Archiv für Juni 2012

Die einfache Warenzirkulation

„Die einfache Warenzirkulation – der Verkauf für den Kauf – dient zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck, die Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos. Als bewußter Träger dieser Bewegung wird der Geldbesitzer Kapitalist. Seine Person, oder vielmehr seine Tasche, ist der Ausgangspunkt und der Rückkehrpunkt des Geldes. Der objektive Inhalt jener Zirkulation – die Verwertung des Werts – ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital. Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelnen Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnes. Dieser absolute Bereicherungstrieb, diese leidenschaftliche Jagd auf den Wert ist dem Kapitalisten mit dem Schatzbildner gemein, aber während der Schatzbildner nur der verrückte Kapitalist, ist der Kapitalist der rationelle Schatzbildner. Die rastlose Vermehrung des Werts, die der Schatzbildner anstrebt, indem er das Geld vor der Zirkulation zu retten sucht, erreicht der klügere Kapitalist, indem er es stets von neuem der Zirkulation preisgibt.“ (Karl Marx, Kapital, 2. Abschnitt, 4. Kapitel, Verwandlung von Geld in Kapital )

Das Wachstum

„Jetzt ist Krise, was aber für die Arbeitskraft in dieser Hinsicht nur bedeutet, dass Alles, was auch sonst kapitalistisches Gebot ist, nun – im Namen der Überwindung der Krise – erst recht greifen muss: schon wieder niedrige Lohnabschlüsse, flexible Arbeitszeiten, Kurzarbeit, Entlassung von Zeitarbeitern und was es sonst so an kapitalistischen Zumutungen gibt. Zugunsten des Wachstums haben die eigenen Wünsche und Bedürfnisse immer hintanzustehen. Bescheidenheit von einem selbst wird eingefordert, damit die Wirtschaft vorankommt, der „Wohlstand für alle” ist gleichbedeutend mit dem Verzicht auf den eigenen Wohlstand. Bescheidenheit praktisch erzwungen und als eingeforderte Tugend – das ist die Maxime unter der ein Leben in Lohnarbeit insgesamt geführt zu werden hat:
- Kommt nämlich nach der Krise die „Erholung“, verträgt die auf gar keinen Fall irgendwelche Lohnforderungen.
- Und wenn die Wirtschaft so richtig boomt und die Preise auf breiter Front steigen, dann gibt es von Seiten der Arbeitgeberverbände und der Wirtschaftsweisen ein wahres Trommelfeuer: Dieser eine Preis, nämlich der Lohn, darf auf keinen Fall steigen, denn das würde den schönen Boom kaputt machen, und die Bundesbank steuert noch das hochklassige Argument der „Lohn-Preis-Spirale“ bei: Wenn bei allgemein steigenden Preisen auch noch der Lohn steigt, dann können die anderen Preise gar nicht anders, als noch mehr steigen – wenn man also als arbeitender Mensch von steigenden Preisen verschont bleiben will, dann muss man seinen eigenen Preis niedrig halten.
Für alle Phasen des Wachstums gilt also die Maxime: „Lohnzurückhaltung!” Und in allen Phasen gibt es ein und dieselbe Begründung, warum das für die „lohnabhängig Beschäftigten” gut ist: Nur das sichert die Arbeitsplätze! Das ist ein interessantes Eingeständnis: Wenn sich die „lohnabhängig Beschäftigten” etwas vom Wachstum erwarten können, dann ist es eben das – einen Arbeitsplatz – was der an Lohn bringt, an Leistung verlangt und wie lange einem so ein „Platz“ erhalten bleibt – das ist keine Frage. „Hauptsache Arbeit“ – darin besteht der„Wohlstand“ der Lohnarbeiter und für den haben sie sich unablässig Zurückhaltung aufzuerlegen.“ (Gegenstandpunkt Marburg – Das Wachstum)

Was ist Marktwirtschaft?

„Marktwirtschaft‘: Kein Name für eine Sache, sondern programmatische Ideologie, geboren im Systemvergleich – Der Markt als ‚beste Methode der Verteilung‘. Der Markt als gelungene Kombination von Freiheit und Zwang angesichts knapper Güter und maßloser Bedürfnisse. Der Markt als Verhinderung des Machtmonopols der Produzenten, Verpflichtung zur Effizienz und Ausgleich von Konsumenten- und Produzenteninteresse – ganz ohne Kommando. Die Wahrheit des Marktes: Konkurrenz um die Realisierung lohnender Preise. Der Markt als spontane oder selbstregulierende Organisation der Produktion. Der Markt kein Ort, sondern die Zirkulation des Kapitals – Diskussion: Der Markt als die effizienteste Antwort auf die Unvernunft des Menschen. Die ‚Theorie‘ von der ‚invisible Hand‘: Die Metaphysik der VWl und ihr Nutzen für das wasserdichte Lob des Kapitalismus – Nachträge: Staat und Markt.“ (Aufzeichnung vom Januar 2001 in Nürnberg mit Dr. Peter Decker / Quelle & MP3: http://doku.argudiss.de/?Kategorie=MuI#77 / Weiterer Artikel zum Thema)

Jeder ist seines Unglückes Schmied

„Was sich nicht rechnet, ist im Kapitalismus bekanntlich zum Untergang verurteilt. Ökonomisch betrachtet sind daher auch Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene zusehends als zu kriminalisierende Elemente. Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff „erwerbslos“ macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, ist Degradierung und Deklassierung. Jene sind nicht einmal mehr Proletarier.

„Ich bin nichts!“, „Es geht nichts!“, „Aus mir wird nichts!“. So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Die Folge ist eine extensive Getriebenheit der Subjekte, angehalten, sich zu verwerten (und andere zu entwerten), um ja nicht unterzugehen. Zumutung transformiert sich in Selbstzumutung. Der Knecht ist sein eigener Herr und zu ihm gibt es keine Distanz – er haust im selben Körper. Es herrscht Zucht durch Selbstbeherrschung.

Der Fragesatz „Was bist du?“ oder „Was willst du werden?“ drückt aus, was einen am anderen primär zu interessieren hat: Die erreichte oder die angestrebte Stellung. Nicht er oder sie selbst, sondern Funktion, Rolle, Karriere. Du bist ein Nichts, wenn du nichts bist. Das Problem ist hier, dass da Biomasse entsteht, die frisst, aber nicht verwertbar ist. Sie muss durchgefüttert werden. Und das ist im Kapitalismus – wie alle anderen Fragen – eine Kostenfrage. Können wir uns das leisten? Nicht erst irgendeine Antwort ist unerträglich, unerträglich ist schon, dass solch eine Frage überhaupt gestellt werden kann. Eine typische Lupus-Frage: Fressen oder gefressen werden.

Für diese Gesellschaft gilt: Gefühlshaushalt und Haushalteinkommen korrespondieren. Die zentrale Angst, aber auch der negative Antrieb des bürgerlichen Individuums ist die Furcht vor der Wertlosigkeit. Die Angst funktioniert wie ein Stachel im Fleisch der Warensubjekte, die sich auf den Markt tragen um sich als Äquivalent in Wert zu setzen. „Ich tausche, also bin ich!“, so der Urschrei des kapitalistischen Subjekts.“ (Franz SchandlJeder ist seines Unglückes Schmied)

Woraus besteht die Gesellschaft?

„Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn. Als ob einer sagen wollte: Vom Standpunkt der Gesellschaft aus existieren Sklaven und citizens nicht: sind beide Menschen. Vielmehr sind sie das außer der Gesellschaft. Sklav sein und citizen sein, sind gesellschaftliche Bestimmungen, Beziehungen der Menschen A und B. Der Mensch A ist als solcher nicht Sklav. Sklav ist er in der und durch die Gesellschaft.“ (Karl Marx, Grundrisse, S. 189)