Archiv für Januar 2012

Shakespeare’s »Wie Es Euch Gefällt«

Jacques.
»Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und geben wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied
Auf seiner Liebsten Braun; dann der Soldat,
Voll toller Flüch und wie ein Pardel bärtig,
Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,
Bis in die Mündung der Kanone suchend
Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter
Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,
Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,
Voll weiser Sprüch und Allerweltssentenzen
Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter
Macht den besockten, hagern Pantalon,
Brill auf der Nase, Beutel an der Seite;
Die jugendliche Hose, wohl geschont,
’ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;
Die tiefe Männerstimme, umgewandelt
Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt
In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem
Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,
Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,
Ohn Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles. «
(William Shakespeare – Wie es euch gefällt, Zweiter Aufzug, Siebte Szene – Veröffentlicht 1623)

Wie realisiert man den Kommunismus?

Sollte der Kapitalismus nicht längst tot sein? Obwohl durch eine anhaltende Verschuldungskonjunktur und die aktuelle Finanzkrise mittlerweile selbst zu einem substanzlosen Gespenst geworden, wird der Kapitalismus offenbar doch noch ewig weiterleben. Die Idee des Kommunismus dagegen ist zwar nicht mehr durch die Zumutungen eines »real existierenden Sozialismus« belastet, und auch Karl Marx hat wieder einen guten Ruf. Dafür ist der Kommunismus endgültig zu einem bloßen Namen und Platzhalter für das ganz Andere geworden. Für sei­ne Notwendigkeit sprechen weder die objektiven (Klassen)Widersprüche des Kapitalismus noch seine geschichtliche Entwicklung, gleichgültig, ob man diese Entwicklung als den Fortschritt seiner Produktivkräfte auslegen will oder als den Fortschritt seiner Krisen. Und auch Marx, so hat sich mittlerweile selbst bei seinen Kritikern herumgesprochen, hat gar keine Wissenschaft vom Kommunismus begründet. Ja, er hat nicht ein­mal eine positive Ökonomietheorie oder gar eine »revolutionäre Wissenschaft« begründet, sondern »nur« den Kapitalismus durch eine negativ gehaltene, logisch-systematische Entwicklung kritisch dargestellt. Kurz­um, einzig die Alternativlosigkeit des Kapitalismus scheint noch für die Notwendigkeit des Kapitalismus zu sprechen. Ist angesichts dieser Situation mit Lenin erneut zu fragen: »Was tun?« Oder eher postmarxistisch: »So what?!« Es geht also um die Probleme einer (Neu)Bestimmung des Kommunismus in nichtrevolutionären Zeiten und einer postutopischen Situation.

Mit: Rüdiger Mats und Frank Engster auf dem …umsGanze! Kongress Dezember 2010 (Text & Quelle: Ums Ganze / Vortrag als MP3)

Ingo Elbe: Anonyme Herrschaft im Kapitalismus


Die Herr­schafts­struk­tur im Ka­pi­ta­lis­mus un­ter­schei­det sich grund­le­gend von allen vor­he­ri­gen Ge­sell­schafts­for­ma­tio­nen. Karl Marx hat die­sen Herr­schaft­s­ty­pus als auch »sach­li­che Ab­hän­gig­keit« be­zeich­net: Wäh­rend die In­di­vi­du­en frü­her nur von­ein­an­der und von der Natur ab­hin­gen, seien sie heute zu­sätz­lich einem be­stimm­ten ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis un­ter­ge­ord­net, dem Wert bzw. dem Ka­pi­tal. Die Er­for­schung die­ses Sys­tems der Ver­selb­stän­di­gung des ei­ge­nen ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hangs der Pro­du­zen­ten ist denn auch die zen­tra­le In­ten­ti­on sei­ner Kri­tik der po­li­ti­schen Öko­no­mie. Der Vor­trag soll eine Ein­füh­rung in die Marx­sche Be­griff­lich­keit an­ony­mer Herr­schaft sein, in der zen­tra­le Ka­te­go­ri­en wie Wert, Cha­rak­ter­mas­ke oder au­to­ma­ti­sches Sub­jekt er­läu­tert wer­den. Zu­gleich soll gegen eine fal­sche Per­so­na­li­sie­rung des stum­men Zwangs der Ver­hält­nis­se und gegen eine Auf­lö­sung in­di­vi­du­el­ler Ver­ant­wor­tung in einem falsch ver­stan­de­nen Struk­tu­ra­lis­mus ar­gu­men­tiert wer­den. (Text & Quelle: Kritikmaximierung / Vortrag als MP3: Audioarchiv)

Ingo Elbe: Was ist eigentlich der Staat?

Die Auseinandersetzung mit marxistischer Staatstheorie von Ingo Elbe befasste sich mit der Darstellung einer Theorie des bürgerlichen Staates, ausgehend von den Kategorien und Bestimmungen von Karl Marx. Dabei grenzte er sich zunächst von zwei anderen, im weitesten Sinne linken Staatskonzeptionen ab:

1. Staat im Kapitalismus: Der Staat würde als neutrale Instanz gesellschaftlicher Vermittlung verstanden, dessen Zweck die Vertretung des ,Allgemeinwohls’ darstelle. Diese Position wurde von Ingo Elbe als prinzipiell staatsaffirmativ charakterisiert. Das heißt, es finde keine Kritik an der Form des Staates an sich statt, denn es würden lediglich vermeintliche oder reale
Partikularinteressen kritisiert, da diese dem ›Allgemeinwohl’ zuwiderlaufen würden.

2. Staat der Kapitalist_Innen: Der Staat würde in dieser Konzeption, vorwiegend im Marxismus-Leninismus, als Instrument der herrschenden, ausbeutenden (Kapitalist_Innen)Klasse begriffen. Dessen Zweck sei die Sicherung der ausbeutenden Klasse vor der ausgebeuteten. Dies baue, so Elbe, auf einem verkürzten Verständnis des Kapitalismus, welcher durch personale Ausbeutung und Herrschaft gekennzeichnet sei, auf. In dieser Interpretation fielen die ökonomisch und politisch herrschenden Klassen zusammen. (Text: Was uns Beherrscht Broschüre Seite 4 / Quelle & Vortrag als Mp3: Association Critique)

Marx & Engels über die Aufhebung von Privateigentum

»Ihr entsetzt euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben wollen. Aber in eurer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben; es existiert gerade dadurch, daß es für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigentum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehrzahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt. Ihr werft uns mit einem Worte vor, daß wir euer Eigentum aufheben wollen. Allerdings das wollen wir.« (Karl Marx und Friedrich Engels ‚Manifest der Kommunistischen Partei)