Archiv für März 2012

Kristeva über die Seele

„Man hat weder die nötige Zeit noch den nötigen Raum, um sich eine Seele zu bilden. Der simple Verdacht einer solchen Sorge wirkt lächerlich und deplatziert. Der von sich selbst besessene moderne Mensch ist ein vielleicht leidender, doch reueloser Narziß. Der Schmerz trifft ihn körperlich: Er somatisiert. Wenn er klagt, dann um sich desto besser in der Klage zu gefallen, die er sich als ausweglos wünscht. Ist er nicht deprimiert, dann begeistert er sich für zweitrangige, abgewertete Objekte mit einer perversen Lust, die keine Befriedigung erfährt. Er, der in einer beschleunigten Zeit und einem zerstückelten Raum wohnt, hat häufig Mühe, an sich selbst eine Physiognomie zu erkennen. Dieses Amphibium ohne sexuelle, moralische oder subjektive Identität ist ein Grenzmensch, ein »Borderline-Fall« oder »wrong-self«. Ein Körper, der handelt, meist auch noch ohne Freude an diesem Leistungsrausch. Der moderne Mensch ist dabei, seine Seele zu verlieren. Er weiß es aber nicht, denn es ist gerade der psychische Apparat, der für das Subjekt die Vorstellungen und deren Sinnwerte aufnimmt. Die Dunkelkammer ist jedoch außer Betrieb.“ (— Julia Kristeva: Die neuen Leiden der Seele, Hamburg: Junius 1994, S. 14 )

Foucault über die Seele

„Man sage nicht, die Seele sei eine Illusion oder ein ideologischer Begriff. Sie existiert, sie hat eine Wirklichkeit, sie wird ständig produziert – um den Körper, am Körper, im Körper – durch Machtausübung an jenen, die man überwacht, dressiert und korrigiert, an den Wahnsinnigen, den Kindern, den Schülern, den Kolonisierten, an denen, die man an einen Produktionsapparat bindet und ein Leben lang kontrolliert. Historische Wirklichkeit dieser Seele, die im Unterschied zu der von der christlichen Theologie vorgestellten Seele nicht schuldbeladen und strafwürdig geboren wird, sondern aus Prozeduren der Bestrafung, der Überwachung, der Züchtigung, des Zwanges geboren wird. Diese wirkliche und unkörperliche Seele ist keine Substanz; sie ist das Element, in welchem sich die Wirkungen einer bestimmten Macht und der Gegenstandsbezug eines Wissens miteinander verschränken; sie ist das Zahnradgetriebe, mittels dessen die Machtbeziehungen ein Wissen ermöglichen und das Wissen die Machtwirkungen erneuert und verstärkt. […] Doch täusche man sich nicht: man hat an die Stelle der Seele, der Illusion der Theologen, nicht einen wirklichen Menschen gesetzt. Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine “Seele” wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Gefängnis des Körpers.“ (Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1994, S. 41f.)

Arbeit, Arbeit über alles?

„Das Niederschmetternde einer auf Gedeih und Verderb an die Verwertung von Kapital geketteten Gesellschaft besteht darin, dass in ihr das millionenfache Verhungern von Menschen, die zwar Lebensmittel „nachfragen“, aber eben über keine zahlungskräftige Nachfrage verfügen, achselzuckend in Kauf genommen wird. Das Obszöne dieser Gesellschaft besteht darin, dass Luxus und Genuss den meisten Menschen auch in den materiell vergleichsweise abgesicherten Weltgegenden vorenthalten werden, obwohl das angesichts der entwickelten menschlichen und gesellschaftlichen Fähigkeiten nicht notwendig wäre. Nicht etwa weil das irgendwelche finsteren Mächte so beschlossen hätten, sondern weil es schlicht der Logik des Systems der Kapitalakkumulation entspricht, gegen das es heute keine wahrnehmbaren Einwände mehr gibt – es sei denn von Leuten, welche die bestehende Gesellschaft durch noch Schlimmeres ersetzen wollen.“ (Stephan Grigat – Arbeit, Arbeit über alles?)

„Ich wurde vom Höhepunkt ihrer Feier aufgesogen.“

„Ich wurde vom Höhepunkt ihrer Feier aufgesogen. Es kam mir so vor, als feierten sie eine große Party anlässlich des Endes der Welt, um noch einmal so richtig einen draufzumachen. Sie kannten jede Menge Ausreden und Phrasen, die darauf hinausliefen, dass sie jung und noch lange nicht tot waren. Sie waren wild entschlossen, ihr Leben zu genießen, sich für all die hinter ihnen und vermutlich noch vor ihnen liegenden schlechten Zeiten zu entschädigen. Sie sagten ständig an, wie viel sie noch saufen und wie viel Spaß sie haben würden. Sie amüsierten sich königlich, das war offensichtlich, aber ich hatte den Verdacht, dass sie nicht den Augenblick genossen, sondern nur der Wirklichkeit entkommen wollten; vielleicht traten sie einfach einen Schritt zurück und bliesen alles zu einer tollen Geschichte auf, vielleicht konnten sie nur zuschauen, wie ihr Leben an ihnen vorbeizog.“ (Hugo Hamilton: Mein irischer Freund.)

Mandel: Systemkonforme Gewerkschaften?

„Die moderne Gewerkschaftsbewegung ist ein Produkt der ersten Phase des modernen Kapitalismus, der Phase der freien Konkurrenz. Die kapitalistische Produktionsweise schließt den Produzenten von jeglichem freien Zugang zu Produktions- und Lebensmitteln ab, zwingt ihn, seine Arbeitskraft zu verkaufen, um die Mittel zum unmittelbaren Lebensunterhalt zu erringen, und verwandelt somit diese Arbeitskraft in eine Ware. Wie jeder Warenbesitzer begibt sich der Besitzer der Ware „Arbeitskraft“ auf den Markt, um diese zu verkaufen. Wie jede Ware wird auch die Ware „Arbeitskraft“ letzten Endes zu ihrem Wert, d.h. zu ihrem gesellschaftlich durchschnittlichen Produktionspreis verkauft. Nur befindet sich der Verkäufer der Ware „Arbeitskraft“ in einer, durch die kapitalistische Produktionsweise bedingten, besonderen, verglichen mit jener aller anderen Warenbesitzer im Kapitalismus institutionell unterschiedlichen Lage. Er ist gezwungen, seine Ware zum laufenden Marktpreis zu verkaufen, weil er diese nicht vom Markt zurückziehen kann, um eine günstigere Marktlage abzuwarten. Weigert er sich, den laufenden Marktpreis anzunehmen, so gerät er in Gefahr, zusammen mit seiner Familie zu verhungern. Deshalb wird unter normalen Bedingungen des Kapitalismus, vor allem, wenn die strukturelle Erwerbslosigkeit hoch ist (und die beginnende Industrialisierung bedingt dieses hohe Niveau, mit Ausnahme der bevölkerungsleeren Ansiedlungskolonien), die Ware „Arbeitskraft“ laufend unter ihrem Wert verkauft.

Die moderne Gewerkschaftsbewegung entsteht als Reaktion der Lohnarbeiter auf diesen Tatbestand. Wird die Konkurrenz zwischen den Unternehmern auf die Konkurrenz zwischen den Verkäufern der Ware „Arbeitskraft“ ausgedehnt, so sind die Lohnabhängigen hilflos der Tendenz des Sinkens des Lohnes unter die Produktionskosten der Arbeitskraft ausgesetzt. Gewerkschaften sind demnach ein Versuch, die Atomisierung der Lohnabhängigen einzuschränken und die institutionelle Ungleichheit von Käufer und Verkäufer der Ware „Arbeitskraft“ wenigstens dadurch einzuschränken, daß der Verkauf nicht mehr individuell, sondern kollektiv stattfindet.

An und für sich sind demnach Gewerkschaften nicht systemsprengend im Kapitalismus. Sie sind nicht Mittel zur Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung, sondern nur Mittel zu einer für die Masse der Lohnabhängigen erträglicheren Ausbeutung. Sie sollen die Löhne erhöhen, nicht die Lohnarbeit überhaupt aufheben. Aber gleichzeitig sind die Gewerkschaften an und für sich auch nicht systemkonform im Kapitalismus. Denn indem sie dem Sinken der Reallöhne Einhalt gebieten und wenigstens periodisch und unter bestimmten Bedingungen günstige Fluktuation von Nachfrage und Angebot an Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zur Hebung des Marktpreises dieser Ware ausnützen können, erlauben sie der organisierten Masse der Arbeiterschaft ein Minimum an Konsum und Bedürfnissen zu übersteigen, so daß Klassenorganisation, Klassenbewußtsein und wachsendes Selbstvertrauen erst in breiterem Ausmaß entstehen und die Vorbedingungen für einen systemsprengenden Kampf breiterer Massen überhaupt erst erzeugen können.[…]“ (Ernest Mandel – Systemkonforme Gewerkschaften? – 1970 – Weiterlesen beim Ernest Mandel Internet Archiv)