Marktwirtschaft – Was ist das?

Der Name “Marktwirtschaft” stand für dieses Programm der ideologischen Anpreisung, nämlich so: Man sollte schon in der Namensgebung darauf verzichten, das bei uns übliche Produzieren und Verkaufen nach dem es bestimmenden Zweck zu charakterisieren, wie man das bei der Betrachtung früherer Produktionsweisen heute noch richtig findet: “Subsistenzwirtschaft” und “Merkantilsystem” sind modernen Wirtschaftswissenschaftlern keine Unbekannten. Auch die Stellung, die ein System den Produzenten zuweist, und die Interessensgegensätze, die daraus hervorgehen, fand man bei historischen Formen bezeichnend, man spricht von “Sklavenwirtschaft” und der “feudalen Produktionsweise”. Unsere Wirtschaft soll sich dagegen durch eine Ordnungsidee von anderen unterscheiden, durch eineVerkehrsform, die in ihr üblich ist und ihren Erfolg verbürgt. Die real existierende Marktwirtschaft kennt keinen allgemeinen Produktionszweck, sondern will als Methode, eine arbeitsteilige Wirtschaft z u organisieren, aufgefaßt werden. Die Betrachtung der westlichen Wirtschaft als Technik ihres eigenen Erfolgs, als Steuerungsmechanismus für Wirtschaftsprozesse verschweigt nichts, wenn sie Ware und Geld, Lohn, Preis und Profit als Lenkungsmittel des wohlgemerkt auf sie zielenden Wirtschaftens “versteht”. Sie tut nur eben dies!

Diese Veränderung der Optik hatte durchschlagenden ideologischen Erfolg: Den Kapitalismus nicht nach seinen häßlichen Eigenschaften, sondern nach einer vermeintlichen Funktionsweise als funktioniererden zu charakterisieren, hat zuletzt sogar bei seinen ehemaligen linken Gegnern den Irrtum geschürt, die Rede sei von einer erfolgreichen Wirtschaftsmethode, die doch irgendwie allgemeiner und für beliebige andere Ziele anwendbar sei, als bloß für die mißbilligte kapitalistische Ausbeutung. Jetzt sind sie die letzten Verfechter der kapitalistischen Legitimationsidee: Marktwirtschaft wollen sie alle, Kapitalismus soll das nicht sein.

Derweil sind die Ideologen des Kapitalismus naturgemäß einen Schritt weiter. Seit ihre alten Gegner selber keinen Sozialismus mehr, nur noch Marktwirtschaft mit der kleingedruckten Fußnote “nicht die kapitalistische” wollen, bestehen sie offensiv darauf, daß Marktwirtschaft kapitalistisch oder gar nicht geht. Damit widerrufen sie freilich nicht die alte Lüge, Geldmachen wäre eine unschlagbare gesellschaftliche Ordnungsidee – sie melden bloß für ihren Laden das Monopol auf diese Lüge an. (MSZ 1991/3: Marktwirtschaft – Was ist das?)


1 Antwort auf „Marktwirtschaft – Was ist das?“


  1. 1 Was ist Marktwirtschaft? « Leben im Falschen Pingback am 26. Juni 2012 um 15:41 Uhr
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