Archiv für November 2012

Adorno zum Verhältnis von Soziologie & Psychologie

“Der Psychologismus jeglicher Gestalt, der umstandslose Ansatz beim Individuum ist Ideologie. Er verzaubert die individualistische Form der Vergesellschaftung in eine außergesellschaftliche, naturhafte Bestimmung des Individuums. Mit anderen Konzeptionen der Aufklärung hat er seine Funktion gründlich verändert. Sobald die in Wahrheit den Einzelspontaneitäten entrückten, zwischen abstrakten Subjekten anhängigen Prozesse aus der Seele erklärt werden, vermenschlicht man tröstlich das Verdinglichte. Aber die sich selbst Entfremdeten sind trotzdem noch Menschen, die geschichtlichen Tendenzen realisieren sich nicht nur gegen sie, sondern in und mit ihnen, und ihre durchschnittlichen psychologischen Qualitäten gehen selbst in ihr durchschnittliches gesellschaftliches Verhalten ein. Sie und ihre Motivationen erschöpfen sich nicht in der objektiven Rationalität, und zuweilen handeln sie ihr entgegen. Gleichwohl sind sie deren Funktionäre. Selbst die Bedingungen des Rückfalls in Psychologie sind gesellschaftlich vorgezeichnet als Überforderungen des Subjekts durch die Realität. Sonst findet sich das manifeste oder verdrängte Triebmoment in der gesellschaftlichen Objektivität nur als eine Komponente, die des Bedürfnisses, und sie ist heute vollends zur Funktion des Profitinteresses geworden. Die subjektive ratio und ihre raison d’etre treten auseinander. Selbst der, dem die kalkulierende Vernunft alle Vorteile abwirft, die sie verheißt, vermag diese Vorteile nicht als Glück zu genießen, sondern muß als Konsument nochmals dem gesellschaftlich Vorgezeichneten, dem Angebot derer sich fügen, welche die Produktion kontrollieren. Stets waren die Bedürfnisse gesellschaftlich vermittelt; heute werden sie ihren Trägern ganz äußerlich, und ihre Befriedigung geht in die Befolgung der Spielregeln der Reklame über. Der Inbegriff der selbsterhaltenden Rationalität der je einzelnen ist zur Irrationalität verdammt, weil die Bildung eines vernünftigen gesellschaftlichen Gesamtsubjekts, der Menschheit, mißlang. Daran laboriert umgekehrt auch wieder jeder einzelne. Das Freudsche Gebot: “Wo Es war, soll Ich werden”, behält etwas stoisch Leeres, Unevidentes. Das realitätsgerechte, “gesunde” Idividuum ist so wenig krisenfest wie das rational wirtschaftende Subjekt ökonomisch. Die gesellschaftlich irrationale Konsequenz wird auch individuell irrational. Insofern wären in der Tat die Neurosen der Form nach aus der Struktur einer Gesellschaft abzuleiten, in der sie nicht abzuschaffen sind. Noch die gelungene Kur trägt das Stigma des Beschädigten, der vergeblichen und sich pathisch übertreibenden Anpassung. Der Triumph des Ichs ist einer der Verblendung durchs Partikulare. Das ist der Grund der objektiven Unwahrheit aller Psychotherapie, welche die Therapeutiker zum Schwindel animiert. Indem der Geheilte dem irren Ganzen sich anähnelt, wird er erst recht krank, ohne daß doch der, dem die Heilung mißlingt, darum gesünder wäre.” (— Adorno, Theodor W. (1955): Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie. in: ders: Soziologische Schriften I, Frankfurt am Main, 1979, S. 56f.)

Anselm Jappe: Die Demokratie ist die Kehrseite des Kapitals

„Die Demokratie ist die Kehrseite des Kapitals, nicht sein Gegenteil. Der Demokratiebegriff im emphatischen Sinn setzt voraus, dass die Gesellschaft aus Subjekten mit freiem Willen besteht. Aber um eine wirkliche Entscheidungsfreiheit zu genießen, müssten sich die Subjekte außerhalb der Wertform befinden und über die Waren als ihre Objekte verfügen können. In der fetischisierten Gesellschaft kann ein solches bewusstes und autonomes Subjekt jedoch nicht existieren. Der Wert beschränkt sich nicht darauf, eine Produktionsform zu sein; er ist auch eine Bewusstseinsform. […] Der ‚freie Wille’ ist nicht frei gegenüber seiner eigenen Form, also gegenüber der Waren- und Geldform und deren Gesetzen. In einer fetischistischen Konstitution gibt es keinen Willen des Subjekts, der der ‚objektiven’ Wirklichkeit entgegengesetzt werden könnte. So wie die Gesetze des Werts sich außerhalb der Reichweite des freien Willens der Einzelnen befinden, sind sie auch der politischen Form dieses Willens unzugänglich. In dieser Situation kann man sagen: ‚Demokratisierung ist nichts anderes als die vollständige Unterwerfung unter die subjektlose Logik des Geldes’ (Kurz). In der Demokratie sind es nie die fetischistischen Basisformen, die zur ‚demokratischen Debatte’ stehen. Sie sind bereits allen Entscheidungen vorausgesetzt, die deshalb nur die Frage betreffen können, wie man am besten dem Fetisch dient. In der Warengesellschaft ist die Demokratie nicht ‚manipuliert’, ‚formell’ oder ‚bürgerlich’. Sie ist die passendste Form für die kapitalistische Gesellschaft, in der die Individuen völlig die Notwendigkeit verinnerlicht haben, zu arbeiten und Geld zu verdienen.“ (Anselm Jappe: Die Abenteuer der Ware)

Herber Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft

„Das immer weniger durch Autonomie belastete Bewußtsein wird zunehmend auf die Aufgabe beschränkt, die Koordinierung des Einzelnen mit der Gesamtheit zu regeln. Diese Koordinierung ist derart wirksam, daß das allgemeine Unglück eher ab- als zugenommen hat. Wir sprachen davon, daß das Gewahrwerden der herrschenden Unterdrückung durch die manipulierte Bewußtseinsbeschränkung des Einzelnen abgestumpft ist. Dieser Vorgang verändert die Inhalte des Glücks. Der Begriff bezeichnet einen mehr-als-privaten, mehr-als-subjektiven Zustand; das Glück liegt nicht in dem bloßen Gefühl der Befriedigung, sondern in der Wirklichkeit der Freiheit und der Befriedigung. Das Glück schließt Wissen in sich: es ist das Vorrecht des animal rationale. Mit der Abnahme des Bewußtheit, mit der Lenkung der Information, mit dem Aufgehen der individuellen in die Massen-Kommunikation wird das Wissen unter Verwaltung gestellt und eingeschränkt. Der Einzelne weiß nicht wirklich, was vor sich geht; die überwältigende Maschinerie der Erziehung und Unterhaltung vereint ihn mit all den anderen in einem Zustand von Empfindungslosigkeit, von dem alle schädlichen Ideen möglichst ausgeschlossen bleiben. Und da das Wissen um die volle Wahrheit kaum zum Glück beiträgt, macht solch eine allgemeine Empfindungslosigkeit glücklich. Ist Angst mehr als eine allgemeine Malaise, ist sie ein existentieller Zustand, dann zeichnet sich dieses sogenannte ‘Zeitalter der Angst’ durch das Maß aus, in dem die Angst unsichtbar, ausdruckslos geworden ist.“ (Herbert Marcuse (1965), Triebstruktur und Gesellschaft, S. 104 – 105)

Adorno über eine fast unlösbare Aufgabe

Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.
(Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Suhrkamp 1994, S. 64)

Fromm über Narzissmus

„Dieser Überschätzung der eigenen Einstellung und dem Hass gegen alles, was davon abweicht, liegt nichts anderes zugrunde als Narzißmus. “Wir” sind gut; “sie” sind böse. Eine jede Kritik an unserer eigenen Lehre ist ein tückischer Angriff den man sich nicht gefallen lassen kann; die Kritik an der Gegenseite ist ein wohlgemeinter Versuch, den anderen zu helfen, zur Wahrheit zurückzukehren.“ (Erich Fromm: Individueller und gesellschaftlicher Narzißmus. In: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen. – Ullstein 1981, S. 83)

„Für einen narzißtischen Menschen ist der Partner nie eine selbständige Persönlichkeit in ihrer vollen Wirklichkeit; dieser Partner existiert nur als Schatten des aufgeblähten narzißtischen Ichs. Dagegen beruht die nichtpathologische Liebe nicht auf dem wechselseitigem Narzißmus. Sie ist eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich als eigenständige Größen erleben und die sich trotzdem einander öffnen und eins werden können. Um die Liebe erleben zu können, muß man das Voneinander getrenntsein erleben.“ (Erich Fromm: Individueller und gesellschaftlicher Narzißmus. In: Die Seele des Menschen. Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen. – Ullstein 1981, S. 89)