Rudi Dutschke über den bürgerlichen Charakter

»Unsere Charakterstruktur, der bürgerliche Charakter des Individuums im Spätkapitalismus im allgemeinen, zeichnet sich dadurch aus, dass er auf der einen Seite – geprägt durch die ihn hervorbringende Gesellschaft – sehr aktiv und bewusst in das Leben der Gesellschaft eingreift. Dabei schuf der bürgerliche Charakter ungeheuren Reichtum für die Bedürfnisbefriedigung der Menschen, er schuf einen ungeahnten Reichtum, der die historisch einzigartige Chance begründete, ein Leben jenseits materieller Not zu führen, ein Leben einzurichten, in der die Losung sein kann: „Alle Menschen sollen essen und wenig arbeiten“ (Horkheimer).

Der Widerspruch des bürgerlichen Charakters besteht nun gerade darin, dass diese von ihm geschaffenen Produktivkräfte, diese akkumulierten Reichtümer für die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse sich ihm gegenüber verselbständigt haben, sie ihm gegenüber fremd geworden sind. Aus dieser Trennung der Produzenten von den Produkten entsteht jenes früher beschriebene Phänomen der gesellschaftlichen Entfremdung, entsteht aber gleichermaßen jenes Gefühl der Ohnmacht des einzelnen dem bestehenden System gegenüber, was ein Teil der herrschenden Verdinglichung und Entfremdung des einzelnen darstellt.

Dieses „Gefühl der Ohnmacht“ (Fromm) ist im bürgerlichen Charakter der Individuums im wesentlichen unbewusst. Durch den tagtäglichen Produktionsprozess, durch die tagtägliche Funktionalisierung des einzelnen durch die Gesellschaft, wird diese Haltung des einzelnen vertieft, wird neurotisiert zu der tiefen Überzeugung von der eigenen Ohnmacht, von der Machtlosigkeit. Aus dieser Neurose entsteht die Unfähigkeit, sich in der Welt zurech zu finden, sich in ihr zu erkennen, für sich einen richtigen sinnvollen Platz in der Welt zu finden. Die so entstehende Hilflosigkeit, ob nun in der einer fremden Stadt oder in einer neuen Klasse, liefert das Individuum den herrschenden Mächten aus, macht es jederzeit fungibel, verwertbar für die Herrschaftsbedürfnisse des Kapitals.«