Das Wachstum

„Jetzt ist Krise, was aber für die Arbeitskraft in dieser Hinsicht nur bedeutet, dass Alles, was auch sonst kapitalistisches Gebot ist, nun – im Namen der Überwindung der Krise – erst recht greifen muss: schon wieder niedrige Lohnabschlüsse, flexible Arbeitszeiten, Kurzarbeit, Entlassung von Zeitarbeitern und was es sonst so an kapitalistischen Zumutungen gibt. Zugunsten des Wachstums haben die eigenen Wünsche und Bedürfnisse immer hintanzustehen. Bescheidenheit von einem selbst wird eingefordert, damit die Wirtschaft vorankommt, der „Wohlstand für alle” ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf den eigenen Wohlstand. Bescheidenheit praktisch erzwungen und als eingeforderte Tugend – das ist die Maxime unter der ein Leben in Lohnarbeit insgesamt geführt zu werden hat:
- Kommt nämlich nach der Krise die „Erholung“, verträgt die auf gar keinen Fall irgendwelche Lohnforderungen.
- Und wenn die Wirtschaft so richtig boomt und die Preise auf breiter Front steigen, dann gibt es von Seiten der Arbeitgeberverbände und der Wirtschaftsweisen ein wahres Trommelfeuer: Dieser eine Preis, nämlich der Lohn, darf auf keinen Fall steigen, denn das würde den schönen Boom kaputt machen, und die Bundesbank steuert noch das hochklassige Argument der „Lohn-Preis-Spirale“ bei: Wenn bei allgemein steigenden Preisen auch noch der Lohn steigt, dann können die anderen Preise gar nicht anders, als noch mehr steigen – wenn man also als arbeitender Mensch von steigenden Preisen verschont bleiben will, dann muss man seinen eigenen Preis niedrig halten.
Für alle Phasen des Wachstums gilt also die Maxime: „Lohnzurückhaltung!” Und in allen Phasen gibt es ein und dieselbe Begründung, warum das für die „lohnabhängig Beschäftigten” gut ist: Nur das sichert die Arbeitsplätze! Das ist ein interessantes Eingeständnis: Wenn sich die „lohnabhängig Beschäftigten” etwas vom Wachstum erwarten können, dann ist es eben das – einen Arbeitsplatz – was der an Lohn bringt, an Leistung verlangt und wie lange einem so ein „Platz“ erhalten bleibt – das ist keine Frage. „Hauptsache Arbeit“ – darin besteht der„Wohlstand“ der Lohnarbeiter und für den haben sie sich unablässig Zurückhaltung aufzuerlegen.“ (Gegenstandpunkt Marburg – Das Wachstum)