Ökonomie der Knappheit

„Die Logik des Kapitalismus ist nicht nur auf die Kontrolle von Mehrwert und Produktion angewiesen, sondern auch auf die Produktion von Knappheit – von kontrollierter Knappheit. Der Begriff der Knappheit ist im Kapitalismus entscheidend, er dient als Rechtfertigugn (gerade jetzt gibt es nicht genug zum Überleben, also laßt uns die Sache kontrollieren, damit möglichst viele davon profitieren können – Produktion des Mehrwerts). Knappheit versetzt Kapitalismus aber manchmal auch in die Lage, sich als Heilmittel auszugeben. Ohne Knappheit gäbe es keinen Wert. Aber Knappheit muß immer auch artikuliert werden: meist wird sie mit Verweis auf ein Gefüge an Bedürfnissen und Wünschen konstruiert. Insofern muß der Kapitalismus ununterbrochen Bedürfnisse kreieren. Daraus hat sich eine Form von Spätkapitalismus entwickel – aus Primärproduktion wurden Reproduktionen und Simulationen – die entscheidend von der klassischen Marxschen Form abweicht.

Wird Sexualität in diesem Sinne verstanden und die Profitlogik auf sie angewandt, sind zwei deutlich unterscheidbare, aber nicht notwendig gegensätzliche Zentren des Profits zu erkennen: zwei Sektoren, die verwertbare soziale Währungen hervorbringen können, die ich zusammenfassend als das Reproduktive und das Erotische bezeichne. Der Nutzen der Reproduktion für ein System, das von ununterbrochener Expansion abhängt, ist offensichtlich. Profitakkumulation hängt immer von der Produktion von Arbeiter/innen ab – je stärker die Zahl der vorhandenen Arbeiter/innen die zu einer gegebenen Zeit benötigten übersteigt, desto leichter lassen sich Löhne niedrig halten. (…)

(Diese) Strategie muß mobilisieren, was ausgeschlossen ist, nämlich den erotischen Exzeß, die nicht-nützliche Dimension der Sexualität, die oft unter dem Begriff ‚Lust‘ zusammengefaßt wird. Viele Denker/innen von Marcuse bis Foucault haben betont, daß Kapitalismus nicht nur in einem Gegensatz zum Lustprinzip steht, sondern Strategien findet, das Lustprinzip als eine Form der Kontrolle durch Anreiz zu mobilisieren, nicht durch Repression, sondern durch das ununterbrochene Versprechen auf Lust, d.h. auf das, was durch den Profit produzierenden Prozeß negiert wird. Das Besondere des Spätkapitalismus liegt in der Entwicklung von Strategien, den eigenen Exzeß zu verwalten und von ihm zu profitieren. Zwei grundlegende Strategien sind Verdichtung und Verschiebung, die dem Vorrang des Genitalen und dem Warenfetischismus entsprechen.

Den Erfolg des Spätkapitalismus macht aus, daß es ihm weitesgehend gelungen ist, die Artikulation von Bedürfnissen und Wünschen entlang zweier Basisachsen zu etablieren – genitale Belohnung und Befriedigung durch Konsum. (…) In der Konsequenz fungiert Sexualität im Spätkapitalismus als Prototyp oder Emblem nicht nur von Entfremdung, sondern auch von Freiheit und als etwas, in dessen Namen Forderungen in einem entfremdenden sozialen System gestellt werden können. Aber das ist nur möglich, wenn dem Prozeß der Kommodifizierung Grenzen gesetzt werden. Der Wert von Sexwaren ist ist von einer Sphäre nicht-warenförmiger Sexualität abhängig. Ebenso macht der Wunsch, die Arbeit im Bereich der Sexualität von der kompensatorischen Ökonomie der Lohnarbeit strikt zu trennen nur insofern Sinn, als Sexualität als das konstituiert ist, was der Logik der Waren unterworfen ist. (…)“ (Die Ökonomie der Knappheit – Linda Singer – In: „Die Linke und der Sex“ / Seite 42-43)