Tomaten sind ohnmächtig! Dutschke im Interview beim Spiegel 1967

„Ich denke, wir können gegenwärtig sicherlich nicht davon ausgehen, daß die Herrschaft von Menschen über Menschen insgesamt in absehbarer Zeit verschwinden wird. Aber ich denke, daß diese Gesellschaft im Laufe eines langen Prozesses der Bewußtwerdung von vielen und immer mehr werdenden Menschen tatsächlich das Stadium erreicht, da die Menschen das Schicksal in die eigene Hand nehmen können, nicht mehr bewußtlos als unpolitische Objekte von oben durch die Bürokratie, durch das Parlament oder durch was auch immer manipuliert werden. […] Der fortwährende Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur in Form des Arbeitsprozesses auf der einen Seite und die jeweils erreichte Stufe kritischer Unruhe menschlichen Geistes gegen jede jeweils erreichte Form menschlichen Zusammenlebens läßt eine Beruhigung und Endgültigkeit menschlicher Geschichte nicht zu. Die Menschen müssen sich dauernd ihrer selbst verunsichern, damit sie fähig werden, alle sich neu ergebenden Möglichkeiten — Reduktion von Arbeit, Entwicklung sinnlicher Phantasie, Abschaffung von Elend und Krieg — zu verwirklichen. Das mögen für Sie große Worte sein … […] Ja, der biblische Garten Eden ist die phantastische Erfüllung des uralten Traums der Menschheit. Aber noch nie in der Geschichte war die Möglichkeit der Realisierung so groß. […] Denn die für profit- und herrschaftsorientierte Gesellschaftsordnungen typischen Konsumtionsexzesse — Kriege sowie die ungeheuren toten Kosten; Rüstung, unnütze Verwaltung und Bürokratie, unausgenutzte Industriekapazitäten, Reklame — bedeuten eine systematische Kapitalvernichtung. Die wiederum macht es unmöglich, den Garten Eden historisch zu verwirklichen. […] Demonstrationen und Proteste sind Vorstufen der Bewußtwerdung von Menschen. Wir müssen immer mehr Menschen bewußt machen, politisch mobilisieren, das heißt: in das antiautoritäre Lager — das jetzt erst aus nur ein paar tausend Studenten besteht — herüberziehen. Und wir müssen mehr tun als protestieren. Wir müssen zu direkten Aktionen übergehen. […] Das wäre der Aufbau einer Universität außerhalb von Dahlem — in einem Gebiet zwischen Fabrikarbeitern, etwa in der Spandauer Gegend oder in der Nähe der AEG, und Bürgerbezirken. Man könnte in Baracken Fakultäten installieren zur Ausbildung von Studenten, Arbeitern, Angestellten, Schülern. Hinzu käme, daß wir eine kontinuierliche medizinische, speziell sexuelle Aufklärung für weite Bevölkerungsteile — besonders für junge Arbeiterinnen und Arbeiter — betreiben könnten. Ebenso könnten wir unbemittelten Bürgern Rechtshilfe leisten, Mieterstreiks organisieren und so weiter. Eine solche Universität hätte die Aufgabe der Profilierung des Bewußtseins. Aber es ist die Frage, ob wir dieses Modell finanziell tragen können. […]“ (Rudi Dutschke / Quelle: Spiegel Online)