Raul Vaneigem: »Das tägliche Exil«

»Obwohl der Tag sich schön angkündigt, schlägt er immer in Enttäuschung um. Das Grau-in-Grau der Arbeit trübt das Licht. Das Rasseln des Weckers verleiht dem Reigen der Stunden eine militärische Strenge. Man muß losgehen, das Undeutliche der Nacht verlassen, dem Ruf der Pflicht folgen wie dem Pfiff eines unsichtbaren Herren. Die morgendliche Verdrießlichkeit bestimmt den Schauplatz. Die Augen öffnen sich vor dem symmetrischen Labyrinth der Mauern. Woher soll man im voraus wissen, ob man sich eher auf der einen als auf der anderen Seite, innerhalb oder außerhalb der Möbius-Caroons befindet, in denen unaufhörlich Straßen, Wohnhäuser, Fabriken, Schulen und Büros auftauchen?

Sobald sie die Decke nächtlicher Träumereien voller Leichtsinn und Ruhelosigkeit zurückgeschoben haben, werden sie von der Notwendigkeit ergriffen, die sie zu dem Hin und Her eines mühseligen Schicksals schleift. Die Zivilisation schindet sie. Nun stehen sie da, ausgerüstet für den Hindernislauf des Rekruten, bereit, eine Welt zu erobern, von der sie ihrerseits schon seit langem erobert worden sind und die sie nur mit den Füßen voran verlassen lernen. Wo wären ihre Moral, ihre Philosophie, ihre Religion, ihr Staat, ihre gesittete Gesellschaft, all das, was ihnen das Recht gibt, allmählich und brav für etwas zu sterben, ohne das Trompetensignal, das sie auf den rechten Weg zurückbringt?

Eine eiserne Hand ist nötig, um sie daran zu hindern, dorthin zu gehen, wo es ihnen gefällt. Die nächtliche Beruhigung hat die peinliche Wirkung, sie vergeßlich zu machen. Wenn, wie sie versichern, die Gewohnheit eine zweite Natur ist, so gibt es also auch eine erste, die den Befehlen der Routine gegenüber zum Glück taub ist. Aus dem Schlaf gerissen, sträubt sich der Körper tatsächlich; er wehrt sich, bäumt sich auf, rekelt sich und streckt sich faul in die Länge. Der Kopf mag noch so sehr darauf bestehen und beharren, der Körper – dieser Lümmel – bleibt dabei, niemals bereitwillig hinzugehen. Das Gefühl läßt sich nicht besser beschreiben: Um mit ganzem Herzen bei der Arbeit zu sein, muß man fast herzlos sein.

In der Sonne und im Bett drängen anbrandende Verpflichtungen den Schaum wollüstiger Verlockungen zurück. Die Weichheit der Laken, das Umschlingen nackter Arme, die Gegenwart des geliebten Menschen, die Lust, durch Straßen und Felder zu schlendern – alles flüstert mit verwirrender Einfachheit: „Nimm dir Zeit oder die Zeit nimmt dich … Es gibt nur die Lust oder den Tod“

Auf scnelle Berechnung gedrillt, hat der Verstand aber bald wieder die Herde der Zwänge zusammengetrieben. Schon in der ersten Phase der Überlegung senkt sich das buchhalterische Gitter der Arbeitszeit herab, es läßt die Begierden – ohnehin nur Trugbilder! – nicht durch. Der Tagesablauf, gehörig gerastert, schreibt eine zwar gewählte, aber widerwillig gewählte Wirklichkeit ins reine – zu Lasten einer anderen Wirklichkeit, derjenigen des Körpers, der lauthals die Freiheit einfordert, endlos begehren zu dürfen.

Alles läuft so ab, als ob es nur eine einzige Welt gäbe, während die zweite sich im Nebel eines kindischen Märchenreichs verflüchtigt. Das Porzellan der Träume zersplittert in der Aufregung der Geschäfte und der lukrativen Tätigkeiten – und dies buchstäblich in einem Augenblick. Der Abend fügt die Überreste der arbeitenden Menschen wieder zusammen. Dann verleimt die Nacht die Begierden erneut, die der Besen mechanischer Griffe zum Abfall gekehrt hat. Sie bessert sie aus, so gut es eben geht: zehn flasche, eine richtige – auf die Liebe hin, falls sie noch da ist.

Im Morgengrauen wiederholt sich das Szenario, angereichert mit den Mühen des Vortags. Sind endlich Tag und Nacht durcheinandergebracht, umschließt das Bett einen endgültig besiegten Körper und begräbt in seinem Leichentuch ein Leben, das so oft fast erwacht wäre. Dies nennen sie die „harte Wirklichkeit der Dinge“ oder, mit ergötzlichem Zynismus, die „conditio humana“.« (An die Lebenden)