspricht, in Position und Negation, in Ja und Nein. Der Kampf dieser beiden entgegengesetzten elemente, die in der Antithese enden, bildet die Bewegung, die Hegel dialektisch nennt, um das element des Kampfes in ihr zu unterstreichen. Im Resultat dieses Kampfes, dieser Dialektik, gleichen sich beide Gegensätze gegenseitig aus und vereinen sich. Die Verschmelzung dieser beiden einander widersprechenden Gedanken formt einen neuen Gedanken – ihre Synthese. Dieser neue Gedanke, diese neue Idee, teilt sich ihrerseits wieder in zwei entgegengesetzte Gedanken – die These bringt eine Antithese hervor und beide vereinigen sich wieder in einer neuen Synthese.

So betrachtete Hegel jede Erscheinung, jedes Ding als einen Prozeß, als etwas, was sich in ununterbrochener Bewegung und ununterbrochener Entwicklung befindet. Jede Erscheinung ist nicht nur das Resultat einer vorangegangenen Veränderung, sondern trägt auch in sich selbst den Keim einer neuen Veränderung. Sie beruhigt sich niemals auf einer einmal erreichten Stufe – nach dem Motto: so ist es immer gewesen, so wird es immer sein. Im Gegenteil, kaum hat sie eine neue Stufe erreicht, beginnt in ihr der Kampf neuer Widersprüche. Wie Hegel so schön sagt, ist gerade der Kampf der Gegensätze die Quelle der Entwicklung.“ (Rjazanov – Marx und Engels nicht nur für Anfänger – Rotbuch Verlag – russ. Original entstammt aus dem Jahr 1928 / Seite 42-43)