Archiv für März 2013

Ökonomie der Knappheit

„Die Logik des Kapitalismus ist nicht nur auf die Kontrolle von Mehrwert und Produktion angewiesen, sondern auch auf die Produktion von Knappheit – von kontrollierter Knappheit. Der Begriff der Knappheit ist im Kapitalismus entscheidend, er dient als Rechtfertigugn (gerade jetzt gibt es nicht genug zum Überleben, also laßt uns die Sache kontrollieren, damit möglichst viele davon profitieren können – Produktion des Mehrwerts). Knappheit versetzt Kapitalismus aber manchmal auch in die Lage, sich als Heilmittel auszugeben. Ohne Knappheit gäbe es keinen Wert. Aber Knappheit muß immer auch artikuliert werden: meist wird sie mit Verweis auf ein Gefüge an Bedürfnissen und Wünschen konstruiert. Insofern muß der Kapitalismus ununterbrochen Bedürfnisse kreieren. Daraus hat sich eine Form von Spätkapitalismus entwickel – aus Primärproduktion wurden Reproduktionen und Simulationen – die entscheidend von der klassischen Marxschen Form abweicht.

Wird Sexualität in diesem Sinne verstanden und die Profitlogik auf sie angewandt, sind zwei deutlich unterscheidbare, aber nicht notwendig gegensätzliche Zentren des Profits zu erkennen: zwei Sektoren, die verwertbare soziale Währungen hervorbringen können, die ich zusammenfassend als das Reproduktive und das Erotische bezeichne. Der Nutzen der Reproduktion für ein System, das von ununterbrochener Expansion abhängt, ist offensichtlich. Profitakkumulation hängt immer von der Produktion von Arbeiter/innen ab – je stärker die Zahl der vorhandenen Arbeiter/innen die zu einer gegebenen Zeit benötigten übersteigt, desto leichter lassen sich Löhne niedrig halten. (…)

(Diese) Strategie muß mobilisieren, was ausgeschlossen ist, nämlich den erotischen Exzeß, die nicht-nützliche Dimension der Sexualität, die oft unter dem Begriff ‚Lust‘ zusammengefaßt wird. Viele Denker/innen von Marcuse bis Foucault haben betont, daß Kapitalismus nicht nur in einem Gegensatz zum Lustprinzip steht, sondern Strategien findet, das Lustprinzip als eine Form der Kontrolle durch Anreiz zu mobilisieren, nicht durch Repression, sondern durch das ununterbrochene Versprechen auf Lust, d.h. auf das, was durch den Profit produzierenden Prozeß negiert wird. Das Besondere des Spätkapitalismus liegt in der Entwicklung von Strategien, den eigenen Exzeß zu verwalten und von ihm zu profitieren. Zwei grundlegende Strategien sind Verdichtung und Verschiebung, die dem Vorrang des Genitalen und dem Warenfetischismus entsprechen.

Den Erfolg des Spätkapitalismus macht aus, daß es ihm weitesgehend gelungen ist, die Artikulation von Bedürfnissen und Wünschen entlang zweier Basisachsen zu etablieren – genitale Belohnung und Befriedigung durch Konsum. (…) In der Konsequenz fungiert Sexualität im Spätkapitalismus als Prototyp oder Emblem nicht nur von Entfremdung, sondern auch von Freiheit und als etwas, in dessen Namen Forderungen in einem entfremdenden sozialen System gestellt werden können. Aber das ist nur möglich, wenn dem Prozeß der Kommodifizierung Grenzen gesetzt werden. Der Wert von Sexwaren ist ist von einer Sphäre nicht-warenförmiger Sexualität abhängig. Ebenso macht der Wunsch, die Arbeit im Bereich der Sexualität von der kompensatorischen Ökonomie der Lohnarbeit strikt zu trennen nur insofern Sinn, als Sexualität als das konstituiert ist, was der Logik der Waren unterworfen ist. (…)“ (Die Ökonomie der Knappheit – Linda Singer – In: „Die Linke und der Sex“ / Seite 42-43)

Im Namen des Fortschritts – Helmut Reinicke

„Nach dem Faschismus hat der kapitalistische Alltag sich wieder in zivilisierte Formen gehüllt. Die Gewalt ist unsichtbar geworden. […] Sie ist in alle Poren gedrungen, hat sich in die Psychen gesetzt und in die vorläufigen Formen von Freiheit und Glück eingenistet. Von den großen Völkerschlachten – Faschismus, Vietnam – über den Arbeitsprozeß bis in die Reproduktionszeit, in ‚freie‘ Zeit und Ferien, sedimentiert sich Geschichte gleichwohl als Massaker. Während einer Feriensaison gibt es mehr Tote, als zu einer anständigen Schlacht im Mittelalter gehörten. Die großen Kriege selber scheinen anachronistisch geworden; sie werden in die Peripherie abgeschoben, wo sich Völkerschaften in einer exotischen Ästhetik gegenseitig umbringen dürfen. Dennoch sind sie präsent; sie haben sich totalisiert, in den Alltag hineinverlängert und das Getümmel unüberhörbar und unübersehbar werden lassen. Es wird deshalb nicht mehr gesehen und nicht mehr gehört. Die Leiber sind dabei ebenso traktiert wie die Seelen. Nur in den Randzonen der Metropolen öffnen sich die Ritzen, und die modernen Schlachtopfer werden in den Rinnstein gespült, Junkies, die Opfer psychiatrischer Kuren, die Vereinzelten der Arbeitslosen- und Wohlfahrtskultur – das abgewirtschaftete ‚Menschenmaterial‘ der großen Städte. Die Ausbeutung der ‚Dritten Welt‘ produzierte eine neue Form Fahrender, ein Feldzug großer Koalitionen lagert sie aus – Gewaltformen, die sich zurückvermitteln in die Metropolen.

Die Geschichte läßt sich ökonomischen Formen subsumieren, die das jeweilige gesellschaftliche Mehrprodukt bestimmt haben. Sie läßt sich auch als Phänomen von Gewalt nachzeichnen, deren Formen jenen korrespondieren. Wie die sinnlichen Vorformen des Kapitels – Ware und Geld – mit der Kapitalform nicht Verschwunden sind, so sind auch die konkreten Formen der Gewalt mit dem abstrakteren kapitalistischen Arbeits- und Reproduktionsprozeß nicht erloschen: sie werden auf jeweils neuer Stufe wieder erzeugt. Im Namen des Fortschritts ist diese Formengeschichte den Menschen schlecht überliefert: sie sollen vergessen, wie präsent die Vergangenheit noch ist, damit die Gegenwart um so reibungsloser avaniert.“ (Helmut Reinicke – Gegengewalt – In: Antisemtitismus und Gesellschaft – Seite 100)

Die Implikationen der marxschen Kritik der politischen Ökonomie – Heinrich & Dahlmann

„Heinrich: Die Kritik der politischen Ökonomie löst nicht nur das wissenschaftliche Problem einer adäquaten Erklärung des Mehrwerts, sie besitzt auch eine unmittelbar politische Seite, indem sie eine moralische Kapitalismuskritik sowie sozialistische Auffassungen, die auf einen Sozialismus der kleinen Warenproduktion hinauslaufen, als in dem von der kapitalistischen Produktionsweise selbst hervorgebrachten Schein befangene Vorstellungen nachweist. Die Marxsche Kapitaltheorie steht daher in einer doppelten Frontstellung. Die „Apologeten“ lösen die kapitalistische Produktion in die Harmonie der einfachen Zirkulation auf. Indem sie Kapital auf Ware und Geld, auf Kauf und Verkauf reduzieren, sehen sie Freiheit, Gleichheit und Eigentum gewährleistet, indem sie die kapitalistische Produktion mit der nicht-kapitalistischen Warenproduktion identifizieren. Ihnen gegenüber weist Marx nach, daß ihre Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum aufgrund eigener Arbeit bloßer Schein ist, da die von ihnen unterstellten gesellschaftlichen Verhältnisse nicht existieren und nie existiert haben. Damit intendiert Marx jedoch keine immanente Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Daß es Marx darum gegangen wäre, aufzuzeigen, daß der Kapitalismus seinen eigenen normativen Standards widerspreche, wurde u.a. von Habermas vertreten. Diesen Marx unterstellten Versuch einer immanenten Kritik unternimmt eher Proudhon. Gegen utopische Sozialisten wie Proudhon, die das aus der einfachen Zirkulation abgezogene Ideal gegen seine angebliche Verfälschung in der kapitalistischen Produktion geltend machen wollen, argumentiert Marx, die kapitalistische Produktion sei die durchgeführte Freiheit und Gleichheit der einfachen Zirkulation und nicht etwa deren Entartung, da die einfache Zirkulation mitsamt ihren Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum nur auf kapitalistischer Grundlage existiert. Die Utopisten betreiben daher, sagt Marx in den „Grundrissen“, „das überflüssige Geschäft…, den idealen Ausdruck, das verklärte und von der Wirklichkeit selbst aus sich geworfne reflectirte Lichtbild, selbst wieder verwirklichen zu wollen. Dahlmann: Daß es in der materialistischen Gesellschaftsanalyse keine vom Gegenstand abgelöste Methode geben kann, ist zur Binsenweisheit linker Theoriebildung geworden. Wenn jedoch eine weitere zentrale Differenz nicht reflektiert und aufgehoben wird — nämlich die Differenz zwischen Erkenntnissubjekt und Gegenstand —, ist mit dem Postulat der Übereinstimmung von Form und Inhalt nur wenig gewonnen. Kapital und Wert jedenfalls bleiben unbegriffen, das heißt sie werden, wie in der Linken üblich, ökonomistisch reduziert, wenn sie dem Subjekt, erst recht dem sich wissenschaftlicher Analyse befleißigenden, als Gegenstand erscheinen, dessen sich der Gedanke bemächtigen könne, oder gar, umgekehrt: als Gegenstand, der den Gedanken sich subsumiere. Vielmehr ist es dieses Subjekt, das in der Reflexion sich und den Gegenstand (negativ) erst konstituiert. Dementsprechend hängt die überindividuelle Geltung von Urteilen nicht davon ab, ob in ihnen Methode und Gegenstand übereinstimmen oder nicht, sondern Wahrheit ist grundsätzlich nur zu verbürgen, wenn eine das Subjekt transzendierende, allgemeine (und verallgemeinernde) Vermittlung postuliert wird, durch die hindurch erst alle Differenzen (Methode und Sache, Subjekt und Objekt) in eins gesetzt werden können. Oder anders: man sollte den Schritt von Kant zu Hegel nicht vorschnell vollziehen — denn das droht auf Kosten der Kritik zu gehen; auf Kosten einer Kritik, der allein sich auch die Negativität der totalen Vermitteltheit (als Kapital, als Wert) zu erschließen vermag.“ (Quelle & Mp3: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/12/30/antideutsche-wertarbeit/ )

Marx und die Hegelsche Dialektik – Vortrag von Eva Bockenheimer

„Ein wesentliches Anliegen von Marx und Engels war, den Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft zu erheben, damit er nicht bloß «geglaubt» oder «ersehnt» werden muss, sondern rational begründet werden kann. Auch seine historisch-materiellen Voraussetzungen sollten benannt werden können. Kurz: Eine Reflexion der Methode wissenschaftlicher Forschung und Darstellung war nötig. Marx bezeichnet seine Methode als «dialektisch » und stellt sich damit bewusst in die Tradition der Hegelschen Philosophie. An ihrem Kern hält er fest, kritisiert aber ihre mystifizierte Form. Laut Marx ist die Dialektik «dem Bürgertum […] ein Gräuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis […] seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordene Form […] auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst, sich durch nichts imponieren lässt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.» (MEW: 23, 28) Was genau das dialektische Denken auszeichnet und worin sich die Marxsche Dialektik von der Hegelschen unterscheidet — darum geht es in diesem Satellitenseminar.“ (Quelle & MP3: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/12/23/marx-und-die-hegelsche-dialektik/ bzw. http://www.rosalux.de/documentation/46230/marx-und-die-hegelsche-dialektik.html )

Begriff des Subjekts – Marx Freud Adorno & der Wert des Ich – Vortrag von Uli Krug

„Die Psychoanalyse ist kein der Kritischen Theorie nach Belieben anzuheftendes oder abzulösendes Assecoir: »Für die soziale Realität ist in der Epoche der Konzentrationslager Kastration charakteristischer als Konkurrenz« (Adorno) Aus dem­selben Grund, aus dem Marx »psychologischen« Erwägungen gegen­über so kritisch war, daß sie nämlich objektivem Zwang einen falschen Schleier von Individualität verliehen, aus demselben Grund ist die unrevidierte Psychoanalyse eines Sinnes mit der Kritik der poitischen Ökonomie: Als Kritik der seelischen Ökonomie. So wie die eine das kapitale Subjekt als »Charaktermaske« eines unsichtbaren Zwanges denunziert hatte — in der revolutionären Hoffnung, daß kritischer Begriff vom Subjekt und die kritisierte Subjektivität nicht unmittelbar identisch sind —, so legt die andere das ZwanghaftUnbewußte am vorgeblich freien Willen des Individuums frei. So wie die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals den politischen Zwangscharakter kapitaler Subjektivität befestigt, so entspricht ihr die steigende Zusammensetzung des Subjekts in seiem Inneren: Äußerlich verliert das Rechtssubjekt die — schon immer limitierte — autonome Kontrolle über sein Schicksal und seine Entscheidungen, wird zum Teil der Gefolgschaft des autoritären Staates, innerlich verliert das Ich die — schon immer limitierte — Kontrolle über die unmittelbaren Zwänge des Es: Der Nationalsozialismus und die Epoche, die er begründete, können so als Infantilisierung der ehemals bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Rechtssubjekte beschrieben werden: Abhängig wie Kinder von unverstandener Außenwelt und beherrscht von einem sublimationsunfähigen Gefühlschaos, von Größenwahn, Angst und Sadismus. Der Zügellosigkeit der Feindkampagnen, wie der Willkür des Staates ist mit der Unterstellung eines kühl berechnenden bürgerlichen Subjekts nicht beizukommen. Überhaupt darf Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, mit dem Antisemitismus, mit Deutschland und den Deutschen, nicht so tun, als ob die politischökonomische Regression der Gesellschaft die Kategorien wie Interesse, Bewußtsein, etc. im Individuellen in Kraft belassen hätte. In der Rearchaisierung der Gesellschaft rearchaisiert auch das Subjekt. Wo Ich war, wird Es.“ (Quelle & Mp3: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/12/30/antideutsche-wertarbeit/ )