Raul Vaneigem: »Die Allgegenwart der Arbeit«

»Sie verbringen die Woche in der Erwartung daß die Arbeit Sonntagskleider anlegt.

Sie ziehen von Montag bis Freitag ihre Dienstuniform an – so gehen sie zur Freizeit, wie sie zur Frontarbeit gehen. Fast spucken sie in die Hände, bevor sie einen Pernand-Vergessels kippen, in den Louvregängen herumschlendern, Baudelaire rezitieren oder wild Unzucht treiben. Zur festgesetzten Zeit und Stunde verlassen sie die Büros, die Werkstätten und die Ladentische, um sich im gleichen Takt der Bewegungen in eine abgemessene, verbuchte Zeit zu stürzen. Stück für Stück wird diese Zeit mit Namen beschriftet, die wie Fläschchen klingen, die man fröhlich öffnet: Wochenende, Urlaub, Feier, Ruhe, Freizeit, Ferien. So sehen die Freiheiten aus, die ihnen die Arbeit bezahlt und die sie mit ihrer Arbeit bezahlen.

Mit großer Sorgfalt üben sie die Kunst, der Langeweile Farben aufzutragenn, indem sie die Leidenschaft am Preis der Exotik, eines Liters Alkohols, eines Gramms Kokain, der Ausschweifung, der politischen Auseinandersetzung messen. Mit versiert-stumpfem Auge beobachten sie die kurzlebigen Notierungen der Mode, die von Rabatt zu Rabatt den Absatz der Sonderangebote kanalisiert: Kleider, Fertiggerichte, Ideologien, Ereignisse und die Stars auf dem Gebiet des Sports, der Kultur, der Wahlen, des Verbrechens, des Journalismus und der Geschäfte, die das Interesse an alldem wachhalten.

Sie glauben ein Leben zu führen, aber das Leben führt sie durch die nicht enden wollenden Hallen einer alles umfassenden Fabrik. Ob sie lesen, basteln, schlafen, reisen, meditieren oder vögeln, sie gehorchen fast immer dem alten Reflex, der jeden Arbeitstag durch die Führung hat. Macht und Profit halten die Fäden in der Hand. Sind die Nerven rehcts überspannt? Sie entspannen sich links, und die Maschine springt wieder an. Eine Belanglosigkeit ist in der Lage, sie über das Untröstliche hinwegzutrösten. Nicht ohne Grund haben sie jahrhundertelang unter dem Namen Gott einen Sklavenhändler verehrt, der nur einen von sieben Tagen zum Ausruhen zugestand und darüberhinaus verlangte, daß dieser seinem Lobgesang gewidmet sei.

Und dennoch fühlen sie, wissen sie am Sonntagnachmittag, so gegen vier Uhr, daß sie verloren sind, daß sie, wie in der Woche, das Beste von sich in der Morgendämmerung zurückgelassen haben, daß sie nicht aufgehört haben zu arbeiten.« (An die Lebenden)