Jeder ist seines Unglückes Schmied

„Was sich nicht rechnet, ist im Kapitalismus bekanntlich zum Untergang verurteilt. Ökonomisch betrachtet sind daher auch Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene zusehends als zu kriminalisierende Elemente. Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff „erwerbslos“ macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, ist Degradierung und Deklassierung. Jene sind nicht einmal mehr Proletarier.

„Ich bin nichts!“, „Es geht nichts!“, „Aus mir wird nichts!“. So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Die Folge ist eine extensive Getriebenheit der Subjekte, angehalten, sich zu verwerten (und andere zu entwerten), um ja nicht unterzugehen. Zumutung transformiert sich in Selbstzumutung. Der Knecht ist sein eigener Herr und zu ihm gibt es keine Distanz – er haust im selben Körper. Es herrscht Zucht durch Selbstbeherrschung.

Der Fragesatz „Was bist du?“ oder „Was willst du werden?“ drückt aus, was einen am anderen primär zu interessieren hat: Die erreichte oder die angestrebte Stellung. Nicht er oder sie selbst, sondern Funktion, Rolle, Karriere. Du bist ein Nichts, wenn du nichts bist. Das Problem ist hier, dass da Biomasse entsteht, die frisst, aber nicht verwertbar ist. Sie muss durchgefüttert werden. Und das ist im Kapitalismus – wie alle anderen Fragen – eine Kostenfrage. Können wir uns das leisten? Nicht erst irgendeine Antwort ist unerträglich, unerträglich ist schon, dass solch eine Frage überhaupt gestellt werden kann. Eine typische Lupus-Frage: Fressen oder gefressen werden.

Für diese Gesellschaft gilt: Gefühlshaushalt und Haushalteinkommen korrespondieren. Die zentrale Angst, aber auch der negative Antrieb des bürgerlichen Individuums ist die Furcht vor der Wertlosigkeit. Die Angst funktioniert wie ein Stachel im Fleisch der Warensubjekte, die sich auf den Markt tragen um sich als Äquivalent in Wert zu setzen. „Ich tausche, also bin ich!“, so der Urschrei des kapitalistischen Subjekts.“ (Franz SchandlJeder ist seines Unglückes Schmied)