Im Namen des Fortschritts – Helmut Reinicke

„Nach dem Faschismus hat der kapitalistische Alltag sich wieder in zivilisierte Formen gehüllt. Die Gewalt ist unsichtbar geworden. […] Sie ist in alle Poren gedrungen, hat sich in die Psychen gesetzt und in die vorläufigen Formen von Freiheit und Glück eingenistet. Von den großen Völkerschlachten – Faschismus, Vietnam – über den Arbeitsprozeß bis in die Reproduktionszeit, in ‚freie‘ Zeit und Ferien, sedimentiert sich Geschichte gleichwohl als Massaker. Während einer Feriensaison gibt es mehr Tote, als zu einer anständigen Schlacht im Mittelalter gehörten. Die großen Kriege selber scheinen anachronistisch geworden; sie werden in die Peripherie abgeschoben, wo sich Völkerschaften in einer exotischen Ästhetik gegenseitig umbringen dürfen. Dennoch sind sie präsent; sie haben sich totalisiert, in den Alltag hineinverlängert und das Getümmel unüberhörbar und unübersehbar werden lassen. Es wird deshalb nicht mehr gesehen und nicht mehr gehört. Die Leiber sind dabei ebenso traktiert wie die Seelen. Nur in den Randzonen der Metropolen öffnen sich die Ritzen, und die modernen Schlachtopfer werden in den Rinnstein gespült, Junkies, die Opfer psychiatrischer Kuren, die Vereinzelten der Arbeitslosen- und Wohlfahrtskultur – das abgewirtschaftete ‚Menschenmaterial‘ der großen Städte. Die Ausbeutung der ‚Dritten Welt‘ produzierte eine neue Form Fahrender, ein Feldzug großer Koalitionen lagert sie aus – Gewaltformen, die sich zurückvermitteln in die Metropolen.

Die Geschichte läßt sich ökonomischen Formen subsumieren, die das jeweilige gesellschaftliche Mehrprodukt bestimmt haben. Sie läßt sich auch als Phänomen von Gewalt nachzeichnen, deren Formen jenen korrespondieren. Wie die sinnlichen Vorformen des Kapitels – Ware und Geld – mit der Kapitalform nicht Verschwunden sind, so sind auch die konkreten Formen der Gewalt mit dem abstrakteren kapitalistischen Arbeits- und Reproduktionsprozeß nicht erloschen: sie werden auf jeweils neuer Stufe wieder erzeugt. Im Namen des Fortschritts ist diese Formengeschichte den Menschen schlecht überliefert: sie sollen vergessen, wie präsent die Vergangenheit noch ist, damit die Gegenwart um so reibungsloser avaniert.“ (Helmut Reinicke – Gegengewalt – In: Antisemtitismus und Gesellschaft – Seite 100)