Archiv für Juni 2012

Zuviel produziert?

„Es werden nicht zuviel Lebensmittel produziert im Verhältnis zur vorhandnen Bevölkerung. Umgekehrt. Es werden zuwenig produziert, um der Masse der Bevölkerung anständig und menschlich zu genügen. Es werden nicht zuviel Produktionsmittel produziert, um den arbeitsfähigen Teil der Bevölkerung zu beschäftigen. Umgekehrt. Es wird erstens ein zu großer Teil der Bevölkerung produziert, der tatsächlich nicht arbeitsfähig, der durch seine Umstände auf Ausbeutung der Arbeit andrer angewiesen ist oder auf Arbeiten, die nur innerhalb einer miserablen Produktionsweise als solche gelten können. Es werden zweitens nicht genug Produktionsmittel produziert, damit die ganze arbeitsfähige Bevölkerung unter den produktivsten Umständen arbeite, also ihre absolute Arbeitszeit verkürzt würde durch die Masse und Effektivität des während der Arbeitszeit angewandten konstanten Kapitals. Aber es werden periodisch zuviel Arbeitsmittel und Lebensmittel produziert, um sie als Exploitationsmittel der Arbeiter zu einer gewissen Rate des Profits fungieren zu lassen. Es werden zuviel Waren produziert, um den in ihnen enthaltnen Wert und darin eingeschloßnen Mehrwert unter den durch die kapitalistische Produktion gegebnen Verteilungsbedingungen und Konsumtionsverhältnissen realisieren und in neues Kapital rückverwandeln zu können, d.h. um diesen Prozeß ohne beständig wiederkehrende Explosionen auszuführen. Es wird nicht zuviel Reichtum produziert. Aber es wird periodisch zuviel Reichtum in seinen kapitalistischen, gegensätzlichen Formen produziert.“ (Karl Marx, Kapital, Bd. 3, 3. Abschnitt)

Erfolgreich im Kapitalismus leben – Worauf kommt es an?


Musik von der Band „C-60″. Der Songtitel lautet „Erfolg durch Qualität“.

Das ist ein Krieg gegen die Menschen

„Die Arbeiter_innen des Kilkiser Krankenhauses und der meisten Krankenhäuser und Gesundheitzentren Griechenlands werden nicht pünktlich bezahlt, einige von ihnen mussten zusehen, wie ihre Gehälter praktisch auf Null heruntergekürzt wurden. Einer meiner Mitarbeiter wurde mit einem Schock in unsere Kardiologische Klinik eingeliefert, nachdem er realisierte, dass er anstatt des normalen Schecks über 800 Euro (ja, das ist sein monatliches Gehalt), vom Staat eine Benachrichtigung erhielt, dass er diesen Monat nicht nur gar kein Gehalt bekommt sondern auch noch 170 Euro zurückzahlen soll! Anderen Arbeiter_innen wurden diesen Monat nur 9 (neun) Euro ausgezahlt! Diejenigen unter uns, die noch irgendeine Art Gehalt bekommen, werden sie so gut wie wir nur können unterstützen.
Das ist ein Krieg gegen die Menschen, gegen die ganze Gesellschaft. Jene, die sagen, dass die Schulden Griechenlands die Schulden der Menschen Griechenlands sind lügen. Es sind nicht die Schulden der Menschen. Sie wurden von den Regierungen in Zusammenarbeit mit den Bankiers geschaffen, um die Menschen zu versklaven. Die Kredite an Griechenland werden nicht für die Gehälter, Renten und öffentlichen Sozialausgaben verwendet. Es ist das genaue Gegenteil: Gehälter, Renten und Sozialausgaben werden benutzt, um die Bankiers zu bezahlen.“ (Leta Zotaki, Leiterin der Radiologischen Abteilung, Kilkis Krankenhaus)

Sind Privatinteresse und Gesamtinteresse identisch?

„Die Ökonomen drücken das so aus: Jeder verfolgt sein Privatinteresse und nur sein Privatinteresse; und dient dadurch, ohne es zu wollen und zu wissen, den Privatinteressen aller, den allgemeinen Interessen.
Der Witz besteht nicht darin, dass, indem jeder sein Privatinteresse verfolgt, die Gesamtheit der Privatinteressen, also das allgemeine Interesse erreicht wird. Vielmehr könnte aus dieser abstrakten Phrase genau so gut gefolgert werden, dass jeder wechselseitig die Geltendmachung des Interesses der anderen hemmt, und statt einer allgemeinen positiven Wirkung, vielmehr eine allgemeine Vernichtung aus diesem Krieg aller gegen alle resultiert.
Die Pointe liegt vielmehr darin, dass das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebenen Mitteln erreicht werden kann; also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist.“ (Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 74. )

Marktwirtschaft – Was ist das?

Der Name “Marktwirtschaft” stand für dieses Programm der ideologischen Anpreisung, nämlich so: Man sollte schon in der Namensgebung darauf verzichten, das bei uns übliche Produzieren und Verkaufen nach dem es bestimmenden Zweck zu charakterisieren, wie man das bei der Betrachtung früherer Produktionsweisen heute noch richtig findet: “Subsistenzwirtschaft” und “Merkantilsystem” sind modernen Wirtschaftswissenschaftlern keine Unbekannten. Auch die Stellung, die ein System den Produzenten zuweist, und die Interessensgegensätze, die daraus hervorgehen, fand man bei historischen Formen bezeichnend, man spricht von “Sklavenwirtschaft” und der “feudalen Produktionsweise”. Unsere Wirtschaft soll sich dagegen durch eine Ordnungsidee von anderen unterscheiden, durch eineVerkehrsform, die in ihr üblich ist und ihren Erfolg verbürgt. Die real existierende Marktwirtschaft kennt keinen allgemeinen Produktionszweck, sondern will als Methode, eine arbeitsteilige Wirtschaft z u organisieren, aufgefaßt werden. Die Betrachtung der westlichen Wirtschaft als Technik ihres eigenen Erfolgs, als Steuerungsmechanismus für Wirtschaftsprozesse verschweigt nichts, wenn sie Ware und Geld, Lohn, Preis und Profit als Lenkungsmittel des wohlgemerkt auf sie zielenden Wirtschaftens “versteht”. Sie tut nur eben dies!

Diese Veränderung der Optik hatte durchschlagenden ideologischen Erfolg: Den Kapitalismus nicht nach seinen häßlichen Eigenschaften, sondern nach einer vermeintlichen Funktionsweise als funktioniererden zu charakterisieren, hat zuletzt sogar bei seinen ehemaligen linken Gegnern den Irrtum geschürt, die Rede sei von einer erfolgreichen Wirtschaftsmethode, die doch irgendwie allgemeiner und für beliebige andere Ziele anwendbar sei, als bloß für die mißbilligte kapitalistische Ausbeutung. Jetzt sind sie die letzten Verfechter der kapitalistischen Legitimationsidee: Marktwirtschaft wollen sie alle, Kapitalismus soll das nicht sein.

Derweil sind die Ideologen des Kapitalismus naturgemäß einen Schritt weiter. Seit ihre alten Gegner selber keinen Sozialismus mehr, nur noch Marktwirtschaft mit der kleingedruckten Fußnote “nicht die kapitalistische” wollen, bestehen sie offensiv darauf, daß Marktwirtschaft kapitalistisch oder gar nicht geht. Damit widerrufen sie freilich nicht die alte Lüge, Geldmachen wäre eine unschlagbare gesellschaftliche Ordnungsidee – sie melden bloß für ihren Laden das Monopol auf diese Lüge an. (MSZ 1991/3: Marktwirtschaft – Was ist das?)